Amok, der Rausch absoluter Macht
Von Wolfgang Sofsky. Aktualisiert am 13.03.2009 18 Kommentare
«Die Tatmotive sind meist von bestürzender Banalität»: Soziologe Wolfgang Sofsky.
Der Autor
Der Göttinger Soziologe und Publizist Wolfgang Sofsky (1952) schreibt über Krieg und Gewalt und das Spannungsverhältnis zwischen Freiheit und Sicherheit. Zu seinen Publikationen gehören «Zeiten des Schreckens – Amok Terror Krieg» (2008), «Das Prinzip Sicherheit» (2005) oder «Verteidigung des Privaten» (2007).
Ein Jugendlicher schlüpft in einen Kampfanzug, stürmt mit der Beretta seines Vaters in seine frühere Schule und exekutiert mit gezielten Kopfschüssen neun Schüler und drei Lehrerinnen. Auf der Flucht schiesst er drei Passanten nieder, bevor ihn die Polizei in die Enge treibt und er sich schliesslich selbst tötet. Wenige Stunden davor hatte in Geneva County im Südosten Alabamas ein 30-jähriger Mann sein Elternhaus in Brand gesteckt, alle Angehörigen erschossen und auf der Flucht eine Familie niedergemäht, die auf ihrer Veranda sass. Nach einem Feuergefecht mit der Polizei rettete er sich in ein nahes Gebäude und tötete sich selbst.
Treuherziges Wunschdenken
Die beiden jüngsten Amoktaten lösen - wie immer - Entsetzen, Ratlosigkeit und prompte Versuche der Selbstberuhigung aus. Ohne Vorzeichen bricht der Amok in den Alltag ein. Von einer Minute zur anderen herrscht das Chaos. Sofort rätselt man über Gründe und Ursachen. Doch können Gemütszustände, die in einer Gesellschaft gang und gäbe sind, unmöglich die Einzigartigkeit der Untat erklären. Die Zahl der Frustrierten, Gemobbten oder Depressiven, der Waffennarren, Killerspieler oder Weltverächter, der Behörden-, Schul-, oder Familiengeschädigten geht in die Millionen. Amoktäter indes sind eine rare Spezies - ohne besondere Eigenschaften.
Es gibt kein Standardprofil des Amoktäters. Keineswegs kommt er aus der schlechten Gesellschaft der Irren, Kran-ken und Erfolglosen. Manche sind Aussenseiter, andere dagegen sozial integriert. Auch einen Standardtatort sucht man vergebens. Amokläufe finden nicht nur in Schulen statt, sondern auch in Restaurants, Bürogebäuden, Universitäten, Einkaufszentren, Parlamenten.
Dennoch erfindet man aus einer Handvoll Merkmale sofort eine sinnhafte Geschichte. Besonders bewährt hat sich die Umkehrung ins Gegenteil, wonach der Mörder ein Opfer misslicher Umstände gewesen sein müsse, ein eingeschüchterter Einzelgänger mit einer verborgenen Zweitidentität des Lebensmüden und Missachteten. Als sei der Amok nur eine Reaktion ohne eigenes Zutun. Wie viele Menschen sind schwermütig und denken nicht im Traum daran, auch nur den Arm zu heben? Indem man jedoch den Täter zum Opfer umtauft, bewahrt man sein empfindsames Weltbild samt der Illusion, etwas ausrichten zu können. Die Idee, mit Schulreformen, Waffenkontrollen, Medienzensur oder psychologischer Dauerbeihilfe liesse sich auch nur ein einziges Massaker vereiteln, ist nichts als treuherziges Wunschdenken. Amokläufe konfrontieren die Gesellschaft mit ihrer Ohnmacht. Die Zerstörungskraft des Individuums ist nahezu unbegrenzt.
