Chefin auf dem Platz

Céline Dion hat im Berner Stade de Suisse die Perfektion auf die Spitze getrieben.

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Sie wäre eine gute Trainerin in einer dieser Schulen, die angehende Musical-Darsteller ausbilden. Hart aber herzlich würde sie zeigen, wie es zu jeder Stimmlage die passende Bewegung gibt und der brillante Auftritt kein Zufall, sondern Frucht eiserner Disziplin ist. Es ist grob umrissen dieses Bild, welches die kanadische Sängerin am Samstagabend im zufriedenstellend gefüllten Stade de Suisse abgegeben hat. Als «Diva» wird sie angepriesen, aber ihr diesen Begriff anzuhaften, ist nicht fair.

Eine Diva fällt auf durch extravagante Allüren. Von denen sind an diesem Abend keine zu bemerken. Céline Dion hat Witz, Charme und ausserordentlich gute Laune. Es ist die zwölfte Konzerttournee und das 21. Studioalbum, welches die kanadische Sängerin nach Bern bringen. «Encore un soir» heisst es und es klingt so, wie Céline Dion schon immer geklungen hat: Nach süffig produziertem Balladen-Pop mit stimmumschmeichelnder Instrumentierung.

Das Stadion als Komfortzone

Wenn jemand weiss, wie eine Show geschmissen wird, dann ist es Céline Dion. Sie übt ja auch schon ein Weilchen, spätestens seit sie als 20-Jährige für die Schweiz den Eurovision Song Contest gewonnen hat. Fünf Jahre lang hat sie in Las Vegas durch ihr eigenes Spektakel geführt, an fünf Abenden pro Woche. Sie hat mit Elvis gesungen, er wurde als Hologramm auf die Bühne gebeamt, Céline Dion stand daneben in durchtrainiertem Fleisch und Blut. Als letztes Jahr ihr Manager und Ehemann René Angélil gestorben ist, wurde die Beerdigung live im Fernsehen übertragen, mit der trauernden Witwe in der Hauptrolle.

Du willst keinen Hit haben, sondern eine Karriere», soll er damals in den Anfängen zu ihr gesagt haben. Was danach folgte war eine Mischung aus beidem. Sie ist die Tochter in einer Familie von vierzehn Kindern, Geld war weder bei ihr noch bei Angélil vorhanden. Er soll eine Hypothek aufgenommen haben, um ihre erste Platte zu finanzieren, die sie im Jahr 1981 in ihrer Heimat Québec bekannt machte. Danach eroberte sie Kanada, es folgten Frankreich und im Jahr 1988 gewann sie mit dem Lied «Ne partez pas sans moi» den Eurovision Song Contest.

Die Stimme der Dion hat nichts an Wendigkeit und Brillanz verloren: Sie singt sich lupenrein durch Hits wie «The Power of Love», «That’s The Way it Is» und «A New Day Has Come», dass sie darob selbst eine Träne verdrücken muss. Sie schreitet über die Bühne wie über einen Catwalk, versichert dem Publikum ihre Liebe, hebt ihr entgegengeworfene Geschenke auf und ballt die Fäuste wie eine Siegerin – die sie zweifelsohne ist.

Von züchtig bis lasziv und wieder zurück

Über 230 Millionen verkaufte Tonträger machen sie zu einer der erfolgreichsten Sängerinnen des Pop, Prince hat ihr mit «With This Tear» einen Schmachtfetzen auf den Leib geschrieben und mit Parfüms, die Namen tragen wie «Sensational Moment» und «Enchanting», hat sie sich einen Batzen dazu verdient. Céline Dion ist ein Rundumpaket. Markant an ihrer Stimme ist diese ständige Spannung, glockenhell scharf in den hohen Lagen, sauber im Abstieg und so wendig wie ihr Körper, den sie im halb durchsichtigen Glitzerfummel auf einem Stuhl räkelt, begleitet von einem muskelbepackten Tänzer.

Es ist ein gewagter Moment im Kosmos der sonst züchtigen Dion. So bleibt die Ekstase nur auf der Bühne, das Publikum nämlich wirkt etwas irritiert. Céline Dion macht alles wieder wett, indem sie sich einen schwarzen, aufgebauschten Umgang um die Schultern legt und die nächste Hymne anstimmt. Zusätzlich zu Schlagzeug, Gitarre und Bass steht ein Streicherensemble und eine Bläsersektion auf der Bühne, zwei Frauen und ein Mann sorgen für Gospel-Hintergrundgesang und dann ist da Scott, der Pianist. Es gibt wenig Playback-Einspielungen, Dion singt praktisch alles live, schliesslich ist ihre Stimme ihr ganzer Stolz.

Disneyfilm-Ästhetik und Mottenkisten-Medley

Und trotzdem: Mag die Perfektion zuerst zu beeindrucken, wird sie bald schon langweilig, die Disneyfilm-Ästhetik ist aus der Zeit gefallen. So wird auch ein Medley eingestreut, definitiv ein Relikt aus der Mottenkiste, dabei hätte die Frau genug eigene Hits, interpretiert dann aber Klassiker wie «The Show Must Go On» von Queen und «Black Or White» von Michael Jackson.

Es gab da diesen Moment, irgendwann am Anfang des Abends, da mimte sie eine Oma mit Gehstock und krächzte «Every night in my dreams» ins Mikrofon. Das war schon ziemlich witzig, wie sie sich über ihren eigenen Welterfolg lustig machte, das für den Film «Titanic» komponierte Titelstück aus dem Jahr 1997. Sie bringt «My Heart Will Go On» als Zugabe, dann, wenn sie schon lange bewiesen hat, dass dies nicht das einzige Lied ist, welches sie in dieses Stadion gebracht hat. Kurz noch lässt sie sich gemeinsam mit ihrem Gitarristen auf einer mitten im Publikum plazierten Bühne in die Luft heben, um dann den Platz zu verlassen. Als Chefin, versteht sich. (Der Bund)

Erstellt: 16.07.2017, 14:09 Uhr

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