Dom Perignon vom Reichsmarschall

In der «Weltwoche» zeigte sich Chefredaktor und SVP-Nationalrat Roger Köppel beeindruckt über eine mehr als 40 Jahre alte Biografie des Naziverbrechers Hermann Göring. Was ist das für ein Buch?

Tollkühner Fliegerheld? Hermann Göring als Pilot im Ersten Weltkrieg. Foto: (Keystone/SZ Photo, Scherl)

Tollkühner Fliegerheld? Hermann Göring als Pilot im Ersten Weltkrieg. Foto: (Keystone/SZ Photo, Scherl)

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Selten hat eine Ferienlektüre für so viel Aufsehen gesorgt wie diejenige von Roger Köppel. Anfang Januar hat der SVP-Nationalrat im Editorial seiner «Weltwoche» berichtet, wie er über die Feiertage die Göring-Biografie des britischen Journalisten Leonard Mosley gelesen habe. Dieses Buch, das 1974 auf Englisch veröffentlicht wurde, versuche den verurteilten Kriegsverbrecher «zu verstehen, ohne ihn zu rechtfertigen», heisst es bei Köppel. Von «Geschichtslügen» schrieb der Historiker Philipp Sarasin daraufhin in einem Kommentar. Gelesen hat Mosleys «Göring» aber allem Anschein nach niemand ausser Köppel. Auch nicht Phi­lipp Sarasin, der sich in seinen Ausführungen auf eine Kritik von Mosleys Biografie in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» beruft. Was also ist das für ein Buch, dessen Lektüre so zu reden gibt?

Ein eitler «Reichsmarschall»

Leonard Mosleys Biografie entstand aus Interesse an einem Mann, den der britische Journalist im Jahr vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs persönlich kennen gelernt hatte – über Hermann Görings Adjutanten Karl-Heinrich Bodenschatz, «der sich 1938 während meiner Geburtstagsfeier an unseren Tisch setzt», wie es im Vorwort zur Biografie heisst. Mosley feierte seinen 25. Geburtstag, er war also noch sehr jung. Er war zu dieser Zeit für die Blätter des Kemsley-Konzerns tätig, zu dem damals die «Sunday Times» sowie der «Daily Sketch» gehörten, Letzteres ein konservativ-populistisches Blatt, für das Mosley schrieb (und nicht für die ­«Times», wie es in der «Weltwoche» hiess).

Bei seinen öffentlichen Auftritten erlebte Mosley den späteren «Reichsmarschall» als «grosssprecherischen, lautstarken Antisemiten, der voller Hass und Bosheit die Schlagworte der Partei im Munde führte». Gegenläufig waren die Erfahrungen im persönlichen Umgang mit dem Naziführer: Göring habe «ein sehr charmanter und aufmerksamer Gastgeber sein» können; er sei gerne mit Journalisten zusammen gewesen, «wahrscheinlich aber nur deshalb, weil er durch ihre Berichte in der ganzen Welt bekannt wurde, was seiner Eitelkeit schmeichelte».

So weit Mosleys disparater Eindruck, der das naheliegende Bild eines Kriegsverbrechers bedient, der aber auch Soft Skills zu nutzen weiss. Darüber geht Mosley im Folgenden aber deutlich hinaus: «Ich hatte das Gefühl», dass Göring «die Gespräche mit den Reportern besser gefielen als das langweilige Geschwätz, das er sich im Kreise der Vertrauten Hitlers anhören musste». Mosley behauptet also eine Nähe zu Göring, die derart gross gewesen sein muss, dass dieser «um eine Flasche Champagner mit mir wettete, Grossbritannien werde nicht in einen Krieg gegen Deutschland eintreten». So stark sei der Nazi davon überzeugt gewesen, den Zweiten Weltkrieg vermeiden zu können. «Göring bezahlte seine Wette und schickte mir zwei Wochen nach Kriegsbeginn eine Kiste Dom Perignon.»

Der Nazi als Liebender

Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs als Champagnerwette, der persönliche Kontakt zwischen einer Nazigrösse und einem jungen Journalisten, dem diese Nähe offensichtlich wichtig war: Für Mosley, der nach dem Krieg für die Boulevardzeitung «The Daily Express» arbeitete, waren dies gute Ausgangsbedingungen, um für seine biografischen Recherchen Zugang zu zahlreichen Personen aus dem Umfeld des toten «Reichsmarschalls» zu erhalten. Unter ihnen der Diener Robert Kropp, der Sohn von Görings erster Ehefrau, der bereits erwähnte Adjutant Bodenschatz sowie Görings zweite Ehefrau, die Schauspielerin Emmy Sonnemann. Sie alle kommen bei Mosley ausführlich zu Wort – ohne dass deren Aussagen durch andere Quellen hinterfragt würden.

Unkritisch verhält sich Mosley auch gegenüber dem «offiziellen deutschen Biografen», wie er den Verfasser des Buches «Hermann Göring. Werk und Mensch» nennt, das erstmals 1938 erschien – und aus dem der Brite wiederholt zitiert. Geschrieben hat es Erich Gritzbach, Görings «rechte Hand» – im Auftrag seines Chefs, der einen Grossteil der Tantiemen für sich einstrich. Aus der Nazipropaganda und den Aussagen von Görings Entourage fabriziert Mosley sein Heldenbild des NS-Politikers, der sich im Ersten Weltkrieg bei Flugmanövern «mit den Fussspitzen an seinem Sitz festhielt», während «er nach dem Maschinengewehr» griff und «weit hinausgelehnt (...) auf die feindlichen Soldaten» ballerte, «die das Flugzeug vom Boden aus beschossen». Ein tollkühner Fliegerheld, dieser Göring!

