Äppäräti und Fickabilitäts-Ratings
Von Michèle Binswanger. Aktualisiert am 12.07.2011
Gary Shteyngart: Super Sad True Love Story. Rowohlt. 448 Seiten. ISBN: 9783498064143.
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Die Zukunftsvision ist einigermassen erschreckend: Amerika ist am Boden, China ist die neue Weltmacht und in den Städten bilden die Digital-Natives eine neue Klasse, die versucht, ihre Pfründe in die nähere Zukunft zu retten. Dazu benutzen sie ihr Äppäräti, ein Gerät, das den Menschen die Teilnahme am virtuellen Datenstrom erlaubt, und obschon es die Menschen zu reinen Lieferanten von Daten degradiert, welche von «Fickabilitäts-Ratings» über vitale Grössen wie Cholesterinwerte und Kreditwürdigkeit reichen, können sie nicht anders. Sie sind süchtig nach dem Cyberspace, lassen sich die Welt als Liveshow per Smartphone übermitteln oder vielleicht kriegen sie es auch einfach nicht mehr auf die Reihe, einen Gedanken so weit zu Ende zu denken, dass sie bemerken würden, wie sehr sie sich durch die Maschinen in ihrer Humanität erniedrigen lassen.
Literarische Hoffnung Amerikas
Man kann nur hoffen, dass dies nicht auf den Autor selber zutrifft, obschon er in Interviews gern damit kokettiert, das dies längst geschehen sei. Wie die bisherigen beiden Romane Shteyngarts speist sich auch sein neuestes Werk «Super Sad True Love Story» aus der eigenen Biographie. Er sei, gesteht der russischstämmige New Yorker, abhängig von seinem Smartphone, das er sich zu Recherchezwecken für das Buch zugelegt habe und das ihn nun dauerhaft zerstreue – so sehr, dass er sich, um wirklich arbeiten zu können, in den Norden zurückziehen muss, wo kein Empfang gewährleistet ist.
Seit seinem 2002 erschienenen Debütroman «Handbuch für den russischen Debütanten» gilt Shteyngart als eine der grössten literarischen Hoffnungen Amerikas. Sein zweiter Roman «Absurdistan» (auf Deutsch: «Snack Daddys abenteuerliche Reise») wurde von der Kritik etwas weniger euphorisch gefeiert, wurde dafür aber zum Beststeller. Sein dritter Roman, der dieser Tage auf Deutsch erscheint, bestätigt die grossen Hoffnungen, die auf Shteyngarts Schultern ruhen: «Die Zartheit der tschechowschen Tradition kombiniert mit dem hormonellen Wahnsinn eines Judd-Apatow-Films. Einer der originellsten und witzigsten Autoren seiner Generation», urteilte die «New York Times». Und es gibt wohl kaum einen Literaturliebhaber, der dies nach der Lektüre des Buches nicht bestätigen würde.
Russen als Bösewichte
Obschon Shteyngart gerade jener Literatur in seinem Buch eine düstere Zukunft prophezeit. Wer dort noch Bücher liest, gilt als komischer Kauz, denn Bücher riechen komisch. Ausserdem haben die Menschen verlernt, einer Storyline zu folgen – unter dem Einfluss ihrer Äppäräti scannen sie Texte nur noch nach Informationen – mehr als sprachliche Häppchen kann niemand mehr verdauen.
Gary Shteyngart, Sohn einer russischen Pianistin und eines Ingenieurs, kam 1979 als Siebenjähriger nach New York. Als Juden flüchteten die Eltern vor dem russischen Antisemitismus, aber der kleine Gary musste erfahren, dass Russen in New York auch nicht viel bessere Karten hatten. Es war die Reagan-Ära, der kalte Krieg noch in vollem Gang und die Russen spielten in allen Filmen die Bösewichte. Antisemitismus habe es in New York nicht gegeben, aber dafür Antirussismus, sagt Shteyngart. Da er lange brauchte, um seinen russischen Akzent loszuwerden, und dauernd gehänselt wurde, gab der junge Shteyngart sich in der jüdischen Schule, die er besuchte, schliesslich als Deutscher aus – eine ironische Fügung, die Shteyngart später in seinen Büchern immer wieder aufs Neue zelebriert.
Und so bleibt die Perspektive des Exilanten Shteyngarts bevorzugte Blickrichtung. Der ironische und treffsichere Blick des Fremden, der die Kultur, die er beschreibt, gleichwohl intim kennt, zieht sich durch Shteyngarts Bücher. Und natürlich sein melancholischer und beissender Witz.
«Viel zu horngerahmte Brillen»
Sein erstes Buch «Handbuch für den russischen Debütanten» spielt in der fiktiven osteuropäischen Stadt Prava. Protagonist ist der russische Exilant Vladimir Girshkin, der ins alte Europa zurückkehrt, um als «ausserordentlicher Direktor der Russen-Mafia» amerikanische Investoren und naive Wohlstandsverwahrloste aus der neuen Welt abzuzocken. Das Buch spielt im Jahr 1993 und schon damals schreibt er von Amerikanern mit «viel zu horngerahmten Brillen», die am «Fünfjahresplan der alkoholischen Selbstfindung arbeiten». In seinem zweiten Buch schickt er seinen Helden, einen amerikanischen Exilrussen, ins fiktive Absurdistan, wo er in den politischen Wirren zum Minister wird. In seinem neusten Buch zeigt Shteyngart, dass die rasante technologische Entwicklung der mobilen Computer uns alle zu Exilanten in der digitalen Welt macht.
Gleichzeitig sind seine Bücher aber auch voller Anspielungen auf reale politische Ereignisse. In «Super Sad True Love Story» beschreibt er den Fall Amerikas, welches nach seinem wirtschaftlichen Kollaps von China bedrängt wird und sich mit Eskapismus in die virtuelle Realität sowie die Sehnsucht nach Unsterblichkeit flüchtet. Schwierig sei es gewesen, diese Zukunft zu fassen, so Shteyngart, denn alles entwickle sich heute so schnell, dass die Gegenwart praktisch verschwinde. «Wer heute ein Buch schreibt, das in der Gegenwart spielt (...) so liest es sich bis zur Veröffentlichung wie ein historischer Roman», so Shteyngart gegenüber der FAZ am Sonntag. Als er mit Schreiben begonnen habe, sei der Gedanke an Amerikas Niedergang reine Fiktion gewesen. Dann ging 2008 die Bank Lehman Brothers pleite und er habe das ganze Buch umschreiben müssen. Die Realität hat seine Zukunftsvision links überholt.
Das Schlimmste, was geschehen könnte, wäre, dass Shteyngart vor lauter Smartphone-Aktivitäten bald selber das Schreiben verlernen würde. Doch letztlich kann man sich das kaum vorstellen. Dafür scheint Shteyngart, der heute an der Columbia-Universität Literatur lehrt und zu dessen Schülern auch der Schauspieler James Franco zählt, einfach zu stark in der alten Welt verwurzelt. Hier, wo das Essen noch aus ebenso ungesunden wie wohlschmeckenden Kohlehydraten und Fetten besteht und Liebhaberinnen auch mal nach Knoblauch duften dürfen, ist er wirklich zu Hause.
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 12.07.2011, 13:05 Uhr
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