Zwischen den Himmelsrändern

Marilynne Robinson hat mit ihrem Priesterroman «Gilead» nicht bloss die Pulitzer-Jury begeistert, sondern auch Barack Obama. Das Buch ist eine literarische Grosstat und ein neues Brevier für alle.

Bühnenbild zwischen Aufgang und Untergang, Leben und Tod: Autorin Marilynne Robinson (Archivbild). Foto: Dylan Martinez (Reuters)

Bühnenbild zwischen Aufgang und Untergang, Leben und Tod: Autorin Marilynne Robinson (Archivbild). Foto: Dylan Martinez (Reuters)

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Es fühlt sich an wie Jahre, dabei sind es nur Wochen: Damals gab es einen US-Präsidenten, der unaufgeregt und klug über Literatur sprechen konnte. Und auf seiner persönlichen Hitliste stand ein Buch, das genauso daherkommt – unaufgeregt und klug. Barack Obama las Marilynne Robinsons Iowa-Roman «Gilead» zum ersten Mal, als er selbst gerade in Iowa auf Wahlkampf war – und bis heute gehört der greise Antiheld des Buchs, der Pastor John Ames, zu seinen literarischen Lieblingscharakteren.

Gütig und vornehm sei dieser Pastor und liebenswert konfus im ungebrochenen Bemühen, seinen Glauben mit den Herausforderungen seines Lebens im Kaff Gilead zu versöhnen. Marilynne Robinsons Roman mit seinem Sinn für schlichte Tugenden ist für Obama ein «Gegengift» zu unserer lauten, aufschneiderischen Zeit, in der «Gutmensch» ein Schimpfwort geworden ist und man mit Grobheiten Wähler gewinnen kann.

Seelenerkundungen

Die Seelenerkundungen eines altersschwachen, kirchenmausarmen Provinzpriesters in Iowa im Jahr 1956 sollen das Highlight der amerikanischen Literatur der letzten Jahre sein? Ein Buch, in dem es nicht um rotzigen Sound der Metropolen geht und auch nicht um das Leben in einer Epoche voller Gewalt und Globalisierungsängste, sondern um augustinische, moralische Introspektionen?

Das könnte ein Text sein so tot wie die Staubschichten, die auf der Erbauungsliteratur des 19. Jahrhunderts schlafen, oder so klebrig wie der zähe Kleister der Klischees von Gut und Böse. Die Ausgangslage von «Gilead» lässt ausserdem keinen nennenswerten Plot erwarten. Aber weit gefehlt: Im zweiten Roman der 1943 in einer Kleinstadt geborenen Schriftstellerin gewinnt eine neue religiöse Prosa Gestalt, die aus der Zeit fällt und uns doch mitten in sie hinein führt.

«Es gibt zwei Momente, bei denen sich die geheiligte Schönheit der Schöpfung in blendender Pracht zeigt, und sie fallen zusammen. Einmal, wenn wir spüren, wie wenig wir in unserer irdischen Unzulänglichkeit der Welt genügen; und zum anderen, wenn wir spüren, wie wenig uns die irdisch unzulängliche Welt genügt. Augustinus sagt, Gott liebe jeden von uns wie ein Einzelkind, und das wird wohl wahr sein. ‹Er wird die Tränen von allen Angesichtern abwischen.› Es tut der Schönheit des Verses keinen Abbruch, dass genau das auch nötig sein wird.»

Und es tut der Schönheit des nun auf Deutsch vorliegenden Romans aus dem Jahr 2004 keinen Abbruch, dass er von solchen belehrenden Reflexionen lebt – ja, dass genau sie auch nötig sind. Im Gegenteil! Hier schreibt ein schwer herzkranker Mittsiebziger, der seine erste Frau im Kindbett verlor und auch das gemeinsame Kind begraben musste, einen gedankenvollen Brief an den Sohn, den ihm seine sehr viel jüngere zweite Frau geschenkt hat. Ames hatte nicht mehr mit dem Glück einer Ehe oder gar einer späten Vaterschaft gerechnet. Jetzt will er seinem knapp Siebenjährigen ein spirituelles Testament hinterlassen. Im Auf und Ab seiner Tage, zwischen Predigten, Essen mit seiner kleinen Familie, Besuchen von alten Freunden und Heimsuchungen durch alte Konflikte findet der freikirchlich-protestantische Prediger immer wieder Zeit, an dem langen Brief weiterzuarbeiten.

