Wer ist Elena Ferrante?

Ihr vierteiliger Neapel-Roman ist ein Bestseller, jetzt wurde sie für den Booker Prize nominiert. Was den Hype um die Autorin noch verstärkt: Niemand weiss, wer sie ist.

Hinter der pittoresken Kulisse war viel Gewalt: Frauen hatten in Neapel noch bis in die 80er-Jahre wenig zu lachen. Foto: Lorenzo Moscia (Archivolatino, Laif)

Hinter der pittoresken Kulisse war viel Gewalt: Frauen hatten in Neapel noch bis in die 80er-Jahre wenig zu lachen. Foto: Lorenzo Moscia (Archivolatino, Laif)

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Der neapolitanische Tourismus erlebt gerade einen Aufschwung, und das hat er einer Autorin zu verdanken. Elena Ferrantes vierteiliger Roman spielt fast durchwegs in Neapel und die Stadt darin eine wichtige Rolle – weshalb es dort bereits Restaurants gibt, die Elena-Ferrante-Pizzas anbieten. Und die «New York Times» eigens einen kleinen Reiseführer veröffentlicht hat, mit dem man sozusagen auf den Spuren der beiden Protagonistinnen wandeln kann («What to Do in Elena Ferrante’s Naples»). Ferrante sei für die süditalienische Stadt dasselbe wie Dickens für London, erklärte der britische Autor Jeffrey Archer.

Es herrscht also das «Ferrante- Fever», wie das die angelsächsische Presse nennt und dem sie selbst anheimgefallen ist: Allein in Grossbritannien verkauften sich Ferrantes Bücher über 350'000-mal, in den USA über 800'000-mal; Zadie Smith und Jhumpa Lahiri sind bekennende Fans, und die «Times» schrieb, wer klug aussehen wolle, lese in der U-Bahn Elena Ferrante.

Elena Ferrante selbst interessiert das nicht. Sie zieht es vor, unbekannt zu bleiben. Das Geheimnis um die Autorin macht die Aufregung um ihre Bücher noch grösser, erst recht in einer Zeit, in der jede und jeder meint, sich auf allen möglichen Kanälen ungefragt mitteilen zu müssen. Ferrante dagegen schweigt.

Als sie 1991 bei einem kleinen italienischen Verlag ihr erstes Manuskript einreichte, erklärte sie im Begleitschreiben, sie wolle anonym bleiben, da sie der Meinung sei, Autoren sollten sich nicht zu ihren Büchern äussern – entweder fänden die ihre Leser oder dann eben nicht. Zudem sei ja nichts so teuer für einen Verlag wie eine Promo-Tour – eine günstigere Autorin als sie könne man sich demnach gar nicht wünschen. Wer immer Elena Ferrante ist: Sie hat offenbar Humor.

Schreibt da eventuell ein Mann?

Elf Bücher hat sie seither veröffentlicht und sich stets stur an ihre Regel gehalten. Interviews gibt sie kaum und wenn, dann nur per E-Mail. Letztes Jahr wurde sie für den höchstdotierten italienischen Literaturpreis Strega nominiert, was umgehend Kritiker auf den Plan rief: Jemand, der nicht öffentlich auftrete, könne der italienischen Literatur nicht zu mehr Ansehen verhelfen und dürfe daher nicht ausgezeichnet werden, mäkelten sie. Und schienen dabei zu vergessen, dass Ferrantes Tetralogie erst dank der englischen Übersetzung zum internationalen Erfolg wurde. Sie gewann dann nicht, sie wurde Dritte.

Anfang März nun wurde sie für den Booker Prize nominiert, und seitdem rätselt die Literaturszene noch aufgeregter, wer diese Elena Ferrante bloss sein könnte. Ihre Bücher werden minutiös studiert, um Hinweise auf die Verfasserin zu entdecken. Der Schriftsteller Domenico Starnone etwa musste wiederholt und hörbar entnervt erklären, er sei nicht Elena Ferrante, währenddem der «Corriere della Sera» vor kurzem überzeugt war, das Geheimnis gelüftet zu haben: Es müsse sich bei der mysteriösen Autorin um eine Professorin der Universität Neapel mit Spezialgebiet Dante handeln, was diese aber genauso umgehend bestritt wie der Verlag auch.

Noch immer kennt also niemand die Identität der Autorin, ja, es steht nicht einmal fest, ob es sich überhaupt um eine Frau handelt. Wobei Ann Goldstein, Cheflektorin beim «New Yorker», die die Bücher vom Italienischen ins Englische übersetzt hat, gegenüber dem «Guardian» sagte, es würde sie schon sehr verwundern, wenn Elena Ferrante das Pseudonym eines Mannes wäre.

Da ist rein gar nichts so, wie man sich ein weibliches Innenleben gemeinhin vorstellt.

Tatsächlich ist es kaum vorstellbar, dass da keine Frau schreibt. Ferrante schildert so messerscharf und gleichzeitig so zart die Freundschaft zweier Frauen – da ist rein gar nichts klischiert und rein gar nichts so, wie man sich ein weibliches Innenleben gemeinhin vorstellt. Gleichzeitig handelt es sich um ein Sittengemälde Italiens: Es geht um die Camorra, die allgegenwärtig ist, über die aber nie jemand spricht, um die Faschisten, die Kommunisten, den linken Terror, die Arbeiterbewegung, die Klassengesellschaft, die Rückständigkeit des Südens und um die Emanzipation.

