Anwältin der Tiere

Grundrechte für Affen sind übertrieben? Meret Schneider denkt bereits an Muscheln.

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Warum «Orang-Utan» auf Indonesisch «Waldmensch» heisst, ist sofort klar. Der alte, träge Patriarch in seinem Zottelfell sieht aus wie ein überwucherter Hippie, es umgibt ihn eine Aura dumpfer Weisheit. Dass er nicht sprechen kann, wirkt seltsam, fast wie ein unglückliches Handicap. «Natürlich kann er sprechen», sagt Meret Schneider etwas ärgerlich. Es liege an uns, seine Sprache zu lernen, wenn wir ihn verstehen wollen.

Schneider steht im Affenhaus des Zoos Zürich und blickt durch die Scheibe auf die Primaten. Die Aktivistin ist mit 14 Jahren den Grünen beigetreten und hält Zoos für überflüssig, auch den in Zürich. Als kleines Kind ist die Tochter eines Lehrerpaares zuletzt hier gewesen. Sie habe die Zeit vor dem Teich mit dem regungslosen Krokodil abgewartet, sagt sie. Als Politikerin sorgt die 24-Jährige nun für Aufruhr unter den Zoofreunden: Anfang Jahr stimmen die Stadtbasler über die Initiative «Grundrechte für Primaten» ab, die Schneider lanciert hat. Sie würde Affen rechtlich an Kleinkinder und Behinderte angleichen, als unmündige, schutzbedürftige Wesen.

Nie war das Sammeln leichter

Meret Schneider ist Gemeinderätin in Uster, Linguistin, Umweltwissenschaftlerin – und Projektleiterin von Sentience Politics, einer umtriebigen Gruppe radikaler Juristinnen, Soziologinnen und Philosophen. Dass die Stadt Zürich bald über veganes Kantinenessen befindet, geht ebenfalls auf die Organisation zurück. Schneider sammelt seit einigen Jahren noch essbare Nahrungsmittel, die von Detailhändlern weggeworfen wurden, und ernährt sich ansonsten vegan. Das grosse Ziel von Sentience Politics ist es, die Privilegierung des Menschen gegenüber anderen Lebewesen, die ebenfalls Leid empfinden können, abzuschaffen.

Basel soll als erste Stadt über Grundrechte für Primaten abstimmen, weil hier mehrere Hundert Affen gehalten werden – nicht zuletzt von der Pharma-Industrie zu Forschungszwecken – und weil Schneider auf die linke Bevölkerung hofft. 3000 Unterschriften sind zusammengekommen. Nie sei das Sammeln leichter gewesen, sagt Schneider. «Auf der Strasse wurde rasch klar, dass viele Menschen es eigentlich für selbstverständlich halten, dass auch Affen ein Recht auf physische und psychische Unversehrtheit haben sollen. Nicht wenige waren schockiert über unseren heutigen Umgang mit den Tieren.»

Der Fall Harambe

Während die Linke den Sozialstaat mehr schlecht als recht verteidigt und den Flüchtlingsdebatten ratlos gegenübersteht, hat sie in den letzten Jahren international erstaunliche Erfolge bei der juristischen Besserstellung von Randgruppen erzielt – warum nicht auch zugunsten der Primaten? «In dieser Frage ist der Zeitgeist mit uns», sagt Schneider. Wie gross die Sensibilität mittlerweile ist, zeigte diesen Frühling die Reaktion auf den Fall Harambe: Der Gorilla Harambe war im Zoo von Cincinnati von einem Wärter erschossen worden, nachdem ein Dreijähriger in sein Gehege gestürzt war. Der Affe hatte das Kind nicht direkt attackiert, aber heftig herumgeschubst. Es begann eine Diskussion darüber, ob die Erschiessung wirklich notwendig gewesen war; die Empörung auf Facebook war gross, auch die berühmte Affenforscherin Jane Goodall schaltete sich ein.

Auf den Fall angesprochen, weicht Schneider erst aus. Man hätte den Gorilla betäuben müssen, sagt sie. Doch der Fall Harambe ging viral, weil er der perfekte Lackmustest in Tierethik ist – die Betäubung hätte erst Minuten später gewirkt und fällt deshalb als leichte Lösung weg. Schliesslich sagt Schneider doch: «Man hätte die Situation einfach so beurteilen müssen, als sei ein Mensch zu einem anderen Menschen heruntergefallen.» Es ist die einzig mögliche Antwort, wenn man die Leben von Mensch und Tier tatsächlich als gleich wertvoll betrachtet.

