«Vernunft ist eine Waffe in unseren Händen»

US-Schriftsteller Benjamin Kunkel ist der Darling der amerikanischen Linken. Er hofft auf eine Revolution – eine schweizerisch friedliche.

«Der Kampf hat begonnen», sagt Benjamin Kunkel. Foto: Christopher Anderson (Magnum)

«Der Kampf hat begonnen», sagt Benjamin Kunkel. Foto: Christopher Anderson (Magnum)

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Karl Marx sagte, eine historische Erscheinung habe zwei Formen: erst als Tragödie, dann als Farce. Angesichts der chaotischen Anfangstage: Ist US-Präsident Donald Trump bereits in die Farce-Phase eingetreten?
Es scheint, als lebten wir in gedrängten politischen Zeiten. Trump handelt tragisch und albern zugleich. Es sind weitere Tragödien zu erwarten. Es würde mich nicht überraschen, wenn er die Kriege im Nahen Osten verstärkt. Krieg ist der einfachste und zuverlässigste Weg für einen US-Präsidenten, aus einem Popularitätstief herauszukommen.

Sehen Sie den Luftschlag gegen Syrien als Teil dieses Kalküls?
Ja. Ich und andere haben so was erwartet. Was ich nicht erwartet habe, aber eigentlich zu erwarten gewesen wäre: die Eilfertigkeit, mit der gemässigte Linke die bestenfalls strategisch unsinnige Attacke lobten.

Fühlt sich das Leben in Trump-Zeiten zuweilen wie ein schlechter Film an?
Ja. Aber wir sollten nicht zu viel Aufhebens machen um Trump, diese groteske, lächerliche Figur. Der Harvard-prämierte Patrizier George W. Bush war auch ein dummes, mörderisches Monster – vielleicht hatte er seine Haare ein bisschen besser im Griff als Trump. Die Republikaner steuern auf eine Zerstörung des Planeten zu, ganz egal, wer die Partei leitet; und beide grossen Parteien befürworten eine kontinuierliche Kriegsführung. Wichtig ist, zu wissen, dass diese Politik in der amerikanischen Bevölkerung weit weniger populär ist als unter den Politikern selber. Es würde sich in den Vereinigten Staaten vieles zum Besseren wandeln, wenn sie tatsächlich demokratisch werden würden.

Der Philosoph Slavoi Zizek empfahl Donald Trump zur Wahl: damit die Linke nach dem Chaos übernehmen könne.
Ich habe Hillary Clinton gewählt, ohne grosse Überzeugung. Diese «Beschleunigter Verfall»-These war und ist unter Linken recht beliebt, Susan Sarandon hat sie zum Beispiel ebenfalls vertreten. Ich fand das eine zu riskante Überlegung, aber tatsächlich scheint sie etwas für sich zu haben: Trump ramponiert die Republikaner und die konservative Bewegung gerade massiv, was ich natürlich begrüsse. Aber ich fürchte weiterhin, dass sein Machthunger noch grossen Schaden anrichten wird.

Aber setzt sich Trump nicht für Fabrikarbeiter ein und kündigt Freihandelsabkommen auf? Ist das nicht linke Politik?
Na ja, der Begriff «Freihandel» ist ja an sich schon eine fragwürdige Sache, in Tat und Wahrheit eine propagandistische Hülse. Handel gibts heute nicht in vollumfänglicher, freier Form, sondern nur in jenen Bereichen, wo er den reichen Staaten nützt. In der Landwirtschaft etwa nützt er nicht, also werden die Grenzen abgedichtet. Und Trumps Industriepolitik ist nicht partnerschaftlich, sondern eine Klientelpolitik und ­erinnert an den Faschismus.

Bringt es uns weiter, wenn wir Trump einen Faschisten nennen?
Ich bin lieber alarmistisch, als im Nachhinein die Etablierung eines faschistischen Regimes feststellen zu müssen. Trump hat viele Merkmale eines Faschisten. Ja, es ist okay, Trump einen ­Faschisten zu nennen.