Kein spontaner Ausbruch
Die Tatmotive sind meist von bestürzender Banalität. Berufliche Niederlagen, verschmähte Liebe, enttäuschter Gel-tungsdrang, Neidanfälle oder simpler Alltagsärger können Menschen so in Rage versetzen, dass sie die Barriere überspringen. Ein ablehnender Bescheid, ein falsches Wort, ein verächtlicher Blick - und der innere Sprengsatz zündet. Um die Verhältnismässigkeit der Mittel kümmert sich der Amok nie. Immer übertrifft die Tat Anlass und Grund. Am 20. Dezember 1995 zog in einem New Yorker Schuhgeschäft ein junger Mann die Pistole, weil ihm die Schuhe zu teuer waren und die Verkäuferin nicht mit sich handeln liess. Fünf Tote waren das Ergebnis dieses Unmutsanfalls. Weil ihm ein Kredit verweigert worden war, erschoss am 30. Juli 2002 ein Angestellter des Bildungsministeriums in Beirut neun Kollegen. Mit einer Kalaschnikow und zwei Pistolen eröffnete er in den Büros das Feuer. Als ihm die Munition ausging, lief er die Treppe hinunter, zündete sich eine Zigarette an und mischte sich unter die Passanten.
Trotz seiner Seltenheit kennt der Amok wiederkehrende Elemente. Meist geht dem Massaker eine innere Verwandlung voraus. Die Inkubationszeit kann Monate, Tage oder auch nur Stunden währen. Der Amok ist kein spontaner Ausbruch. Der Täter bewaffnet sich und zieht sich in seine Innenwelt zurück, sitzt stumm in seiner Kammer, auf der Parkbank oder der Zuschauertribüne und brütet vor sich hin. Die Imagination künftiger Omnipotenz will ausgekostet werden. Die beiden Halbwüchsigen, die am 20. April 1999 in Littleton zwölf Mitschüler und einen Lehrer regelrecht exekutierten, nahmen sich für die Vorlust ein ganzes Jahr Zeit. In den Wochen vor dem Überfall drehten sie in den Kellern ihrer Elternhäuser fünf Videofilme, um sich ihren Tag des Jüngsten Gerichts auszumalen. In der Abgeschiedenheit überkommen den Mörder Fantasien der Vernichtung. Die Bilder verdichten sich zu einer fixen Idee, die sich einbohrt ins Gehirn. Im Freiraum der Fantasie gilt kein Tabu und keine Zensur. Die Gedanken überspringen alle Barrieren. Wer den Amok verhindern will, der müsste nicht nur jedem auffälligen und unauffälligen Zeitgenossen einen Bewacher zur Seite stellen, sondern ihm auch die Vorstellungskraft aus dem Hirn brennen.
Ekstatischer Tanz der Vernichtung
Kurz vor der Tat behelfen sich manche Täter noch mit einer äusseren Metamorphose. Der Amokschütze von Erfurt streifte sich auf der Schultoilette das schwarze Kostüm japanischer Ninja-Krieger über und zog sich eine Sturmmaske übers Gesicht. Im Augenblick der Verwandlung wurde er nicht nur anders, er wurde ein anderer. Die Maskerade diente ihm nicht zur Tarnung, sondern zur Entgrenzung seiner selbst. Sie verlieh ihm die Macht zu namenlosem Schrecken.
Vollendet ist die Verwandlung jedoch erst in der physischen Aktion. Erst die Tat bringt den Amoktäter hervor. Nach dem ersten Mord öffnet sich die Wüstenei absoluter Freiheit. Plötzlich ist der Täter Herr über Leben und Tod. Nichts steht ihm mehr im Wege. Mit ungeahnter «Selbstsicherheit», ja Souveränität bewegt er sich. Was von aussen wie blinde Vernichtungswut aussieht, ist in Wahrheit ein Zustand absoluter Geistesgegenwart. Der Mörder ist hellwach. Mancher streckt mit zügiger Gelassenheit ein Opfer nach dem anderen nieder, andere feuern begeistert um sich. Über 60 Patronen soll der Schütze von Winnenden verpulvert haben. Der Amok ist ein ekstatischer Tanz der Vernichtung. Der Bewegungsrausch entfesselt Energien, von denen der Täter nicht einmal ahnte, dass er sie hat.
Der erste Schuss öffnet dem Zufall Tür und Tor
Häufig beginnen Amokläufe mit Racheakten gegen verhasste Verwandte, Nebenbuhler oder Kollegen. Doch öffnet der erste Schuss dem Zufall Tür und Tor. Vom tödlichen Familiendrama unterscheidet sich der Amok durch seine Wahllosigkeit. Der Zorn eskaliert zur Wut. Sie nimmt auch Fremde ins Visier, die zufällig am falschen Ort sind. Der Täter macht keinen Unterschied. Von den Opfern will er nichts. Ihr Tod ist völlig sinnlos. Was den Täter treibt, ist der Rausch absoluter Macht. Er tötet allein um des Tötens willen. Im Triumph befreit er sich von sich selbst. Indem er ganz eins mit sich selbst wird, verliert er sich selbst.
