Was in Zürich fehlt, ist fades Schwarzbrot

Viktor Martinowitsch aus Weissrussland ist Writer-in-Residence in Zürich. In seinem Zukunftsroman «Mova» ist Literatur verboten – und eine Droge.

Die horrenden Preise in Zürich sieht Viktor Martinowitsch positiv: «Da kann man ja nicht viel anderes machen als schreiben.» Foto: Doris Fanconi

Die horrenden Preise in Zürich sieht Viktor Martinowitsch positiv: «Da kann man ja nicht viel anderes machen als schreiben.» Foto: Doris Fanconi

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Auf Seite 37 taucht die Schweiz auf, die «bettelarme Schweiz», deren Einwohner nach Weissrussland fliehen möchten, aber von einer Mauer und scharfäugigen Wachsoldaten daran gehindert werden. Weissrussland gehört zur russischen Provinz, die wiederum vom chinesischen Imperium friedlich vereinnahmt worden ist.

Viktor Martinowitsch grinst, als ich ihn auf die «bettelarme Schweiz» anspreche. Wir sitzen in einem teuren Café am Sechseläutenplatz, und drinnen wie draussen herrscht nichts als satter, solider, geschmackvoller Wohlstand. Der Weissrusse Martinowitsch ist der 13. Gastautor im «Writer-in-Residence-Programm des Literaturhauses und der Stiftung PWG. Er kommt aus einem der ärmsten Länder Europas – und hat diesem Europa eine bitterböse Zukunft prophezeit. «Mova», sein vierter Roman, beim kleinen Dresdner Verlag Voland & Quist auf Deutsch erschienen, ist aber mehr als eine rasant geschriebene, grimmige Dystopie, die Anklänge an «1984» (die Zerstörung der Vergangenheit) und «Fahrenheit 451» (Bücherverfolgung) nicht verleugnet. Er spielt im Jahr 2044, in einer Zukunft, in der Familie und Liebe als «überholte Konzepte» gelten und «spirituelle Bedürfnisse» durch Konsum und Werbung gedeckt werden.

Politisch versteinert

«Mova» ist aber auch eine Hommage an die weissrussische Sprache, Literatur, Kultur. Die Kultur eines Landes, über das man hierzulande gerade noch weiss, dass es sich um «die letzte Diktatur Europas» handelt, so das geläufige Etikett. Eine junge Nation, die nur die ersten drei Jahre ihrer Existenz nicht von Präsident Lukaschenko regiert wurde. Viktor Martinowitsch, der viel jünger aussieht als seine 39 Jahre, will – «in my Soviet English» meint er, unnötig entschuldigend – im Tak-tak-tak-Tempo seinem Gegenüber so viel wie möglich von seiner Liebe zu diesem Land, dieser Kultur vermitteln.

Gastautoren zwingen einen auf angenehme Art, das Eigene mit fremden ­Augen zu betrachten. Nicht nur, weil einem das Bekannte – die Hochpreisinsel Schweiz – in neuer Akzentuierung begegnet. So sind Martinowitsch die Second-Hand-Läden aufgefallen: «Bei uns in Minsk gibts da Billigware. Hier abgelegte Kleider für 2000 Franken!» Oder, wenn einem der Gast über das, was einen selbst schon ärgert, die Schamröte ins Gesicht treibt: Martinowitsch kann kaum glauben, dass die schändlichen Burka-Plakate der SVP in Zürich hängen, «einer Stadt, miterbaut und geprägt von Einwanderern!»

Schliesslich die Selbstverständlichkeit, wer man ist. Wenn Schweizer auf eine, na ja, 700-jährige Geschichte zurückblicken und sich ihrer Identität und Mundart als Ausdruck derselben sicher sein können – worauf stützt sich ein Einwohner von Belarus (so der offizielle Name)? Immer Teil von Grossreichen, erst von Polen-Litauen, später der Sowjetunion, im Zweiten Weltkrieg verheert wie kein anderes Land, Weissrussland verlor ein Viertel seiner Bevölkerung. Wirtschaftlich war das Land ein Anhängsel der Moskauer Zentrale, bis heute ist es abhängig von deren Energielieferung, politisch versteinert, die Protestbewegung 2010 wurde brutal niedergeschlagen. Wie fühlt man sich als Weissrusse, wenn die eigene Sprache lange nicht mal als solche anerkannt wurde, wenn die Mehrheit Russisch vorzieht?

Gastautoren zwingen einen auf angenehme Art, das Eigene mit fremden ­Augen zu betrachten.

Das Weissrussische! Bei dem Thema redet sich Martinowitsch ins Feuer. Dem Polnischen oder Ukrainischen näher als dem Russischen, mit anderem Vokabular, anderer Grammatik. Eine reiche Literatursprache auch, mit etlichen vergessenen und wiederzubelebenden Klassikern, aber heute in Gefahr, durch mangelnde Verwendung zu verkümmern.