Warum eigentlich entschied sich die Arbeiterklasse für Trump?
Das ist ein ärgerliches Missverständnis, ein linkes Klischee und eine faule Erklärung, die in den Medien leider noch immer herumgereicht wird. Es lässt bequemerweise die weisse Arbeiterklasse dumm dastehen, stigmatisiert sie. Dabei haben die Exit-Polls gezeigt, dass nur wenige Arbeiter, die früher demokratisch gewählt hatten, zu Trump wechselten. Es waren republikanische Stammwähler und rassistische Kleinbürger, die den Ausschlag gaben. Und Rassismus und ökonomische Not stehen in Verbindung: August Bebel soll vom «Antisemitismus als Sozialismus der dummen Kerle» gesprochen haben. Wir sehen heute eine Variation dieser Wahrheit.

Welche?
So: «Ausländerfeindlichkeit ist die Sozialdemokratie der dummen Kerle.» Viele Trump-Wähler sehen die freie Bewegung der Arbeit als Problem, dabei wäre es die freie Bewegung des Kapitals. Man muss sie aber deswegen nicht verleumden, sondern bei der Analyse unterstützen.

Apropos Sozialdemokratie: Sollte man Bernie Sanders vergessen?
Ich bin ein notorischer «Bernie Bro». Wenn es nach mir gehen würde, würden wir ihn einfrieren und 2020 für die nächste Präsidentschaftswahl wieder auftauen. Leider ist die Wissenschaft noch nicht so weit. Bernie Sanders ist ein Politiker, der chronisch unterschätzt wird. Er hat einen Staat wie Vermont für sich gewonnen, der nun wahrlich nicht der linkeste Fleck des Landes ist, und er hat heute die besten Popularitätswerte aller amerikanischen Politiker. Und das aus einem denkbar einfachen Grund: Er lügt einem nicht ins Gesicht und kalkuliert nicht jedes Wort, bevor er es sagt. Sein einziges, leider grosses Problem ist tatsächlich das Alter. Jetzt bleibt nur die Hoffnung, dass er seine Visionen und seine Energie auf einen Nachfolger übertragen kann.

Wer könnte das sein?
Keith Ellison zum Beispiel, der Abgeordnete aus Detroit, Michigan, ist ein vielversprechender Demokrat, ein aufrichtiger Politiker. Blöderweise ist er ein ­afroamerikanischer Muslim. (lacht) Das dürfte seine Wahlchancen leider mindern. Es wird an meiner Generation sein, der Generation X, nun einen geeigneten linken Kandidaten zu stellen – nicht bloss einen Sozialdemokraten, sondern einen Sozialisten. Wir haben uns lange aus der Politik rausgehalten, sie war uns lästig. Aber das geht jetzt nicht mehr: Der Kampf hat begonnen.

Sie fordern eine Radikalisierung der Linken. Ist der dritte Weg der Clintons, Schröders und Blairs endgültig am Ende?
Hoffentlich. Die Linke hätte sich nie auf ihn einlassen dürfen. Diese Politiker haben die Linke entkernt und schufen so die Voraussetzungen für Populisten wie Trump. Sie haben sich der Mitte und den Konservativen geöffnet und dafür die Arbeiter geopfert, die sich danach eine neue politische Heimat suchen mussten. Jetzt wählen sie rechtsextreme Nationalisten – die einzigen, die ihre Sorgen wirklich ernst genommen haben.

Hat Hillary Clinton auch zu sehr auf Minderheiten, die sogenannte LGTB-Community, gesetzt?
Das war kaum das Problem. Und es gibt wahltaktische Fehler, die man als Politiker bewusst begehen muss, schlicht aus ethischen Gründen. Lyndon Johnson unterschrieb das Bürgerrechtsgesetz, obwohl er wusste, dass es die Demokraten Stimmen kosten würde: Es war einfach die richtige Sache. Wenn die Demokraten heute wegen ihres Einsatz für Transgendermenschen Wahlen verlieren, dann ist das halt so.

Was ist mit Barack Obama?
Die Linke tendiert dazu, Obama die Absolution zu erteilen. Er habe das Möglichste in einem schwierigen Umfeld getan. Sicher, die Umstände waren schwierig. Dennoch muss man leider feststellen: Obama ist gescheitert. Er hat die Chance zu einer umfassenden Gesundheitsreform verpasst, er hat den Drohnenkrieg im Nahen Osten eigenmächtig massiv ausgeweitet. Einen Krieg, der viele Zivilisten das Leben gekostet hat.

