Kultur

«. . . was zum Teufel er gesungen hat»

Von Jacob Stickelberger. Aktualisiert am 04.08.2011 7 Kommentare

Heute wäre der 1972 tödlich verunfallte Berner Liedermacher, Jurist und Denker Mani Matter 75 Jahre alt geworden. Der Geburtstagsgruss eines Berner Troubadours.

1/15 Wegbereiter des Mundart-Chansons: Der Berner Troubadour Mani Matter.
Bild: Keystone

   

Jacob Stickelberger ist 1940 geboren. Er ist neben Ruedi Krebs der letzte noch lebende Berner Troubadour. 2010 erschien «Meine
Chansons» als Buch und Doppel-CD (Gold Records). (Bild: Keystone )

Geburtstagsständchen

Jacob Stickelberger tritt heute an einem «Tribute-Abend» zum 75. Geburtstag von Mani Matter zusammen mit Fröilein da Capo,Franz Hohler und Ueli Schmezers Band MatterLive ab 19 Uhr auf der Kleinen Schanze auf. Der Eintritt ist frei.

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Mani Matter wurde berühmt durch seine Lieder. Mit ihnen wollte er es niemandem, aber wirklich niemandem recht oder nicht recht machen. Er schrieb die Lieder und trat mit ihnen, stets eine Spur verlegen, auf die Bühne. Allein durch seinen Auftritt liess er die Leute augenblicklich mucksstill werden. Und dann sang er: ernst, bestimmt und sachlich. Jeder und jede, denen der Name Mani Matter und seine Lieder neu waren, die ihn zum ersten Mal sahen und hörten, liessen sich vom ersten Chanson an fesseln.

Manis Auftritt dauerte nicht mehr als 20 Minuten (eine sakrosankt-demokratische Troubadour-Regelung). Aber vor allem wegen ihm gingen die Leute nach der Vorstellung glücklich nach Hause - im Bewusstsein, soeben etwas fürs Leben mitbekommen zu haben; erlebt nicht in einem vornehmen Opernhaus mit vier übereinander geschichteten, engelverzierten Rängen, sondern in einem eng bestuhlten Kellertheater mit kaum 100 Sitzplätzen, wo es wie seit Jahrhunderten noch immer erdig nach eingelagerten Kartoffeln roch.

Spektakuläres ist per se spektakulär. Warum mit einem Chanson noch eins drauf geben? Das widerstrebte Mani Matter. Es war viel mehr das Simple, das Alltägliche, das uns scheinbar Vertraute, ja, das Banale, das ihn gerade deswegen zum Nachdenken brachte. Das war für ihn der bevorzugte Boden für ein Chanson. Dann aber zerlegte er listig das Alltägliche in heimelige Einzelteile und stieg mit ihnen allmählich hinab in die Tiefe. Wir bemerken es gar nicht, weil das Ganze in vertrautem Berndeutsch als Liedli daherkommt, dann gehts noch tiefer, und plötzlich werden wir erschrocken gewahr, was zum Teufel dieser Matter eigentlich gesungen hat. Er lässt uns oft gar keine andere Wahl als zu lachen, um uns schliesslich mit einem leicht schlechten Gewissen zu entlassen. Muss ich Beispiele nennen? Meinetwegen: «Ds Zündhölzli», «Si hei dr Wilhälm Täll ufgfüert», «Hemmige», «Bim Coiffeur», «Usemene lääre Gygechaschte», «Betrachtige über nes Sändwich», «Chue am Waldrand».

Nein, das sind nicht einfach «Liedli», sondern einzigartige, nur rund zwei Minuten dauernde und in sich abgeschlossene Kunstwerke, tausendfach erprobt, buchstäblich kinderleicht zu lernen und zu singen. Doch hier ist das Adjektiv für einmal angebracht: genial.

Liebe Joy Matter, ich weiss, du verbittest dir Spekulationen rund um Mani. Aber gerade ein Mensch, mit dem sich so ziemlich die ganze Schweiz verbunden fühlt, ein Mensch, der in unserem Land nicht weniger integrierend wirkt als einst Wilhelm Tell oder General Guisan und heute Roger Federer: So ein Mensch lebt auch nach seinem Tod mit uns weiter, wenn auch nur im unvermeidlichen Konjunktiv.

Darum fragen wir uns andauernd und vor allem heute, an seinem Geburtstag: Wie wäre es weitergegangen, wenn Mani 1972 nicht tödlich verunfallt wäre? Auch ich stelle mir diese Frage. Ich glaube, dass es ihm ob der beinahe total gewordenen Beliebtheit seiner Lieder unbehaglich geworden wäre. Er konnte nämlich noch sehr viel mehr. Ob Kriminalromane oder Philosophie: Er war beängstigend belesen; er sagte der Stadt Bern als Rechtskonsulent Tag für Tag, was Recht ist; er hat als «kleiner» Doktorand mit einer messerscharf argumentierenden staatsrechtlichen Summa-cum-laude-Dissertation das Bundesgericht zum Umdenken bewogen - was unter Juristen schlicht eine Sensation war; er wäre wohl nach seiner in England geschriebenen Habilitationsschrift ein hoch geachteter Professor geworden. Und die Politik hätte ihn, da bin ich mir ziemlich sicher, hartnäckig umworben. Er hat mir seinerzeit denn auch seufzend und beiläufig gestanden, dass er - einmal als Kandidat aufgestellt von welcher Partei auch immer - das Restrisiko eingehe, gewählt zu werden.

Mani Matter als Exekutivpolitiker? Kaum vorstellbar. Und doch: Wenn, dann hätte wohl er allein mit gescheiten Fragen Christoph Blocher dazu gebracht, in neu gewonnener und voller Überzeugung den Austritt aus der SVP zu erklären. Aber eben und nochmals, liebe Joy, so stelle ich mir das nur so vor.

(Der Bund)

Erstellt: 04.08.2011, 13:19 Uhr

7

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7 Kommentare

Peter Martinelli

04.08.2011, 19:38 Uhr
Melden 8 Empfehlung

Muss eigentlich absolut jedes Thema zur Anti-SVP Hetze herhalten? Antworten


Rolf Schmid

04.08.2011, 20:57 Uhr
Melden 8 Empfehlung

"...hätte wohl er allein mit gescheiten Fragen Christoph Blocher dazu gebracht..."
Mehr noch - er hätte wohl sogar Widmer-Schlumpf dazu gebracht, weinend zu erklären, in Zukunft ehrlich sein zu wollen und keine Menschen mehr zu hintergehen.
Antworten




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