Der Amok ist kein erweiterter Selbstmord. Nicht Verzweiflung, sondern Wut lenkt die Tat. Im Zustand des Exzesses verfolgt niemand Suizidpläne. Manche haben zwar ihr Leben satt, andere jedoch halten sich alle Optionen offen. Dass manche Sturmläufe mit dem Tod des Mörders enden, liegt auch nicht an einem plötzlichen Anflug von Reue. Amokläufer sind nicht ihre eigenen Henker. Sie sterben bei der Rückkehr aus dem anderen Zustand, wenn sie von der Normalität wieder eingeholt werden. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 13.03.2009, 10:18 Uhr
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18 Kommentare
Weierstrass Peter, 10:03 Uhr: Ich kann Ihre Beobachtungen bestätigen. Urbaniok Frank, der deutsche Psychologe in Diensten der Zürcher Polizei, schwafelt gern davon, dass seine Prognosen zuverlässig seien. Der soll doch seinen Test öffnen, dass sich alle testen lassen können, die wissen wollen, ob sie das Potenzial zum Amokläufer besitzen. Dann kann man vielleicht einmal feststellen, dass ein Testergebnis falsch war. Auch die Schweizer Armee hat sich kürzlich wieder lächerlich gemacht, als sie behauptete, sie hätte einen Test, mit dem sie feststellen könne, ob jemand mit seiner Armeewaffe außerhalb des Dienstes Schaden anrichte. In der heutigen Kontextsendung "Tatort Schule" auf DRS2 vertritt Kassis Wassilis die These, dass es sich um einen erweiterten Selbstmord handele und der Kontext mit den über 1000 Gewalt-Videos eine wichtige Rolle spiele. Andererseits sagt er klipp und klar, dass es kein Amoklauf sei, weil der Täter einen über viele Monate ausgearbeiteten Plan umgesetzt habe. Antworten
Mich hat der Artikel aufgewühlt, zum Nachdenken angeregt, aber auch geärgert, denn er verabreicht in Nebensätzen scheinbare Fakten, die für seine Argumentation aber zentral sind. Konkret möchte ich, wie Anderegg Corinne, 10:45 Uhr, dafür plädieren, sämtliche Waffen, aber wirklich sämtliche, einzusammeln. Sogenannte Sportschützen sind doch perverse Vollidioten, Jäger sind gottverdammte Tierquäler - solche Leute sollten ohnehin aus unserer Gesellschaft entfernt werden. Wozu braucht ein supermoderner Industriestaat noch Waffen? Die Polizei braucht auch keine Waffen, wenn niemand eine Waffe hat. Waffen sind heutzutage kein Segen, sondern ein Fluch. Antworten
Geborgenheit, stabiles Unmfeld, Elternliebe, etc. sind nur noch oberflächlich vorhanden! Diese Werte sind jedoch Eckpfeiler in der Erziehung und können nur von uns Eltern glaubhaft und nachhaltig vermittelt werden. Keine Tagesschule oder Pflegeeltern können uns diese Aufgabe abnehmen! Unser Verhalten ist wegweisend! Antworten
...und genau das ist der Grund, warum uns Menschen bedingungslos verboten werden soll, scharfe Waffen bei sich zu Hause aufbewahren zu dürfen. Waffenschein hin oder her. Dasselbe gilt auch/vor allem für Militärwaffen, die in der Schweiz pflichtgemäss daheim liegen. Sobald Schusswaffen bereitliegen, sinkt auch die Hemmschwelle, sie zu benutzen. Oder gabs mal einen Amoklauf mit dem Küchenmesser??? Antworten
Alle Jugendlichen die in den letzten Jahren in Amerika Amok gelaufen sind, ebenso dieser Tim, wurden mit Psychopharmaka behandelt. Allen Schützen sind drei Sachen gemeinsam: 1. junge Burschen, 2. gefühllose Psyche mit kompletter Trennung zur Wirklichkeit, 3. psychiatrische Medikamente intus. Wer soll mit solchen Artikeln geschützt werden: die Leser vor Amokläufern oder die Pharma und deren Gewinn? Antworten
