«Betet, freie Schweizer, betet!»

Von Oliver Meier. Aktualisiert am 10.06.2010 13 Kommentare

Das Kreuz mit dem «Schweizerpsalm». Oder: Wie eine Kirchenkomposition zur Nationalhymne avancierte. Ein vaterländischer Beitrag im Vorfeld der Fussball-Weltmeisterschaft in Südafrika.

Nicht alle singen mit: Die Fussball-Nati beim Erklingen der Nationalhymne vor dem WM-Qualifikationsspiel gegen Israel (Oktober 2009).

Nicht alle singen mit: Die Fussball-Nati beim Erklingen der Nationalhymne vor dem WM-Qualifikationsspiel gegen Israel (Oktober 2009).
Bild: Keystone

Die Hymne (ohne Text)

Konzerte

«Messe mit dem Schweizerspalm»: Sa, 12.6., 20 Uhr, Jesuitenkirche Solothurn. So, 13.6., 17 Uhr, Grosse ref. Kirche Lyss, Sa, 19.6., 20 Uhr, ref. Kirche Mühledorf. So, 20.6., 17 Uhr, ref. Kirche Jegenstorf.
Infos: www.chores.ch / www.schweizerpsalm.ch

Im Wunderreich des Fussballs kommt auch der Herrgott nicht zu kurz. «God save the Queen» und «God save us all!» singen die Briten, bevor der Ball rollt. Aber auch die Schweizer steigen gottestreu in den kultivierten Kampf der Nationen: «Betet, freie Schweizer, betet! / Eure fromme Seele ahnt / Gott im hehren Vaterland», singen sie, bevor es um die Wurst geht. Wobei: Mit der Nationalhymne ist es bekanntlich so eine Sache. Nur die wenigsten können oder wollen sie tatsächlich anstimmen.

Und das gilt nicht nur für die Schweizer Fussballer, die vor der Heim-EM 2008 vergeblich zum Nachhilfeunterricht angehalten wurden. Der Nationalrat höchstselbst hat sich jüngst dagegen ausgesprochen, zum Sessionsbeginn jeweils die Landeshymne zu intonieren. Und sporadische Umfragen zeichnen ein konstant verheerendes Bild, was das Image des «Schweizerpsalms» betrifft.

Hochkulturelle Ehren

Umso mehr horcht man auf, wenn da ein Chor ankündigt, eine «Messe mit dem Schweizerpsalm» in Konzertform darzubieten: Parallel zur Fussball-WM in Südafrika bringt der Projektchor «Chores» unter der Leitung von Erich Stoll das Werk für «Soli, gemischten Chor, Streichorchester und zwei Klarinetten» in die Region. Und nicht nur das: Mit den «Variationen zur Melodie des Schweizerpsalms für Streichquartett», die als Uraufführung geboten werden, kommt die gebeutelte Hymne im Konzert gleich mehrfach zu hochkulturellen Ehren.

Es ist eine Rückkehr zu den Wurzeln der Nationalhymne, aber auch eine Hommage an einen gottesfürchtigen Mann, den kaum noch jemand kennt, obwohl er uns vor 175 Jahren die Melodie zum «Schweizerpsalm» bescherte: Pater Alberik Zwyssig (1808–1854), Zisterziensermönch im aargauischen Wettingen.

Als am 5.Juli 1835 zum Amtsantritt des neuen Dorfpfarrers Plazidus Bumbacher in Wettingen eine Festmesse geboten wurde, war als Zwischengesang ein gewisses «Diligam te Domine» («Ich will Dich lieben, Herr») zu hören. Pater Zwyssig hatte es eigens für seinen priesterlichen Freund komponiert, und wahrscheinlich wäre es danach für alle Ewigkeit in den Tiefen einer klösterlichen Schublade verschwunden, hätten Freunde vom Zürcher «Unterhaltungszirkel zur Biene» dem Komponisten nicht Jahre später das Gedicht «Schweizerpsalm» ihres Mitglieds Leonhard Widmer zugeschickt: «Trittst im lichten Morgenrot daher» Pater Zwyssig nahm den Text, formte ihn um und adelte ihn mit der Melodie seines «Diligam te Domine».

«Tanz» im Dreivierteltakt

Bereits Mitte der 1840er-Jahre, noch vor der Gründung des Bundesstaats, tauchte das Lied an patriotischen Anlässen auf, und auch die florierenden Männerchöre nahmen sich seiner an. Trotzdem stand Zwyssigs Kreation, ein hymnischer «Tanz» im Dreivierteltakt, bis ins 20.Jahrhundert hinein im Schatten einer anderen Schöpfung: «Rufst Du mein Vaterland», 1811 aus der Tradition der Kriegslieder hervorgegangen, hatte über ein Jahrhundert lang den Status einer inoffiziellen Nationalhymne – mit der Melodie von «God save the Queen».

Doch auch als die Kampfeshymne mit der «unschweizerischen» Musik nicht mehr opportun erschien, liess die Stunde des «Schweizerpsalms» auf sich warten: Erst 1981 – nach unzähligen Vorstössen, Wettbewerben und Vernehmlassungen – wurde er vom Bundesrat zur ersten offiziellen Hymne gekürt. Genörgelt wurde indes munter weiter – wenn auch weniger über die Melodie als vielmehr über den Text. Von Friedrich Dürrenmatt bis Nella Martinetti reicht die stolze Liste jener, die sich mit valablen Alternativen hervorgetan haben.

Messe mit Einführungsset

Pater Zwyssig ging derweil ganz vergessen. Ganz vergessen? Nein! Eine unbeugsame Gönnervereinigung hat sich seiner angenommen. Sie ist es auch, die nun die «Messe mit dem Schweizerpsalm» propagiert – nicht zuletzt zur «Förderung der Akzeptanz der Nationalhymne». Die klassische Orchestermesse, uraufgeführt 2004, speist sich aus dem «Diligam te Domine» und weiteren Kompositionen des Zisterziensermönchs. Hubert Spörri, Komponist und Vorsteher der Gönnervereinigung, hat sie arrangiert. Über 150 Mal soll sie inzwischen aufgeführt worden sein, in allen möglichen Fassungen, die von der Gönnervereinigung vertrieben werden – neben einer CD-Einspielung und einem «kostengünstigen Einführungsset». Dem späten Ruhm von Pater Zwyssig scheint nichts mehr im Weg zu stehen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 10.06.2010, 08:02 Uhr

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13 Kommentare

Bruno Waldvogel-Frei

10.06.2010, 08:31 Uhr
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Wenn ich hier in California sitze und den Kommentar zur Hymne lese, dann kann ich nur sagen:"I'm lovin it!" Die Amerikaner, God's own country, beneiden uns förmlich darum. Vor zwei Tagen wurde mir der Text in Englisch vorgetragen. Und da klang er - wie sie es sagten - "awsome". Also warum noch länger diskutieren? Und: beten schadet ja nie, oder? Antworten


Jean Mirz

10.06.2010, 09:00 Uhr
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Es waere wirklich an der Zeit, dass jeder Schweizer die Hymne, mind. die 1. Strophe auswendig lernt. In allen anderen Staaten koennen die meisten Leute ihre Hymne singen, sie stehen sofort bei den ersten Takten auf, Leute in Uniform salutieren in Richtung Fahne. Die Schweizer: sie schaune peinlich um sich herum, und wissen nicht was los ist. Das ist wirklich peinlich! Antworten



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