«Das ist Vaginaneid»

Die Autorin Stefanie Sargnagel sieht sich ständig mit männlichem Sexismus konfrontiert. Als Gegenmittel empfiehlt sie eine 90-Prozent-Frauenquote.

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Man liebt sie oder man hasst sie. Dazwischen gibt es nichts. Stefanie Sargnagel hat sich mit der Veröffentlichung von drei Büchern und unzähligen Facebook-Posts eine riesige Fangemeinde geschaffen – aber auch viele Feinde. Vor allem einzelne Männer aus dem österreichischen Kulturkreis tun sich schwer mit ihrer Landsfrau mit der roten Baskenmütze. Schriftsteller Thomas Glavinic bezeichnete sie kürzlich als «talentfreie Krawallnudel», der Maler Christian Rosa nannte sie öffentlich «Fettnagel». Doch die Sargnagel wäre nicht die Sargnagel, würde sie sich nicht wehren. Die 30-Jährige schiesst auf ihrem Facebook-Profil und mit ihrer Burschenschaft ­Hysteria heftig gegen Machos und deren Körperideale. Das Gespräch über Sexismus in und um den Kulturbereich wurde schriftlich geführt.

Was ist das Rebellischste, das eine Frau aus der Kulturszene heute tun kann?
In Westeuropa: absichtlich 20 Kilo zunehmen. Ich kenne keine einzige Künstlerin, die das je gemacht hat, obwohl es sonst die absurdesten Body-Modifications gibt. Bei der nicht gertenschlanken Schauspielerin und Regisseurin Lena Dunham gilt es umgekehrt schon als provokativ, dass sie in ihrer TV-Serie «Girls» einfach ganz normale Nacktszenen hat, wie sie in jeder anderen Serie auch vorkommen.

Sie werden oft mit Lena Dunham verglichen.
Ich verstehe den Vergleich nicht. Ich bin Cartoonistin und Autorin; sie macht eine TV-Serie. Oft werden wir nur aufgrund unseres Übergewichts verglichen. Was soll das? Wenn der Körperbau eines Kulturschaffenden vom Feuilleton thematisiert wird, ist das extrem übergriffig und respektlos. Welcher Mann muss sich so etwas bieten lassen?

Ist das ein feuilletonspezifisches Problem?
Die Abwertung des Weiblichen ist den Menschen verinnerlicht, ich würde mich selbst davon auch nicht freisprechen. Leute, die behaupten, nicht rassistisch oder sexistisch zu denken, halte ich für unreflektiert. Das spiegelt sich in jedem Lebensbereich wider.

Wie sieht es in der Literaturszene aus? Am diesjährigen Ingeborg-Bachmann-Preis zum Beispiel traten mehr Frauen als Männer auf. Das spricht doch gegen Sexismus.
Aber achten Sie mal darauf, wie junge Autorinnen ständig miteinander verglichen werden. So, als müssten sie aufgrund ihres Geschlechts alles gemeinsam haben. Und: Wäre ich ein Mann, müsste ich keine Interviewfragen zu meinem Geschlecht beantworten.

Viele Preisverleihungen haben unlängst Kategorien für Frauen geschaffen. Was halten Sie davon?
Frauen sollen «normale» Preise be­kommen. Sonderkategorien lehne ich ab. Quoten hingegen begrüsse ich.

Warum das?
Weil Männer ihre gesellschaftlichen Positionen auch nicht nur aufgrund ihrer herausragenden Fähigkeiten bekommen, sondern über Männer­netzwerke: Männerfreundschaften, die ­«unbeabsichtigt» Frauen ausschliessen, Burschenschaften, die gezielt Frauen ausschliessen. Männer, die junge Männer fördern, weil sie sich mit ihnen eher identifizieren als mit jungen Frauen.

Aber gerade junge Autorinnen bekommen in letzter Zeit viel Aufmerk­samkeit.
Sie lassen sich halt gut abbilden. Zudem polarisieren sie durch den gängigen Sexis­mus in der Regel mehr und sorgen vermutlich für mehr Klicks und Kommentare. Aber sie werden weniger respektiert und ernst genommen als ihre männlichen Kollegen.

