Im Büro nebenan lauert der Feind

Mit 16 Jahren verliess Andrei Mihailescu Rumänien. Nun hat der Zürcher Informatiker einen beachtlichen Debut-Roman über die Zeit unter Ceausescu geschrieben.

Immer wieder reiste Andrei Mihailescu in seine alte Heimat, um Eindrücke und Material zu sammeln. Foto: Dominique Meienberg

Immer wieder reiste Andrei Mihailescu in seine alte Heimat, um Eindrücke und Material zu sammeln. Foto: Dominique Meienberg

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«Wir sind in diesem Land wie auf einem Schiff, das leckt, und der Kapitän lässt jeden über Bord werfen, der darüber spricht. Entweder du ertrinkst, weil du sprichst, oder du ertrinkst ein wenig später, weil das Schiff untergeht.» Diese ausweglose Situation schildert der 38-jährige rumänische Journalist Stefan Irimescu seinen Mitgefangenen. Er, kein Dissident, aber auch keiner, der sich wegduckt, muss dafür bezahlen, dass er ein wenig rebelliert in einem totalitären Staat. Die Umsetzung der klassenlosen Gesellschaft fordert Opfer, und je grösser die Kluft zwischen dem Regime und der Bevölkerung wird, des­to mehr werden es. Von den wachsenden Spannungen und den Konflikten, die die rumänische Gesellschaft Anfang der 80er-Jahre in Mitleidenschaft ziehen, handelt «Guter Mann im Mittelfeld», der erste Roman des Zürcher Informatikers Andrei Mihailescu.

«1981 besuchte ich mit meinem Vater Verwandte in Deutschland. Schon vor der Abreise in Bukarest war uns klar, dass wir nicht wiederkehren würden. Das Klima in Rumänien Ende der 70er-Jahre wurde immer repressiver, und wir fürchteten uns vor Sippenhaft: Mein Grossvater mütterlicherseits sass als politischer Gefangener lange in Haft und wurde gefoltert.» Bevor sich die Schlinge der Mächtigen um die wohlhabenden, dem Kommunismus skeptisch gegenüberstehenden Eltern zuzog, flohen diese über Deutschland nach Basel, wo sie heute noch wohnen.

Andrei Mihailescu wägt seine Worte vorsichtig ab und schaut, wie sie auf den Zuhörer wirken. Er geht so sehr auf die Fragen ein, dass er fast vergisst, seinen Kaffee zu trinken. Gut kann er sich an die bedrückende Stimmung erinnern, die damals in Bukarest herrschte. Man konnte nie sicher sein, wem man vertrauen konnte und wem nicht; man konnte nicht wissen, ob die Nachbarn, ja selbst die Freunde mit der Geheimpolizei gemeinsame Sache machten.

Niederschwellig oppositionell

«Mir war bewusst, dass ich vieles, was bei uns zu Hause besprochen wurde, auf keinen Fall in der Schule erzählen durfte. Wenn andere Schüler Witze über die Regime in Russland oder Rumänien machten, mussten wir uns schnell entfernen.» Man wusste ja nicht, was echt und was vorgespielt war. So herrschte, selbst in regierungsnahen Kreisen, totale Verunsicherung. Mit der Zeit führte diese jederzeit und überall lauernde Überwachung und Kontrolle dazu, dass das Innerste der Menschen zersetzt wurde. «Sie zerstören alle zwanzig Millionen Seelen», heisst es in dem Roman.

Stefan Irimescu, der «gute Mann im Mittelfeld», ist für den 50-jährigen Autor weder ein strahlender Held noch ein Antiheld: «Er ist niederschwellig oppositionell.» Im Unterschied zu Mihailescu, der zurückhaltend wirkt, ist er impulsiv und unvorsichtig, wohnt bei seiner Mutter und arbeitet als Redaktor bei der regierungstreuen «Stimme des Sozialismus». Direkt neben seinem Büro lauert – wie eine Spinne im Netz – Nicu Dobre. Der Beamte der Securitate wartet nur darauf, dass den Journalisten Fehler (das heisst: Wahrheiten) unterlaufen. Das passiert Irimecu, auch ohne subversive Absicht, selbst bei harmlosen Artikeln. Schlimme Folgen hat allerdings erst sein Versuch, regimekritische Leserbriefe vor dem Zugriff Dobres zurückzuhalten. Damit beschützt er zwar die Absender, bekommt aber selbst die ganze Härte der Willkürherrschaft am eigenen Leib zu spüren – eindrücklich, wie der Autor diese Szenen beschreibt.