In «Mova» ist es dramatischer. Im Jahr 4741 chinesischer Zeitrechnung sind alle weissrussischen Texte verboten, die meisten ganz vernichtet; eine kleine Gruppe Unentwegter versucht, die letzten Schriftspuren zu retten; in ihrer Geheimbibliothek befinden sich neben einzelnen Seiten ganze zwölf Bücher. Auf dem Schwarzmarkt werden selbst kleine Sprach-Fetzen hoch gehandelt, sie wirken auf die entwöhnten Leser wie eine Droge, die high macht.

Drogenhandel: Das ist immer eine gute Grundlage für einen Krimi-Plot. Auch hier, wo sich in einem abenteuerlich überbauten chinesischen Minsk Triaden, staatliche Drogenfahnder und weissrussische Partisanen ihre Kämpfe liefern. Und daneben wird um das Überleben der eigenen Kultur gerungen.

Inspirierendes Zürich

Martinowitsch, der perfekt zweisprachig ist, hat «Mova» auf weissrussisch ­geschrieben; die russische Ausgabe ­erschien zeitgleich. Unter seinen Landsleuten wurde der Roman Kult; junge Leute liefen in T-Shirts, die mit den chinesischen Zeichen für «Mova» bedruckt waren, durch die Strassen. Viele haben sich das Buch im Internet heruntergeladen, inoffiziell natürlich – und Martinowitsch hat gar nichts gegen die moderne Form des «Samisdat», der verbotenen, privat kopierten und unter der Hand verbreiteten Literatur der Sowjetzeit.

Verboten ist er als Autor nicht, aber behindert, wo es dem Regime passt. Weder im Fernsehen noch in Zeitungen bekommt er Interviews; als er eine Lesung, die eine staatliche Buchhandlung verweigerte, kurzerhand in eine nahe Kirche verlagerte, kam umgehend die Miliz und löste die «illegale Versammlung» auf. Seinen bürgerlichen Beruf kann er nur im Ausland ausüben: Martinowitsch lehrt politische Wissenschaften an der European Humanities University, einer Privatuniversität, die 1992 in Minsk gegründet wurde und, als die weissrus­sische Regierung sie 2004 schloss, ins benachbarte Litauen auswich. In Vilnius hat er seinerzeit auch promoviert, als das in Weissrussland nicht möglich war: über die künstlerische Avantgarde um Chagall, Malewitsch und El Lissitzky.

Inspirierendes Zürich

So pendelt Martinowitsch zwischen Minsk, wo «my beloved ones» leben, und Vilnius hin und her, wenn er nicht gerade Lesungen in Berlin oder Salzburg hält oder, wie jetzt, für fünf Monate Gast in Zürich ist. Eine inspirierende Stadt, findet er; als Spaziergänger, der im Kopf weiterschreibt, liebt er die vielen Gelegenheiten, die Zürich dazu bietet. Und auch die horrenden Preise sieht er positiv: Da könne er ja nicht viel anderes machen als schreiben. In diesem Frühjahr will er «Revolution», einen Roman, an dem er seit neun Jahren sitzt – und jedes Jahr zu einem Drittel umschreibt – endlich abschliessen. Es wird ein «Märchen über Macht», eine Analyse, auf Belarus ebenso anwendbar wie auf Russland.

Oder noch anderswo? Die derzeit unvermeidliche Frage nach dem amerikanischen Präsidenten beantwortet er mit dem Return: «Trump hat 1994 in Belarus die Macht übernommen.» Will sagen: Er kennt das alles: Lügen, Diffamierungen, Manipulationen, die Methoden von Autokraten halt. Wie wird es in seiner Heimat weitergehen? Martinowitsch, historisch beschlagen und deshalb ­Pessimist, sieht wenig Risse im Gebälk, kaum Anzeichen für die dringend notwendigen wirtschaftlichen Reformen. Lukaschenko brauche die EU, aber die müsse im Gegenzug etwas verlangen: mindestens die Abschaffung der Todesstrafe und die Einführung eines fälschungsresistenten Wahlverfahrens.

Wenig Grund also für Heimweh. Das kommt von etwas ganz anderem: dem Brot etwa. Das Brot in Zürich sei unglaublich geschmackvoll, «das beste in der Welt» – aber was er ab und zu braucht, ist der Geruch jenes eher faden Schwarzbrots, das es nur in Minsk gibt.

Viktor Martinowitsch tritt erstmals am 25. Februar im Rahmen der «Tage der russischen Literatur» im Literaturhaus Zürich auf. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.02.2017, 20:27 Uhr

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