Erhellender Blick hinter rauchende Reagenzgläser

Ein Sachbuch über Chemie lässt die Funken sprühen – in Theorie und Praxis.

Dimitri Mendelejew war ein wilder Visionär und entdeckte das Periodensystem der Elemente. Illustration: Vitali Konstantinov

Dimitri Mendelejew war ein wilder Visionär und entdeckte das Periodensystem der Elemente. Illustration: Vitali Konstantinov

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Jedes Kind hat schon einmal von Alchemie gehört, dank «Harry Potter». Gleich im ersten Band finden Harry und seine Freunde mithilfe von Hermines Recherchekünsten heraus, dass ein gewisser Nicholas Flamel den Stein der Weisen entdeckte und Unsterblichkeit erlangte. Deshalb will der böse Lord Voldemort den Stein unbedingt in seinen Besitz bringen.

Alchemie kommt aber nicht nur in Fantasy-Romanen vor. Sobald wir in der Küche ein Ei in die Pfanne hauen, spielt sich ein magischer Verwandlungsprozess ab. Chemie und Alchemie haben viel mehr miteinander zu tun, als man denken würde. Das lernen wir aus Jens Soentgens neuem Sachbuch mit dem verführerischen Titel «Wie man mit dem Feuer philosophiert. Chemie und Alchemie für Furchtlose». Sie bilden, wie er anhand von vielen Beispielen aufzeigt, ein Kontinuum.

Im weitesten Sinne gehe es in Chemielabors auch heute noch darum, Gold zu machen und eine Formel gegen den Tod zu entdecken. Chemiker haben Einfluss auf Wirtschaft und Politik; ihre Produkte, die aus der Verwandlung von Stoffen entstehen, können mächtig und reich machen. Im Gegensatz zur modernen Wissenschaft, die keine Einschränkungen duldet, hätten die Alchemisten aber immer die ethische Verantwortung betont, die mit ihrem Tun einherging: «Es gibt kaum ein alchemistisches Buch», schreibt Soentgen, «in dem der Leser nicht aufgefordert wird, ebenso ernsthaft an sich selbst zu arbeiten wie an seinen chemischen Prozessen. Er soll meditieren, fasten und die Armen unterstützen.»

Begnadeter Erzähler

Jens Soentgen ist nicht nur ein – offensichtlich leidenschaftlicher – Chemiker und Philosoph, der über den Stoffbegriff promovierte und heute das Wissenschaftszentrum Umwelt in Augsburg leitet, sondern auch ein begnadeter Geschichtenerzähler mit poetischem Flair. Das hat er bereits in «Von den Sternen bis zum Tau» (Peter Hammer 2010) bewiesen, seiner Entdeckungsreise durch den Mikro- und Makrokosmos. Die Geschichte der Chemie bekommt er zu fassen, indem er sie in drei grosse Kapitel unterteilt, die wiederum aus einer Reihe von Geschichten über Menschen und ihre Lieblingsstoffe – oder auch umgekehrt über Stoffe und ihre Menschen bestehen. So erzählt sein Buch ein Stück Geschichte des Wissens, die wiederum im grossen kulturhistorischen Zusammenhang erscheint. In den lebendigen, von Symbolen und rauchenden Reagenzgläsern überquellenden Zeichnungen von Vitali Konstantinov wird der rote Faden sichtbar, der vom Schamanen über den Alchemisten zu Forscher und Forscherin im weissen Kittel führt.

Die Chemie der Labore, wie wir sie heute kennen, hat ihre Wurzeln nicht in der europäischen Aufklärung, sondern in der wilden Natur. Der Urwald des Amazonas erweist sich als ein wahrer Thinktank der Stofferfindung. Und vieles war von der Tierbeobachtung inspiriert: Die Menschen versuchten, von den Bienen und ihrer Honig- bzw. ihrer Wachsproduktion zu lernen und den Wespen abzuschauen, wie sie aus Holz Papier machen.

Es blubbert und explodiert

Dass jeder lustvollen Stoffvermittlung die kluge Organisation des Wissens zugrunde liegt und dass Lehre auch einmal Forschung befruchten kann und nicht nur umgekehrt, kann man bei einer der grossen Figuren der Chemikerzunft lernen: Der Erfinder des Periodensystems der Elemente, Dimitri Mendelejew (1834–1907), hatte ursprünglich gar nicht vor, zum Vater der modernen Chemie zu werden. Er wollte einfach ein guter Lehrer sein. Um seinen Studenten einen möglichst überzeugenden Einblick in die Stoffe, ihre Verbindungen und die grossen Zusammenhänge des organischen und anorganischen Lebens zu geben, ordnete er die Elemente in einem visionären Akt in der Reihenfolge ihres Atomgewichts. So entstand die bis heute gültige zentrale Ordnung chemischen Wissens.

Die Schönheit der Chemie liegt aber nicht nur in der Theorie, sondern in ihren Reaktionen, die man mit Soentgen als Verwandlungen bezeichnen kann. Wie Blau zu Rot werden kann, wie es blubbert und explodiert: Das muss man selbst erleben. Deshalb ist gut ein Drittel des Buches Experimenten gewidmet, für die man kein Reagenzglas braucht, dafür alle möglichen Dinge aus dem Alltag, aus der Küche und aus dem Wald. Soentgen bietet aber nicht nur Anleitungen zum Experimentieren, sondern auch zum philosophischen Nachdenken über Chemie. Die Texte sind auch hier so klug und inspirierend geschrieben, dass man nicht widerstehen kann, sie Kindern und Jugendlichen beim Experimentieren vorzulesen. Wer will da noch behaupten, Natur- und Geisteswissenschaften seien zwei unvereinbare Kulturen.

Jens Soentgen: Wie man mit dem Feuer philosophiert. Peter Hammer Verlag, 2015. 464 Seiten. ca. 30 Franken.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.09.2015, 18:13 Uhr

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