Mihailescu studierte an der ETH Zürich Informatik, dann Politik und Ethnologie an der Uni Zürich. Er engagierte sich in diversen Gruppen und Vereinen, deren Ziel die Unterstützung der Demokratiebewegung in Osteuropa war. Mit NGOs, die vor Ort aktiv waren, arbeitete er zusammen, um die Menschenrechte zu stärken. «Schon damals wünschte ich mir ein Buch, das den Westlern erklärt, wie es ist, aus einer Diktatur zu kommen.» Keine Anleitung sollte es sein, sondern eine Geschichte, welche die Menschen berührt. Mit «Guter Mann im Mittelfeld» hat sich der Autor diesen Wunsch nun gleich selbst erfüllt und damit die Schweizer Literatur um eine weitere Stimme aus Rumänien bereichert.

Unaufhaltsamer Niedergang

Beim Protagonisten handle es sich, so der Autor, um eine Mischung aus realen Persönlichkeiten und frei erfundenen Figuren. Um Eindrücke und Material für seine Schilderungen zu sammeln und mit Zeugen über die Ceausescu-Zeit zu sprechen, ist Mihailescu, der sich als Perfektionisten bezeichnet, wiederholt nach Rumänien gefahren. «Die Folter­szenen in der Fabrikhalle lehnen sich an die Berichte des Aktivisten und Dissidenten Vasile Paraschiv an, der Gefängnisaufenthalt am Schluss meines Romans ist von dem Buch ‹Jogging mit der Securitate› inspiriert», erklärt er.

Neben dem Protagonisten Irimescu sind es vor allem zwei Figuren, die den Roman prägen: sein Gegenspieler, der parteitreue Genosse Ilie Stancu, und dessen Ehefrau, die Architektin Raluca, die später die Geliebte Stefans wird. Was auf den ersten Blick etwas konstruiert wirkt, wird im Laufe der Handlung plausibel. Die Entfremdung des Ehepaares, das aus unterschiedlichen Milieus stammt und auch deswegen die aktuelle politische Situation anders einschätzt, schildert der Autor als unaufhaltsamen Niedergang. Raluca fühlt sich nicht nur fremd in den eigenen vier Wänden, sie ist in den Augen von Stancu auch eine Klassenfeindin: Für richtige Proletarier stehen alle Akademiker auf der falschen Seite.

Der Roman bietet weder eine weitere Horrorstory aus dem wilden Osten noch ein Happy End nach dem Motto: Der Mensch ist gut, nur die Verhältnisse sind schlecht. Der Autor zeigt, wie Politik und Privatleben miteinander inter­agieren, und zwar so sehr, dass es nicht möglich ist, diese Lebenssphären voneinander zu trennen. Während etwa Stefan Irimescu bereit ist, seine Existenz für ein besseres Leben zu opfern, wägt Raluca Stancu – auch mit Rücksicht auf ihre Kinder – ab: Wie weit darf die Anpassung an ein System gehen, ab wann muss Widerstand geleistet werden? Diese Themen handelt Mihailescu nicht theoretisch ab, er demonstriert deren Relevanz sinnlich anhand der ­Figuren. Und da sich die Frage, wo die Linie liegt, die zu überschreiten man nicht bereit ist, nicht nur in Diktaturen stellt, schafft er en passant einen Bezug zur Aktualität.

Andrei Mihailescu: Guter Mann im Mittelfeld. Roman. Nagel & Kimche, Zürich 2015. 346 S., ca. 32 Fr. Andrei Mihailescu tritt im Rahmen des Festivals Zürich liest zusammen mit Ilija Trojanow am Samstag, 24. Oktober, um 18 Uhr im Neumarkt-Theater Zürich auf.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.09.2015, 18:14 Uhr

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