Zu meiner Zeit (Jahrgang 1977) gab es in unserem Kulturraum keine Amokläufe, es hat sich ab und zu mal ein Schüler umgebracht. Ich bin überzeugt davon, dass viele Probleme mit der jetzigen Teenager-Generation darin bestehen, dass diese in ihrer Erziehung kaum Grenzen gesetzt wurden. Dazu die vielen Einzelkinder, die nie teilen lernen mussten. Das Wort "Nein" hat für sie die Bedeutung "eher nicht". Antworten
Trauer um die Opfer. Beileid für die Angehörigen und v.a. die "Augenzeugen". Unvorstellbar sowas mit anzusehen. Und dann kommen die Verbotsforderungen der Politik. Beschämend. Klar, mit Verbotsforderungen kann man seine Medienpräsenz fördern. Alberne Polemik! Kümmert euch um das soziale Gefüge der Gesellschaft! Geiz ist geil&Egoismus werden immer mehr gefördert. Folgen:soziale ausgrenzung mancher. Antworten
Unsere Hilflosigkeit zeigt sich darin, dass wir uns blindwütig mit den Tätern befassen, Erklärungen suchen, wo es keine gibt, Motive, Gründe, die es uns leichter machen, den Schrecken zu bewältigen. Zurück bleiben die Toten, namenlos, vergessen, vergraben, lediglich eine Zahl bleibt übrig. 15 Tote. 15 nicht mehr gelebte Leben. Getötet von einem hirnlosen Psychopath. Antworten
Jetzt geht die Hexenjagd nach "Killerspiele(r)n" wieder los. Traurige Schnellschüsse profilierungssüchtiger Politiker. Bei Ihnen ist es die gleiche unverhältnismässige Wut auf gewisse Dinge (in diesem Fall die Spiele) die sie nicht kennen. Die gleiche Machtlosigkeit wie bei den sozial verarmten Menschen, bei denen das Pulverfass leider irgendwann hoch geht. Antworten
«Die Tatmotive sind meist von bestürzender Banalität» - für Aussenstehende mögen es Banalitäten sein. Wir haben ein enormes gesellschaftliches Problem. Mobbing ist an der Tagesordnung bei bekanntesten Unternehmen. 50% der Kinder erleben Scheidungen. Behörden sind überlastet und reagieren zu spät. Selbst die Justiz billigt, dass Kids in drogen- und gewaltbelasteten Umfeld leben müssen. Antworten
Ja man könnte diesen Trend verhindern, wenn die Medien einfach gar nichts schreiben würden. Die Täter werden berühmt, das wollen sie. Das ergibt Nachahmer. Mit dem Terror ist es ähnlich! Ohne Medien welche den Terror verkünden wäre es kein Terror. Was man nicht weiss macht niemandem Angst. Die Medien sind direkte Helfer der Terroristen!!! Antworten
Was die Presse vor allem vermittelt ist: "Hast du noch nicht erreicht im Leben? Wir können helfen. Massakriere, und du bist tagelang auf den Titelseiten, im Web an erster Stelle, im Fernsehen und Radio. Psychologen, Soziologen, Reporter, sie alle werden sich brennend für dich interessieren. Du wirst DAS Gesprächstghema sein." Banal? Vielleicht wäre etwas mehr Zurückhaltung angebracht? Antworten
Hochachtung vor diesem tollen Beitrag! Aber er widerspricht mit vielem, was ich hier lesen musste. So zum Beispiel meinte ein Artikel zu behaupten, es gäbe halbwegs klare "Symptome", an denen man künftige Amoktäter frühzeitig erkennen können. Und ein anderer Experte meinte, ein Amok sei eben gerade ein "erweiterter Selbstmord". Was ist jetzt nun richtig? Antworten
Ich bin gespannt wie lange es dauert bis die Linke und die Gutmenschen nach einer weiteren Verschärfung des Waffengesetzes rufen (Frau Galladé hat ja die Stunde der Gunst sofort nach dem Amoklauf genutzt) - helfen wird es nichts, man kann aber vielleicht ein paar (geblendete) Wähler dazu gewinnen. Und es wird wohl nicht die letzte solche Tat sein - mit oder ohne Verschärfung des Waffengesetzes. Antworten






Leopold Trüschi
@ Martin Schmid Bitte nicht so naiv. Wir konsumieren die Medien! Sie können nicht den Medien die Schuld geben, weil es die Medien nur gibt, weil wir sie konsumieren. Antworten