Und wie das Ferrante macht! Sie erzählt ein halbes Jahrhundert italienische Geschichte wie nebenbei, die politischen Ereignisse sind Tupfer auf einem grossen, bunten Gemälde, die dem Bild Farbe verleihen, aber nicht von der Hauptsache ablenken: den beiden Protagonistinnen Lila und Elena. Von deren Freundschaft erzählt sie, aus der Perspektive Elenas. Die beiden Mädchen, geboren 1955 in einem Arbeiterquartier in Neapel, sind blitzgescheit und betrachten die Welt, in der sie leben, voller Neugierde. Und obschon sie noch nicht in der Lage sind, zu verstehen, warum ihnen gewisse Dinge missfallen, verstehen beide früh, dass sie nur etwas vor dem Schicksal ihrer verbitterten Mütter bewahren kann: Bildung.

Italien als Macholand

Es ist nicht das Italien der Sofia Loren, das Ferrante beschreibt, da ist wenig Dolce Vita zu finden, und die Männer sind erst recht keine Marcello Mastro­iannis. Im Gegenteil: Ferrante zeichnet das Bild einer harten, mitleidlosen, engen Welt, in der gerade die Frauen wenig zu lachen haben. Gewalt ist allgegenwärtig, Kinder werden so selbstverständlich verprügelt wie ihre Mütter. An jeder Familienfeier, heisst es an einer Stelle, sitze eine Verwandte mit geplatzter Oberlippe oder zugeschwollenem Auge, schlimm findet das niemand.

Italien ist eine Männergesellschaft, und Lila, rebellisch, manipulativ und schön, lehnt sich dagegen auf. Trotz inständigem Flehen ihrer Lehrerin, die die grosse Begabung des Mädchens erkannt hat, erlauben ihr die Eltern nicht, die Schule nach der fünften Klasse weiter zu besuchen; sie muss fortan in der elterlichen Schuhmacherei arbeiten.

Elena, braver und viel weniger abgründig als Lila, hat mehr Glück. Sie darf die Matur machen, was ihr ungeheuer viel abverlangt in diesem ungebildeten und bitterarmen Milieu. Sie ist hart zu sich selbst und arbeitet diszipliniert, geht allen Hindernissen zum Trotz unbeirrt ihren Weg, während Lila im Rahmen ihrer beschränkten Möglichkeiten weiterhin revoltiert, unerschrocken, stolz, trotzig.

Ein immenser Hunger auf das Leben – den man Frauen damals nicht zugestand.

Aber so unbeugsam sie nach aussen scheint, so lautstark sie auch kämpft – Lila zerbricht innerlich daran, dass es ihr verwehrt bleibt, das Leben zu führen, das sie gerne führen möchte. Sie wird zwar erfolgreiche Unternehmerin, aber der Preis ist hoch. Im vierten Band erleidet sie einen Schicksalsschlag, von dem sie sich nicht mehr erholt. Und dann verschwindet sie, einfach so, spurlos. Das ist im Jahr 2010, und da setzt die Geschichte mit dem ersten Band ein. Elena, die erfolgreiche Autorin geworden ist, beschreibt die Chronik ihrer Freundschaft mit Lila.

Sie erzählt in manchmal altklugem, manchmal eitlem, manchmal unsicherem Ton, aber immer meint man, in ihrem Kopf zu sitzen. Ferrante beziehungsweise Elena – es herrscht die Überzeugung, vieles von der Geschichte habe die Autorin selbst erlebt, zu gut kann sie Details beschreiben – ist dennoch nie anklagend. Auszumachen ist da bloss ein immenser Hunger auf das Leben – den man Frauen damals nicht zugestand. Und genau deshalb entfalten die vier Bände eine ungeheure Wucht. Sie sind trotz des historischen Bogens brandaktuell, weil die Probleme, mit denen sich Lina und Elena herumschlagen, dieselben geblieben sind: die alltägliche sexuelle Belästigung, die sie als junge Frauen erfahren; der Machismo, den sie sich auch als Erwachsene gefallen lassen müssen; die Zerrissenheit von Müttern, die beruflich Erfüllung suchen; der Kampf um Unabhängigkeit in einer Beziehung und jener um Anerkennung grundsätzlich; die fehlende Selbstverständlichkeit, ein eigenständiges, nicht den Konventionen entsprechendes Leben führen zu dürfen.

Ferrantes Porträt dieser weiblichen Freundschaft aus dem italienischen Proletariat geht über die gesamten 1693 Seiten mitten ins Herz hinein. Übrigens nicht nur bei Frauen. Aus Grossbritannien heisst es, die meisten Käufer ihrer Bücher seien Männer.

Elena Ferrante: «L’amica geniale» («My Brilliant Friend»); «Storia del nuovo cognome» («Story of a New Name»); «Storia di chi fugge e di chi resta» («Those Who Leave and Those Who Stay»); «Storia della bambina perduta» («Story of the Lost Child»). Band 1 erscheint im September bei Suhrkamp auf Deutsch, die drei weiteren Bände folgen 2017. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.03.2016, 20:07 Uhr

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