Die Utilitaristin

Schneider spricht fokussiert, Argumente und Gegenargumente sind genau abgezirkelt. Was ist mit der Wirtschaft? «Die Warnung, die Wirtschaft könnte nun abwandern, hören wir doch bei jeder gesellschaftlichen Neuerung.» Sind Grundrechte für Affen nicht etwas übertrieben? «Hiess es denn nicht bereits beim Frauenstimmrecht, es sei unnötig, neue Rechte zu vergeben?» Gibt es nicht genug leidende Menschen, denen man helfen könnte? «Wir sollten das eine tun und das andere nicht lassen.»

Im Affengehege rennt ein junger Gorilla einen schräg gestellten Baumstamm hoch. Seinen Wanst schiebt er nach vorne, in der Hand hält er triumphierend einen Maiskolben. Schneider blendet das drollige Treiben um sich herum aus; zuweilen starrt sie ins Leere, um sich zu konzentrieren. Sie gehört zu jener jungen Linken, die zielstrebig vorgeht wie ein Autohändler beim Verkauf; nur die Resultate zählen. Blöde Zeitverschwendung wäre es, würde man wie die Alten nächtelang über Fussnoten bei Marcuse schwadronieren. Theorie wird akzeptiert, solange sie nützt. Sentience Politics ist ein Ableger der globalen Bewegung des Effektiven Altruismus, der die Entwicklungshilfe auf maximale Wirksamkeit trimmen möchte. Auch Meret Schneider ist Utilitaristin und beeinflusst von Peter Singers kalkulierender Rationalität. Das Hauptwerk des australischen Tierethikers, «Animal Liberation», sei im Gymnasium eine wichtige Lektüre gewesen; seither komme sie immer wieder auf das Buch zurück. Singers radikalste Gedanken – etwa der Vorschlag, medizinische Experimente nicht an gesunden Affen, sondern an behinderten Menschen durchzuführen – gehen der jungen Frau zu weit. Das Effektivitätsethos hat Schneider aber verinnerlicht: «Die Tierrechte werden politisch kaum beachtet. Dabei kann man hier mit wenig Aufwand sehr viele Schmerzen verhindern.»

Einen Fuss in die Tür bekommen

Primaten eigneten sich wegen ihrer nahen Verwandtschaft zum Menschen besonders gut, um die Debatte zu starten: Sie seien sozial, hätten ihre eigene Sprache, seien nach der Geburt menschlichen Babys kognitiv sogar überlegen, erklärt Schneider. Ein weiterer Vorteil der Initiative ist es, dass eine rechtliche Aufwertung der Basler Affen sofort umzusetzen wäre. Bei Nutztieren wie Schweinen dagegen käme es zum Chaos – was nichts daran ändert, dass für Schneider auch die Schweine hierzulande unfair behandelt werden. Ihr Einsatz für die Rechte der Primaten sei letztlich Taktik, gibt sie im Verlauf des Gesprächs zu. Wohl hat Schneider Goodall gelesen, sie hegt aber deswegen keine besondere Sympathie für Menschenaffen. «Natürlich geht es uns um mehr. Wir wollen einen Fuss in die Tür bekommen und erstmals die Grundrechte auf Tiere ausweiten.» In der Forschung werde derzeit die Frage diskutiert, ob nicht auch Muscheln empfindungsfähig seien. Schneider steht vor dem Gehege der Gibbons, eines der Äffchen hält sich mit Händen und Füssen an einem Ast, kippt den Kopf nach hinten und schaut Schneider mit grossen Augen an. «Also, ich finde die schon auch herzig», sagt Schneider, fast entschuldigend.

Nachdem Schneider das Affenhaus verlassen hat, tritt eine dünne, grauhaarige Frau ans Orang-Utan-Gehege. Sie spreizt die Finger auf dem schalldichten Schutzglas, flüstert einem Orang-Utan zu: «Lea, komm, Lea.» Zwei kleine Kinder stehen stumm daneben, beobachten die Szene irritiert. Und im Raum schwebt wieder die Frage: Wie nah sollen sie uns sein, die anderen Affen? (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.12.2016, 23:51 Uhr

Grundrechte für Affen sieht sie nur als Etappe: Aktivistin Schneider. (Bild: Sabina Bobst)

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