Sie befürworten in Ihren Artikeln einen linken amerikanischen Populismus. Sehen Sie die Linkspopulisten Griechenlands und Spaniens als Vorbilder?
Ich glaube nicht, dass wir von Syriza viel lernen können. Griechenland ist ein politisch schwaches und ziemlich armes Land, das fatalerweise keine eigene Währung hat. Bei Podemos müssen wir abwarten. Es scheint jedoch, als könnte sich die strategische Schwammigkeit, die Parteichef Pablo Iglesias opportunistisch oder gar planlos erscheinen lässt, auszahlen. Die Wähler entscheiden sich heute eher für Stimmungen als für Programme. Eine Partei, der es gelingt, eine gewisse «Stimmung des progressiven Optimismus» zu verbreiten, könnte daher auch in den USA Erfolg haben. Aber das Zweiparteiensystem der USA lässt sich grundsätzlich nicht eins zu eins mit den Politsystemen Europas vergleichen, von Grossbritannien abgesehen.

«Es ist schon sehr erstaunlich, was für eine Ansammlung von Dummköpfen die Trump-Regierung ist.»

Trumps Berater um Steve Bannon zersetzen Begriffe wie «Fakten» oder «Wahrheit» im Säurebad postmoderner Theorien. Wie sollte die Linke reagieren?
Vernunft und gesicherte Informationen sind Waffen in unseren Händen. Wenn Linke nun eine linke Desinformation in Breitbart-Manier fordern, ist das nackter Wahnsinn. Denn die Rechte hat ja auch ihre Waffen, zumal die wirtschaftliche Macht. Und was Bannon angeht: Der Typ ist bei weitem nicht so smart, wie er in den Medien gezeigt wurde. Er ist ein Angeber. Er verwendet Begriffe wie «Dekonstruktion», ohne diese mit einer echten Theorie verbinden zu können. Seine Unfähigkeit hat sich bereits gezeigt bei der gescheiterten Demontage von Obamacare und der gescheiterten Einführung des Muslim-Bans. Es ist schon erstaunlich, was für eine Ansammlung von Dummköpfen die Trump-Regierung ist.

Nach der Trump-Wahl kam es zu eindrücklichen Frauenprotesten. Kann der Feminismus die Anti-Trump-Bewegung anführen?
Es ist toll, dass diese Frauenmärsche stattfinden und der Feminismus aufblüht. Aber es geht hier um einen Klassenkampf. Trump will massiv Geld von unten nach oben umverteilen. Der alleinige Blick auf Frauenfragen hilft uns nicht weiter, und zwar aus dem simplen Grund, weil es Frauen in allen Klassen gibt. Feminismus sollte sozialistisch sein und Sozialismus feministisch.

Vor 100 Jahren revolutionierten die Bolschewiken Russland, es resultierte eine totalitäre Diktatur. Können Revolutionen gelingen?
Selbstverständlich können sie das. Schweizer und Amerikaner leben schliesslich in Ländern, die das Produkt einer, um Marx’ Begriff zu benutzen, «bürgerlichen Revolution» sind. Der Schweizer Übergang vom Feudalismus zum Bürgertum war bekanntlich ein besonders friedlicher. Dass wir heute eine soziale Revolution benötigen, ist offenkundig, und dass es wieder Revolutionen geben wird, ist absehbar. Es ist also bloss die Frage, wie diese Revolutionen verlaufen werden – hoffentlich sozial, hoffentlich schweizerisch friedlich.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.04.2017, 19:45 Uhr

Benjamin Kunkel

Romancier und Sozialist

Geboren 1972 in Colorado, besuchte Benjamin Kunkel erst das freigeistig-kalifornische Deep Springs College und studierte dann in Harvard sowie an der Columbia University kreatives Schreiben. Sein erster, bisher einziger Roman «Indecision» wurde 2005 weltweit von der Kritik gefeiert. Vor drei Jahren veröffentlichte Kunkel «Utopia or Bust», ein Destillat seiner Beschäftigung mit zeitgenössischen linken Autoren. Kunkel schreibt regelmässig für die «New York Times» und linke Politmagazine. (lsch)

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