«Auch ich rege mich über die jüdischen Moralkeulen auf»

Yves Kugelmann, Chefredaktor der jüdischen Zeitschrift «Tachles», hat die UBS-Kampagne mit dem mutmasslichen Antisemiten Le Corbusier kritisiert. Die Diskussion verläuft für ihn nun in die völlig falsche Richtung.

Wollte eine Debatte über die UBS und nicht über Le Corbusier entfachen: Der Publizist Yves Kugelmann.

Archivbild TA

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Die UBS zieht ihre Le-Corbusier-Inserate zurück, Zürich überdenkt noch mal, ob ein Platz nach dem Architekten benannt wird. Sind Sie zufrieden mit der Entwicklung der Diskussion?
Die Debatte ist absurd und läuft in eine falsche Richtung. Alle reden über Le Corbusier, anstatt über die UBS und das historische Bewusstsein. Die erste Stellungnahme der UBS war wieder einmal symptomatisch: Es wurde erst auf öffentlichen Druck anstatt durch Erkenntnis reagiert. Ich wäre aber auf jeden Fall dagegen, wenn man einen Corbusier-Platz verhindern oder die Banknoten mit seinem Abbild zurückziehen würde. Bei der UBS ist der Sachverhalt anders: Die Bank benutzte Le Corbusier in einer Kampagne, in der es um die Aufarbeitung der Vergangenheit geht. Das ist aus meiner Sicht ein Fehlgriff. Ob jedoch Le Corbusier ein Antisemit war oder nicht ist eine absurde Diskussion.

Es ist nicht relevant, ob er ein Antisemit war?
Für mich steht dies nicht im Vordergrund. Wenn ein Historiker das Thema seriös aufarbeitet, dann werde ich das mit Interesse lesen. Entscheidend ist, ob Corbusier eine Affinität zu einem totalitären Regime hatte oder nicht.

Das gilt als unbestritten.
Ich bin Journalist und kein Historiker. Aus meiner Sicht ist er in diesem Punkt kritisierbar, die Belege dafür sind gegeben. Die UBS hat dies zum Thema gemacht mit der Wahl der Person und dem Konnex zur Vergangenheit.

Ihr Einwand gegen die UBS-Kampagne kam nicht überall gut an. Viele Leute ärgern sich über jüdische Moralkeulen.
Ich mich auch. Der moralische Ansatz ist bei all diesen Diskussionen völlig verfehlt. Das ist auch eine typische Schweizer Diskussion, nicht nur in Bezug auf jüdische Themen. Beim Fall Corbusier/UBS geht es um Logik. Meine Kritik ist nicht moralisch. Wenn die UBS ihre Vergangenheit aufarbeiten möchte, dann ist Le Corbusier die falsche Person dafür. Wer das anders sieht, soll Argumente anstatt Ärger ins Feld führen. Denn der Ärger vor allem in den Leserkommentaren zielt ja darauf ab, dass Kritik von jüdischer Seite kommt. Leider wird nicht abstrahiert und das entlarvt den vermeintlichen Ärger über die Sache oftmals.

Was ist typisch schweizerisch an dieser Diskussion?
In Frankreich oder England ginge es nicht um Moral, sondern um Integrität. Dort wird jeweils die Frage gestellt: Wer war damals für die Demokratie, für Freiheit, wer für den totalitären Staat und wer gegen die Nazis? Die moralische Diskussion auch von vielen jüdischen Organisationen ist diesbezüglich völlig verfehlt. Es geht nicht um Juden, sondern um Grundwerte. Doch anstatt dessen werden oft die Absender im Sinne einer pauschalen Stigmatisierung ins Feld geführt: Der Absender wird zum Thema anstatt das Argument. Insofern fehlt in der deutschen Schweiz oft ein historisches, nationales Bewusstsein, der Bezug zu Kontexten oder die unwidersprüchliche aufgeklärte Haltung. Da darf etwa die geschlechtliche, konfessionelle oder kulturelle Identität von Bürgern einfach keine Rolle spielen.

Wie verläuft denn eine solche Diskussion in Frankreich oder England?
Nehmen wir als Beispiel Jean-Paul Sartre. Er hatte sich nicht deutlich vom Kommunismus abgewendet, obwohl er von Arbeitslagern und Gräueltaten wusste. Schon ab den 1940er-Jahren war dies Hintergrund für die heftigen Dispute zwischen Camus und Sartre. Diese Diskussion hält in Frankreich bis heute an und ist wesentlich für das Selbstverständnis der Franzosen und ihren Umgang mit den prägenden Figuren. Das sind keine Heiligen. Mit ihnen und ihrem Werk setzt man sich auseinander. Dabei geht steht aber nicht die Moral im Zentrum, sondern der Widerspruch, wie man sich gleichzeitig für die Freiheit aussprechen und Sympathien für ein totalitäres und grausames kommunistisches Regime hegen kann. Camus war gegen Totalitarismus, Sartre nur gegen rechten Totalitarismus.

Ein altes Dilemma: Darf man einen herausragenden Künstler oder Wissenschaftler verehren, auch wenn er verabscheuenswerte politische Ansichten vertrat?
Ich verehre mitunter Roman Polanskis Filme und finde die Vergewaltigung des 13-jährigen Mädchens verwerflich. Richard Wagners Musik mag ich nicht, was aber nichts mit seinem Antisemitismus zu tun hat. Wie schon gesagt, man soll Corbusier auf den Banknoten belassen, man kann auch einen Platz nach ihm benennen. Wenn Corbusier nun keinen Platz erhält, dann letztlich wegen der UBS. In einer demokratischen, rechtsstaatlichen Gesellschaft soll und muss diese Debatte geführt werden. Die Grenze, eine umstrittene Person mit Verachtung zu strafen, sollte man nach meiner Ansicht sehr weit ziehen.

Wo denn?
Schwierig dies allgemein zu sagen: Bei Corbusier war die Politik nicht zentral, er war kein Goebbels, er war wohl Opportunist. Er war ein Jahrhundertarchitekt, ein grosser Künstler, wahrscheinlich auch ein grosser Denker, da muss man Leben und Werk bis zu einem gewissen Grad trennen können.

Da können wir froh sein, dass Hitler als Künstler ein Antitalent war...
Der Gedanke ist interessant. Allerdings ist es auch kein Zufall, dass Hitler ein schlechter Künstler bzw. aus meiner Sicht kein Künstler war.

Zürich lehnte einst die wertvolle Kunstsammlung Flick wegen einer zweifelhaften Vergangenheit des Sammlers ab, bei der Sammlung Bührle gibt es ähnliche Diskussionen. Wie soll man damit umgehen?
Wenn eine solche Sammlung aufgrund einer rein moralischen Argumentation abgelehnt wird, so ist dies scheinheilig. Es ist aber wichtig, dass in einer offenen Gesellschaft über die Herkunft einer Sammlung diskutiert wird, allerdings nicht erst, wenn es darum geht, ob man sie annehmen soll oder nicht. Sonst ist man in einer Situation wie bei Dürrenmatts «Besuch der alten Dame», wo jeder scheinheilig mitredet, wenn es konkret ums Geld geht. Wenn ein solches Geschenk in ihren historischen Kontext eingebettet, spricht nichts gegen eine Annahme. Denn die Künstler in der Sammlung müssen nicht für die Vergehen der Sammler bestraft werden – und übrigens auch nicht die Öffentlichkeit. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 30.09.2010, 14:38 Uhr

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