In Russland kam er Gott ganz nahe

Rainer Maria Rilke reiste um 1900 zweimal nach Russland. Die grossartige Ausstellung darüber, die jetzt in Marbach zu sehen ist, kommt demnächst in die Schweiz.

Rilke, in Öl gemalt von Leonid Pasternak (Bild von 1928). Foto: Constantin Beyer

Rilke, in Öl gemalt von Leonid Pasternak (Bild von 1928). Foto: Constantin Beyer

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Als Boris Pasternak zehn Jahre alt war, machte er eine zufällige Bekanntschaft: «An einem heissen Sommermorgen des Jahres 1900 verliess ein Schnellzug den Kursker Bahnhof in Moskau. Unmittelbar vor der Abfahrt trat ein Mann im schwarzen Tiroler Umhang an das Fenster unseres Abteils. Mit ihm eine hochgewachsene Frau. Sie mochte wohl seine Mutter oder seine ältere Schwester sein. Die beiden unterhielten sich mit meinem Vater über ein Thema, dem sie sich alle drei mit der gleichen Wärme hingaben. Die Frau wechselte ab und zu ein paar Worte Russisch mit meiner Mutter, der Fremde sprach nur Deutsch.»

Der Fremde – das war Rainer Maria Rilke. Der spätere Literaturnobelpreisträger Pasternak hält vor seinem Tod fest, dass er in seinem «künstlerischen Schaffen nichts anderes getan habe als Rilke zu übersetzen oder seine Motive zu variieren». Der Autor des Bestsellers «Doktor Schiwago» übertrug in jungen Jahren Gedichte aus Rilkes «Buch der Bilder», überzeugt davon, dass es sich bei dem in Prag geborenen Dichter um einen Wesensverwandten handelt. So vertrat Boris Pasternak vor dem Ersten Unionskongress der sowjetischen Schriftsteller 1934 auch überzeugt die These: «Rilke ist ganz russisch. Wie Gogol. Wie Tolstoi!»

Just zu diesem, zu Lew Tolstoi, war der 25-jährige Rilke unterwegs, als ihn Boris zum ersten Mal sah. Begleitet wurde der Reisende allerdings weder von seiner Mutter noch seiner Schwester, sondern von seiner Geliebten, der 1861 in St. Petersburg geborenen Schriftstellerin Lou Andreas-Salomé. War ihr Ehemann, der Orientalist Friedrich Carl Andreas, auf der ersten Russlandreise 1899 noch mit von der Partie, so war das Liebespaar ein Jahr später allein unterwegs – was Tolstoi nicht erfreute, hatte er doch beim ersten Besuch vor allem mit Andreas über dessen Studien zur persischen Sekte der Babis gesprochen.

Enttäuschte Liebe

Auch für Rilke war das zweite Treffen mit dem bewunderten Schriftsteller, der für alles stand, was er selbst sein wollte, enttäuschend. Als Tolstoi ihn fragte, was er denn mache, antwortete der Dichter: «Lyrik.» Der Gutsherr, der in dieser Zeit eine Ästhetik vertrat, die sich in den Dienst des sozialen Engagements stellte, drehte sich desinteressiert von seinem Besucher ab. Von diesem Schlag hat sich Rainer Maria Rilke nie richtig erholt: In der ersten Fassung des «Malte Laurids Brigge» von 1924 rechnet er am Schluss mit Tolstoi ab – es war die späte Befreiung von einem Bann, dessen feine Verästelungen und Verzweigungen nun die grossartige Ausstellung «Rilke und Russland» im Literaturmuseum der Moderne in der Schillerstadt Marbach am Neckar aufzeigt – und die im Herbst, in zwei Teile aufgetrennt, auch in Zürich und Bern zu sehen sein wird.

Ausgestellt sind 280 Exponate von über 20 Leihgebern, die der Kurator Thomas Schmidt zu einer raffinierten Erzählung komponiert hat: Ikonen und Gemälde, Fotografien und Briefe, Landkarten und beschriebene Postkarten, Manuskripte und Erstausgaben. Wenn man sich für die breit angelegte Schau zwei Stunden Zeit nimmt, begibt man sich in den drei Ausstellungshallen – wie Ilma Rakusa in ihrem klugen Essay am Schluss des Katalogs – auf eine Reise durch das von Rainer Maria Rilke und Lou Andreas-Salomé stark idealisierte Russland.

Rainer Maria Rilke (l.) mit Freundin Lou Andreas-Salomé zu Besuch beim Bauerndichter Spiridon Droschin. Foto: DLA Marbach

Den Dreck und das verbreitete Elend der russischen Bevölkerung wollten die beiden schwärmerischen Intellektuellen nicht wahrhaben. Und wenn sie Kontakt hatten zu einem Bauern, dann war es ein Bauerndichter wie Spiridon Droschin, der von Frühling bis Herbst sein Feld bestellte und im Winter schrieb. Diesen Mann verehrte Rilke als Verkörperung wahren Menschseins: erdverbunden und sprachverliebt – was konnte schon edler sein! «Ich fürchte nicht, dass das russische Volk an Hunger sterben könnte, denn Gott selbst ernährt es mit seiner ewigen Liebe», legte Rilke sich seine geschönte Sicht auf die russische Realität zurecht.

