Die Karrierelüge

Das, was uns als Karriere verkauft wird, ist ein Skandal.

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Als junge Menschen sprachen wir das Wort «Karriere» mit einem abfälligen Lächeln aus. Es bezeichnete das Gegenteil von allem, was wir uns erträumten, damals, als noch Zeit zum Verträumen war. Die Karriere trug eine hässliche Krawatte und strampelte sich ab wie die Hosenbeine in Jim Whitings Musikvideo zu Herbie Hancocks «Rockit». Leere Anzughosen, die ins Nichts rannten wie Getriebene.

So war Karriere für uns, damals. Heute ist sie etwas, das nicht uns umtreibt, sondern das wir umgekehrt jagen und verfolgen sollen, wie man uns nahelegt. Es lohne sich, sagt man hundertfach in Mitarbeitergesprächen, Seminaren und Stapeln von Ratgeberbüchern, und mit den richtigen Plänen sei sie zu erreichen, diese Karriere, in deren Hosen und Anzügen keine Leere klaffe, sondern die mit prall gefüllten Taschen voller Entscheidungen, Perspektiven, Zielorientiertheit aufwarte. Und mit Verantwortung. Ich trage die Verantwortung über 500 Mitarbeiter, da kann ich doch nicht einfach tun und lassen, was ich für richtig halte. Verantwortung, ein Synonym für das Wohl des Unternehmens, hat meine Moral und all meine Wünsche gefressen, sorry.

Böser Verdacht: Ist Karriere nur ganz gewöhnliche Erwerbsarbeit?

Und doch bleibt man immer einen Schritt hinter dem zurück, was zu erreichen gewesen wäre. Schuld ist man selbst. Wenn man sich bloss mehr angestrengt hätte. Wenn man doch in der Lohnverhandlung forscher aufgetreten wäre. Wenn man diese oder jene Aufgabe ergattert hätte. Wenn man sich gekonnt ins Spiel und in die richtige Position gebracht hätte. Man könnte mehr Geld, mehr Mitarbeiter, mehr Verantwortung, mehr Struktur, und man könnte auch mehr Zukunft, Geliebte, Partys und Erfolge haben, aber irgendwie sind es immer andere, die einem den grossen Topf vor der Nase wegschnappen.

Und ab und zu beschleicht einen der Verdacht, dass diese Karriere ganz gewöhnliche Erwerbsarbeit ist. Man verrichtet gegen Geld und einige Versprechungen Arbeiten, die man so gern ganz anders machen würde, wenn man die Wahl hätte, aber da man diese nicht hat, hält man das allmorgendliche zu frühe Aufstehen, das Kuschen vor dem Chef und das Aushalten von öden Sitzungen für den legitimen Gegenwert eines Monatsgehalts – die tägliche Angst, wegrationalisiert zu werden, gibts obendrauf als Bonus. So ist das nun einmal, hier bei uns. Willst du etwa die DDR zurück? Oder geh doch in den Urwald, Holz hacken und Schlangen dämpfen. Ab und zu jagt sich halt einer eine Kugel in den Kopf.

Schweigejahr auf der Strasseninsel

Die schreckliche Wahrheit ist, dass wir keine Karriere machen werden, jedenfalls nicht diejenige, die man meint, wenn man das Wort haucht. Diejenigen, denen es gelingen wird, sind so wenige, dass sie nicht ins Gewicht fallen. Alle anderen rennen weiter in Businessmeetings und Weiterbildungen, Branchenapéros und Networkingbrunches, optimieren und büscheln ihre Skills und Foulards und wiederholen stumm, damit sie es nicht vergessen: Es ist für die Karriere, Karriere, Karriere. Die kommt schon noch. Denn da sind doch Aufstiegschancen. Denn da sind doch Weiterentwicklungsmöglichkeiten. Und so viel Potenzial.

Man sollte sich eines schönen Tages auf dem Weg zur Arbeit einfach auf eine Strasseninsel setzen und die Pendler in ihren Autos an einem vorbeirauschen sehen. Und dann sollte man sich der Trauer über diesen Zustand stellen und keine Schweigeminute einlegen, sondern ein Schweigejahr, in dem wir alle einfach aufhören so zu tun, als sei das alles in Ordnung, so wie es ist. Das, was uns als Karriere verkauft wird, ist ein Skandal. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.05.2017, 15:53 Uhr

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