Zu Beginn des 300-seitigen Vermächtnisses blickt er auf seine Kindheit, als sein eigener Vater Seelsorger in Gilead war – wie der Grossvater vor ihm. Wo der Vater sich für Frieden starkgemacht hatte, war der Grossvater einst mit der Waffe für die Abschaffung der Sklaverei eingetreten und im Unfrieden von der Familie geschieden; er starb in der Fremde. John Ames begleitet 1892, als Zwölfjähriger, seinen Vater nach Kansas, wo sie in einem verwilderten Friedhof das Grab von «Rev Ames» entdecken. Sie mühen sich, obwohl erschöpft und halb verhungert, einen vollen Tag lang, den verbrannten Flecken Erde ein wenig herzurichten. Als die Sonne im Westen allmählich untergeht, zieht im Osten der Vollmond auf.

«Und zwischen den jeweiligen Himmelsrändern herrschte ein wundersames Licht . . . Das Grab und ich und mein Vater lagen genau dazwischen, was mich erstaunte, weil ich nie darüber nachgedacht hatte, was ein Horizont ist. Mein Vater sagte: ‹Ich hätte nie gedacht, dass es hier so schön sein kann. Das ist gut zu wissen.›»

Das ist ein Horizont! Ein Bühnenbild zwischen Aufgang und Untergang, Leben und Tod: So zeichnet die Romancière und Essayistin Szene für Szene ihr Credo. An den Himmelsrändern leuchtet es, und die Menschen ackern und schauen: Wer Augen hat, zu sehen, der sieht sie, die Schönheit der Schöpfung, noch am wüstesten Ort; und er hat auch einen Mund, sie zu preisen. Ora et labora. Das richtige Tun und das richtige Sehen sind für Robinson untrennbar. Im Finale gibt der Sterbende seinem Söhnchen denn auch mit auf den Weg: «Ich will darum beten, dass du eine Möglichkeit findest, dich nützlich zu machen.»

Realismus mit Rissen

Mit der rechten Perspektive kommt auch die rechte Haltung im Alltag. So ist der Roman in seinem glühenden Kern eine knallharte Beschreibung und Verurteilung des ganz normalen Rassismus in den USA Mitte der Fünfzigerjahre. Die Autorin zeigt sich aber auch explizit einer eingreifenden Vita activa verpflichtet – in polemischen Essays wie dem über britische Umweltsünden («Mother Country»). Sie versenke sich dann in eine distanzierende «Trance», einen kontemplativ-literarischen Modus, wenn da etwas Lohnendes sei: eine neue Realität, wie sie Emily Dickinson, Walt Whitman freigelegt hätten.

«Alltagsdinge hatten für mich immer etwas Numinoses», erklärt Robinson. «Alle Erfahrung hat auch eine visionäre Qualität», und die lässt sie in einer feinen Prosa voller Zwischentöne schwingen: Das ist ein Realismus mit Rissen. Robinson bewirtschaftete nicht den Erfolg des Romandebüts «Housekeeping» (1980), sondern wartete über zwei Jahrzehnte, bis sie Stoff und Sprache für reif hielt.

Gute Worte

Dass sie das sind: keine Frage. Auch die Pulitzer-Jury musste nicht lang studieren. Ames denkt in «Gilead» nicht nur über Anfang und Ende seines Lebens nach, sondern hangelt sich sehr lebendig durchs Chaos, das bei Begegnungen mit anderen brodelt – vor sechzig Jahren wie heute. Und derweil der Pastor seine kleinen Kaltherzigkeiten ebenso hinterfragt wie seine scheinbaren Freundlichkeiten, rollt eine Art mentaler Dorfkrimi ab. Der «verlorene Sohn» eines befreundeten Geistlichen kehrt nach Gilead zurück und löst bei Ames eine Kette von Mutmassungen, Verdächtigungen und unterdrückten Vorwürfen aus; bis er feststellt, dass sich alles ganz anders verhält. Er segnet den jungen Mann.

Ums Ablegen von Scheuklappen und ein humaneres Hinschauen geht es hier und, so sagt die Autorin: Eigentlich habe jede leidenschaftlich verfasste Literatur religiösen Charakter. Gerade in den letzten Jahren war im anglofonen Raum eine neue Sehnsucht danach spürbar, etwa in Richard Fords «Frank» oder Ali Smiths «Autumn». Da pulst durch die Sätze der Wunsch, «Nützliches, Unterhaltsames und Freundliches» auch aus den trübsten Erlebnissen zu stricken («Autumn»); einander mit «ein paar guten Worten den Tag zu retten» («Frank»). Die guten Worte von «Gilead» retten dem Leser mehr als nur einen Tag.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.03.2017, 18:29 Uhr

Marilynne Robinson: Gilead. Aus dem Englischen von Uda Strätling. S. Fischer, Frankfurt 2016. 318 S., ca. 29 Fr.

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