So charakterisierten ihn seine Getreuen und sein Biograf, der uns den Nazi­verbrecher auch als Liebenden vorstellt: über Emmy Sonnemann und die früh verstorbene Karin Fock (eigentlich Carin), die zwei Frauen, mit denen Göring in erster und zweiter Ehe verheiratet war. Bei seinen Ausführungen zu Karin Fock – wie auch in anderen Zusammenhängen – stützt sich Mosley auf eine Karin-Göring-Biografie, die erstmals 1933 erschien. Verfasst wurde sie von Karins Schwester Fanny von Wilamowitz-Moellendorff, die selbst eine glühende Nationalsozialistin war und die mit der Verklärung ihrer Schwester bis 1943 eine Auflage von 700'000 Exemplaren erreichte.

Mosleys Verständnis von Göring ist also wesentlich von ehemaligen Nazis und deren Propaganda bestimmt. Verklärungen finden sich aber auch in Mosleys Ausführungen zu Görings Rolle in der NS-Politik, in denen der Journalist an zentraler Stelle nochmals auf den Gegenstand der Champagnerwette zwischen ihm und dem Naziführer zurückkommt: Wenn Hitler beim Attentat vom 8. November 1939 «ums Leben gekommen wäre, dann hätte er als Nachfolger des ‹Führers› die Kampfhandlungen sofort eingestellt, alle Truppen aus den besetzten Gebieten abgezogen und Friedensgespräche mit den Alliierten begonnen». Das gehe aus einem Gespräch zwischen Göring und seiner Emmy hervor, das sein Adjutant Bodenschatz belauscht haben will.

Mit solch fragwürdigen Quellen stützt Mosley seine grosse Erzähllinie im Konjunktiv: Ihr zufolge hatte Göring «menschliche Qualitäten, die aus ihm einen bedeutenden, fortschrittlichen und aufgeklärten Politiker hätten machen können, den Deutschland in den turbulenten Jahren zwischen den Kriegen gebraucht hätte», schreibt Mosley. Und: «Solange er mit Hitler verbunden war, hat es immer wieder Augenblicke gegeben, in denen er dem Nationalsozialismus eine andere Richtung geben und Deutschland vor dem Verderben hätte bewahren können.» Die Realität war freilich eine andere: Göring hat sich die längste Zeit in den Dienst Hitlers gestellt – und sich mithilfe der NS-Politik auch persönlich bereichert.

Verharmlost und relativiert

Auch Görings Rolle in der Vernichtungspolitik der Nazis wird von Mosley wiederholt verharmlost und relativiert. Zu den Novemberpogromen von 1938 heisst es: «Tausende wurden in Konzentrationslager verschleppt (viele durften sich später freikaufen).» Durften? Viel skrupelloser als mit diesem zynischen Euphemismus kann man die Realität nicht verzerren. Ebenso verfährt Mosley auch in den Passagen, in denen er Görings Täterschaft bei der Vernichtung der Juden entstellt: Göring sei es «unangenehm» gewesen, «wenn Goebbels und Himmler in aller Ruhe über die Liquidierung der Juden sprachen». Ja, Göring habe sich von den Vernichtungs-KZ «dis­tanziert». Dass Göring im Juli 1941 die «Endlösung der Judenfrage» veranlasste, wird von Mosley grosszügig unter den Teppich gewischt.

Wahrscheinlich deshalb fügte der deutsche Verlag die «Einführung» eines Historikers zur 1975 erstmals auf Deutsch erschienenen Biografie hinzu: Darin wird deutlich gemacht, dass Göring bei der «Liquidierung der Juden wesentlich mitgewirkt hat». Anders Mosley: «Jetzt traten die Gaskammern in Aktion», heisst es bei ihm lapidar. Der Satz, der einsam auf einer Zeile steht, ist in der deutschen wie auch in der englischen Ausgabe mit einer Fussnote versehen, die auf ein Werk verweist, das Hermann Görings «Beziehungen» zu den «Vernichtungskommandos im Osten» beschreibt, wie Mosley die entsprechende bibliografische Angabe kommentiert – und in dem auch Görings Schreiben vollständig zitiert wird, mit dem er im Juli 1941 die «Endlösung» ­veranlasste.

Mosley wusste also genau Bescheid über Görings Rolle und Verantwortung in der Vernichtungspolitik. Das hinderte ihn nicht daran, Wesentliches wegzustreichen, auszuklammern oder kleinzumachen, um seinen Helden zu schonen, den er verbal nie allzu hart angreift. Im Gegensatz zum «hündischen Jasager», wie er den Hitler-Vertrauten Martin Bormann nennt, der all das gewesen sei, was «Göring an seinen Parteigenossen verabscheute. Er war ordinär, brutal, unmoralisch und nachgewiesenermassen ein sadistischer Menschen- und Tierquäler.» Das alles war Göring also nicht, wenn man Mosley glauben will.

Ihm zufolge war der Porträtierte vielmehr «ein empfindsamer Mensch», der angesichts der Judenvernichtung unter «Gewissensbissen» gelitten habe, der sich schliesslich nur aufgrund einer «moralischen Feigheit» Hitler nicht widersetzte – und der so zum Kriegsverbrecher wurde, als der er in Nürnberg wegen «Planung, Entfesselung und Durchführung eines Angriffskrieges» verurteilt wurde. «Sein letzter Sieg bestand darin, dass es ihm gelang, sich dem Tod durch den Strang zu entziehen», kommentiert Mosley Görings Suizid. Ein «Sieg» über wen? Über den Inter­nationalen Strafgerichtshof, der ihn zum Tod verurteilte?

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 15.02.2016, 23:34 Uhr)

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