22 Mädchen gegen einen Bundesrat

Rosmarie De Lucca war eine der Rorschacher Schülerinnen, die sich 1942 in einem Brief über die Zurückweisung von Juden an der Grenze entsetzten. Heute ist sie 85 – und nicht weniger empört.

Zeugin einer dunkeln Zeit: Rosmarie De Lucca erinnert sich.
Video: Jan Derrer

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«Das ist doch furchtbar! Dieser Mann muss verblödet sein.» In den Händen hält Rosmarie De Lucca einen Brief, den Justizminister Eduard von Steiger vor über 70 Jahren, im Oktober 1942, persönlich für ihre Klassenkollegin Heidi Weber verfasst hatte. Das vierseitige Schreiben war die Reaktion auf den beherzten Appell, den Heidi Weber, Rosmarie De Lucca (damalige Gansner) und 20 weitere Klassenkolleginnen an den Bundesrat gerichtet hatten. Die Rorschacher Sekundarschülerinnen hatten, motiviert durch eine Zeitungsreportage aus dem Grenzgebiet, ihr Entsetzen über den Umgang der Schweiz mit jüdischen Flüchtlingen hineingepackt. «Aufs Höchste empört» seien sie, «dass man die Flüchtlinge so herzlos wieder in das Elend zurückstösst» – ­«zitternde, frierende Jammergestalten», die «die ganze Hoffnung auf unser Land gelegt» hätten. Auch mutmassten die Mädchen, ob die Bundesräte wohl «den Befehl erhalten haben, keine Juden aufzunehmen».

«Du wirst rot werden»

Von Steiger, der kurz zuvor die Metapher von der Schweiz als «volles Boot» geprägt hatte, fuhr die Anklage zünftig in die Knochen. Kurz nach Erhalt des Schülerbriefs entwarf der Spitzenmann der Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei (BGB, die spätere SVP) sein Antwortschreiben, eben jenes, das die 85-jährige Rosmarie De Lucca jetzt vor sich hat.

Darin weist Steiger den Vorwurf der Fremdsteuerung entrüstet von sich und belehrt die Schülerin: Wenn diese dereinst eine «getreue gute Hausfrau» geworden sei, müsse sie auch aufs Geld schauen. Und wenn ein Fremder sie dann um Hilfe bitte, werde sie sich den Mann zuerst ansehen, bevor sie ihn in die Küche oder in die Stube nehme, und sie werde sich fragen, ob er «Platz hat – aber nicht nur für 14 Tage, sondern vielleicht auf lange Zeit». Dann sei er sich sicher, «dass Du rot werden wirst, den Bundesrat mit Vorwürfen überschüttet zu haben».

De Lucca, im Kopf noch weit vifer als zu Fuss, ist eine alte Bohemienne. Ihr Mann war der Maler Yargo De Lucca, seine Tierbilder zieren die Wände. Neben dem Kamin steht eine afrikanische Skulptur. Sie sitzt auf der Couch und schüttelt den Kopf. Ihr Ärger über Von Steigers herablassenden Brief ist offenkundig. «Man hielt uns Mädchen für halbschlau», sagt sie. Schon bald sei die Vermutung aufgekommen, sie hätten den Brief nicht selber verfasst.

Von Beamten in die Mangel genommen

Von Steiger liess es denn auch nicht bei seiner magistralen Lektion bewenden, sondern ordnete ein Verhör von Schülerinnen und Lehrern an: «Steiger schickte uns die Staatsanwälte auf den Hals.» Gleich drei Beamte nahmen die Mädchen in die Mangel. Wie sie sich erdreisten könne, so fragte einer von ihnen Heidi Weber, dem Bundesrat «Lehren zu erteilen», ausgerechnet jenen Männern also, «die Tag und Nacht arbeiten (...), dass ihr Realschülerinnen ruhig und sicher wohnen könnt, dass ihr genügend zu essen habt». Trotz des barschen Tons hätten sie keine Angst gehabt, erinnert sich De Lucca, denn «wir waren überzeugt von unserer Sache».