Rainer Maria Rilke war auf der Suche nach Gott, und Russland war für ihn das einzige Land, «durch welches Gott noch mit der Erde zusammenhängt». Im Unterschied zum materialistischen und industrialisierten Westen spürte er hier in der Mystik und Ikonografie eine von der Moderne unberührte Gegenwart und die Anwesenheit des Abwesenden. In manchen Schriftstellern, allen voran Lew Tolstoi, schien sich das Reine und Göttliche zu manifestieren. Auch er, Rilke, wollte sich in diese archaische Tradition stellen und seine Dichtung als literarische Ikonenmalerei betreiben. Aus diesem Grund ging er häufig in die Moskauer Tretjakow-Galerie, um sich mit den russischen Künstlern vertraut zu machen. Dort liess er sich auch zu seinen Essays «Russische Kunst» (1900) und «Moderne russische Kunstbestrebungen» (1901) inspirieren.

Der Name ist ein Gedicht

Die Liebe zum gelobten Russland ging so weit, dass der deutsche Dichter einen Umzug nach Russland plante und auch Russisch dichten wollte. «Das erschien mir überhaupt als das Höchste: russische Verse machen zu können.» Diese Sprache bezeichnete er «als die meinem Gemüth nächste». Lou Andreas-Salomé, dieses «Frauenzimmer von gefährlicher Intelligenz» (Sigmund Freud), beurteilte die Versuche ihres Liebhabers wohlwollend und stilsicher: «obwohl grammatikalisch arg, so doch irgendwie unbegreiflich dichterisch».

Die Marbacher Schau zeigt, wie aus der einseitigen Beziehung Rilkes zu den russischen Künstlern und Schriftstellern bald eine wechselseitige wird. Nicht nur Boris Pasternak bewundert Rilke, auch sein Vater, der Maler Leonid Pasternak, hält ihn in einem Porträt fest. Und die Schriftstellerin Marina Zwetajewa schreibt 1926 in einem Brief an den an Leukämie erkrankten Rilke, der in Bad Ragaz Heilung sucht: «Sie, die verkörperte Dichtung, müssen doch wissen, dass Ihr Name allein – ein Gedicht ist.» Und in ihren späten Erinnerungen hält die Dichterin selbstbewusst fest: «An mir Ebenbürtigen bin ich nur Rilke und Pasternak begegnet.»

Für Rilke selbst, der in Raron im Wallis beerdigt wurde, waren die beiden Russlandreisen «das entscheidende Ereignis» seines Lebens. Angesichts der unendlich weiten Wolgalandschaft, die der Mann «ohne Land», so Marina Zwetajewa, zu beschreiben versuchte, war es ihm, als habe er «der Schöpfung zugesehen».

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.05.2017, 21:12 Uhr

In Zürich und in Bern

Zweigeteilte Ausstellung

Die Ausstellung in Marbach am Neckar läuft bis 6. August. Ab Mitte September ist sie, in zwei Teile aufgeteilt, im Zürcher Strauhof und in der Schweizerischen Nationalbibliothek in Bern zu sehen.

Das Gedicht

Ich komme aus meinen Schwingen heim

Ich komme aus meinen Schwingen heim,
mit denen ich mich verlor.
Ich war Gesang, und Gott, der Reim,
rauscht noch in meinem Ohr.

Ich werde wieder still und schlicht,
und meine Stimme steht;
es senkte sich mein Angesicht
zu besserem Gebet.
Den andern war ich wie ein Wind,
da ich sie rüttelnd rief.
Weit war ich, wo die Engel sind,
hoch, wo das Licht in Nichts zerrinnt –
Gott aber dunkel tief.

Die Engel sind das letzte Wehn
an seines Wipfels Saum;
dass sie aus seinen Ästen gehn,
ist ihnen wie ein Traum.
Sie glauben dort dem Lichte mehr
als Gottes schwarzer Kraft,
es flüchtete sich Lucifer
in ihre Nachbarschaft.

Er ist der Fürst im Land des Lichts,
und seine Stirne steht
so steil am grossen Glanz des Nichts,
dass er, versengten Angesichts,
nach Finsternissen fleht.
Er ist der helle Gott der Zeit,
zu dem sie laut erwacht,
und weil er oft in Schmerzen schreit
und oft in Schmerzen lacht,
glaubt sie an seine Seligkeit
und hangt an seiner Macht.

Die Zeit ist wie ein welker Rand
an einem Buchenblatt.
Sie ist das glänzende Gewand,
das Gott verworfen hat,
als Er, der immer Tiefe war,
ermüdete des Flugs
und sich verbarg vor jedem Jahr,
bis ihm sein wurzelhaftes Haar
durch alle Dinge wuchs.

Rainer Maria Rilke (1875–1926).
Aus dem «Buch vom mönchischen Leben», dem ersten Teil des «Stundenbuchs», der 1899 entstand, dem Jahr der ersten Russlandreise.

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