Ist man noch nicht bereit für junge, sogenannte laute Autorinnen?
Ich weiss nicht, was mit «laut» gemeint sein soll. Buchstaben haben keine Lautstärke. Und ich denke, dass sich langsam doch eine Gelangweiltheit durch die männliche Sicht auf die Welt einstellt. Es gibt an ihren tausendmal durchgekauten Konflikten einfach nicht mehr viel Neues abzulesen.

Gibt es Grenzen, an denen Aussagen nicht mehr akzeptiert werden, wenn sie von Frauen stammen, jedoch von Männern schon?
Überall! Schon in der Schule wurde meine vorlaute Art viel schlimmer bewertet, als wenn Buben viel ärgere und destruktivere Dinge gemacht haben. Menschen empfinden Frauen schneller als böse, gehässig, schrill oder aggressiv, wenn sie schwarze Witze reissen und sich nicht alles gefallen lassen. Als feminin gilt halt nur, zart, schön, stumm und unterwürfig zu sein. Singen ist okay.

Ist es Ihre Absicht, ­genau solche Grenzen auszuloten, um zu provozieren?
Ich war ehrlich gesagt überrascht, als meine Reichweite über die Subkultur ­hinausging, wie sehr so etwas heutzutage noch provoziert. Für mich war das bis dahin alles eher selbstverständlich als provokant.

Trotzdem wurden Sie aufgrund ihrer Sprüche beispielsweise als «Ekelfeministin» bezeichnet.
«Ekelfeminismus»: die unnötigste Wortneuschöpfung der letzten Jahre.

Es waren nicht nur sogenannte Trolls in den sozialen Medien, die Sie anfeindeten. Auch Leute aus dem Kulturbereich beschimpfen Sie. Von Schriftsteller Thomas Glavinic wurden Sie als «talentfreie Krawallnudel» bezeichnet, von Maler Christian Rosa als «Fettnagel».
Würde ein Mann, der drei Bücher, mehrere Artikel und Cartoons veröffentlicht hat, als «Krawallnudel» bezeichnet werden? Würde einem männlichen Autor sein Übergewicht vorgeworfen werfen? Nein. Es sind doch genau die Methoden, mit denen man vor allem Frauen kleinhalten will. Die Message ist: «Halts Maul und sei hübsch.»

Sie liessen sich Glavinics Worte nicht gefallen und fragten ihn, ob er nicht lieber seinen Penis ins Internet stellen wolle. Ist das nicht auch sexistisch?
Ich beziehe mich hier auf ein konkretes Ereignis. Das Penisfoto gab es tatsächlich. Aus «Protest gegen Gewaltvideos» lud Glavinic ein Foto ins Internet, auf dem er seinen nackten Unterkörper in die Kamera hält. Auf mich machte es den Eindruck, als wolle da jemand einfach seinen Penis herzeigen.

Können Sie sich vorstellen, ­weshalb männliche Kollegen Sie so niedermachen?
Vaginaneid.

Was braucht es, um reale ­Gleichberechtigung zu erlangen?
Ein paar Jahrzehnte lang eine 90-Prozent-Frauenquote.

Wie stellen Sie sich das vor?
Genau so wie ich es sage: eine gesetzlich vorgeschriebene 90-Prozent-Frauenquote in allen gut bezahlten Bereichen.

Wie wollen Sie das herbeiführen?
Meine Burschenschaft Hysteria arbeitet am Aufstieg des goldenen Matriarchats in allen wesentlichen öffen­tlichen gesellschaftlichen Bereichen. Wir sind in unserer Arbeit sehr erfolgreich, und die aufflammenden Sexismen sind eigentlich nur noch das Japsen eines untergehenden Patriarchats.

Wie lange dauert es bis zu Ihrer Vorstellung vom Matriarchat?
Zehn bis zwanzig Jahre. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.09.2016, 17:58 Uhr

Stefanie Sargnagel

Mit Facebook gegen das Patriarchat

Stefanie Sargnagel, eigentlich Sprengnagel, wurde 1986 in Wien geboren. Ihr Debüt «Binge Living» – gesammelte Facebook­posts der letzten Jahre, in denen Sargnagel ihre Erfahrungen als Frau in einer patriarchalischen Gesellschaft kommentiert – war 2013 der Überraschungsbestseller des Verlags Redelsteiner Dahimène Edition. Letztes Jahr erschien das zweite erfolgreiche Werk, «Fitness». Sargnagel lebt in Wien. (van)

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