Das Verhör erwies sich als Fehlschlag, wie das Untersuchungsprotokoll vom 23.10.1942 zeigt: Weder konnte den Mädchen eine staatsgefährdende Haltung nachgewiesen, noch konnten erwachsene Helfer ausfindig gemacht werden. «Wir haben den Brief ja auch tatsächlich selber geschrieben», betont De Lucca. «Und niemand wusste davon. Die Eltern nicht, die Lehrer nicht.» Sie vermute, dass insgeheim die meisten stolz auf sie gewesen seien, «weil wir sagten, was die Erwachsenen nicht zu sagen getrauten». Nach dem Krieg geriet der Brief in Vergessenheit. Die Mädchen wuchsen heran, begannen zu arbeiten, heirateten. Die Kontakte untereinander wurden spärlich. Rosmarie Gansner arbeitete erst im St. Galler Warengeschäft Globus, wanderte dann nach Kanada aus und lernte dort ihren künftigen Gatten Yargo kennen, mit dem sie später wieder in die Schweiz zog. Inzwischen sind die meisten ihrer Klassenkolleginnen gestorben, so auch Heidi Weber, die Verfasserin des Appells.

Neue brisante Dokumente

Wenn Zeitzeugen verstummen, geht die Deutungshoheit auf die Spätergeborenen über. Dies geschieht gerade mit dem Rorschacher Brief. Zeitgleich mit seiner Neuentdeckung und der nationalen Verbreitung durch die «Tagesschau» vor einer Woche veröffentlichte die Berner Historikergruppe Dodis, die sich mit der Schweizer Diplomatiegeschichte beschäftigt, brisante Dokumente: Fotos und Depeschen, die belegen, dass der Bundesrat bereits Mitte 1942 detaillierte Kenntnis hatte von den Massakern an den Juden im Osten. Weiteren Zündstoff erhielt die neuerlich entbrannte Debatte durch Ueli Maurers Botschaft zum internationalen Tag der Holocaustopfer, in der Maurer die Schweiz als «rettende Insel» pries, die «in einer dunklen Epoche» für «viele Bedrohte und Verfolgte» da gewesen sei.

Die Reaktion erfolgte postwendend. Der Schweizerisch-Israelitische Gemeindebund (SIG) übte deutliche Kritik, und Maurers Kollegin Simonetta Sommaruga erklärte an einem Symposium demonstrativ, dass die Schweiz Menschen an der Landesgrenze abgewiesen und somit «in den sicheren Tod» geschickt habe.

Pflichtlektüre in der Schule?

Neuerlich stehen sich die zwei Lager unversöhnlich gegenüber: hier die Konservativen, die glauben, das Boot sei tatsächlich voll gewesen und der Bundesrat habe gut daran getan, den braunen Teufel nicht mit ausgeprägter Judenfreundlichkeit zu reizen. Da die Linken und die grosse Mehrheit der Historiker, die meinen, dass es noch Platz gehabt hätte. Es zeichnet sich ab, dass Eduard von Steiger diesmal im Zentrum der Debatte stehen wird. Und die Versuchung liegt nahe, die symbolhafte Konstellation der Rorschach-Affäre politisch weiterzuziehen, stehen hier doch mutige Mädchen gegen einen Hardliner und Zivilcourage gegen Staatsgewalt.

«Der Rorschach-Brief sollte Pflichtlektüre in den Schweizer Schulklassen werden», fordert bereits David Roth, Präsident der Jungsozialisten, die sich Steigers Entlarvung zum Ziel gesetzt haben – so soll dem Emmentaler die Ehrenbürgerschaft in seinem Heimatstädtchen Langnau aberkannt werden. Von Steiger trage die Verantwortung für den Tod mehrerer Tausend Menschen.

Er könne seine Arbeit verantworten, hatte Steiger anno 1942 in seinem Brief an die Schülerinnen der Mädchenklasse 2c geschrieben: «Vor diesem Examen habe ich nicht Angst.» Wie angebracht diese Nonchalance tatsächlich gewesen ist, wird sich in den nächsten Monaten und Jahren zeigen, wenn Eduard von Steigers Haltung einer strengeren historischen Prüfungen unterzogen werden wird. Die Zweifel sind gross. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 06.02.2013, 06:26 Uhr)

Bildstrecke

Mädchenklasse gegen Bundesrat

Mädchenklasse gegen Bundesrat 1942 schrieb eine Rorschacher Mädchenklassen einen Brief an den Bundesrat. Sie forderte, die Grenze für Flüchtlinge zu öffnen.

Dodis

Die in Bern domizilierte Forschungsgruppe Dodis (Diplomatische Dokumente der Schweiz) wertet Behördendokumente systematisch aus. Ein beachtlicher Teil der Dokumente ist online einsehbar.

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