Auf Sex warten, weil es Gott gefällt

In den USA gibt es eine eigentliche Keuschheits-Bewegung. Auch hierzulande verzichten junge Menschen vor der Ehe auf Sex. Eine Zürcherin erzählt, warum sie enthaltsam lebte.

Purity-Ball: Szene aus dem Dokumentarfilm «Virgin Tales», in der junge Mädchen ab vier Jahren geloben, keusch in die Ehe zu gehen. Foto: PD

Purity-Ball: Szene aus dem Dokumentarfilm «Virgin Tales», in der junge Mädchen ab vier Jahren geloben, keusch in die Ehe zu gehen. Foto: PD

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie trägt Jeans, Turnschuhe und Lippenstift und unterscheidet sich damit äusserlich nicht von anderen jungen Frauen. Ausser, dass sie auffallend hübsch ist, mit ihren kornblumenblauen Augen und den ebenmässigen Gesichtszügen. Und dann ist da noch die Tatsache, dass sie bis zu ihrer Hochzeit vor drei Jahren enthaltsam lebte. Esther G.* (28) ist Mitglied einer Zürcher Pfingstmission, wo sie ihren Mann kennen lernte, der ebenfalls auf vorehelichen Sex verzichtete. Das Protokoll einer Entscheidung, die in den USA bereits als Trend bezeichnet wird:

«Ich verliebte mich in Daniel, als ich 16 war und er 19, und ich hätte ihn schon damals geheiratet. Aber es war mir natürlich klar, dass das viel zu früh war. Alle in der Jugendgruppe bekamen mit, wie wir füreinander empfanden, und wir wussten es auch, aber wir waren eben noch so jung. In unseren Kreisen wird empfohlen, sich nicht zu früh zu binden. Weil wir glauben, dass man eine Beziehung nur dann eingehen soll, wenn man ernsthaft prüfen will, ob das Gegenüber der Partner beziehungsweise die Partnerin fürs Leben sein könnte.

Wie sollte ich aber mit noch nicht einmal 20 wissen können, ob Daniel der Richtige ist? Das beschäftigte mich sehr, weil ich schrecklich verliebt war. Wir sahen uns zwar in der Jugendgruppe und verbrachten Ferienlager zusammen, aber es verwirrte mich bloss, und so ging ich immer wieder auf Distanz. Das ging drei Jahre lang so, bis ich mit 19 eine schwere Krise hatte, weil Daniel den Kontakt abbrach, da er das ständige Hin und Her nicht mehr ertrug. Also musste ich herausfinden, ob Daniel wirklich der Mann fürs Leben ist. Ich vertraute darauf, dass Gott mir den Weg weisen würde, weil er weiss, was gut für uns ist. Wenn Daniel der Richtige wäre, würde Gott uns zusammenführen.

Zwiegespräche mit Gott

Mit 22 merkte ich, dass er mir nicht aus dem Kopf ging. Wir sahen uns sporadisch in der Kirche, gingen uns aber eher aus dem Weg. Nach Zwiegesprächen mit Gott erkannte ich, dass ich meine Chance packen musste. Und tat etwas, das eher unüblich ist: Ich ergriff als Frau die Initiative. Ich schrieb Daniel ein Mail und bat ihn um ein Treffen. Anfangs war er sehr reserviert, aber bald war wieder diese Vertrautheit da. Wir trafen uns in der Folge häufiger, meist mit anderen zusammen, und redeten unglaublich viel. Weil wir herausfinden wollten, ob das wirklich passt.

Ab wann ist man bei euch zusammen? Nach dem ersten Kuss? Dem ersten Sex? Wenn ihr einander in der Öffentlichkeit als Freund und Freundin bezeichnet? Bei uns dann, wenn man beschliesst, gemeinsam ernsthaft herauszufinden, ob das Gegenüber der oder die Richtige ist. Und das geht nur über intensive Gespräche. Ich wundere mich, wie wenig andere Paare miteinander über ihre Zukunftspläne sprechen. Eine Freundin von mir hat sich soeben getrennt; sie war acht Jahre lang mit einem Mann zusammen und brachte jetzt die Kinderfrage aufs Tapet, worauf er ihr erklärte, er wolle keine Kinder. Sie war am Boden zerstört, und sie haben sich getrennt. Das tat mir unendlich leid für sie, sie ist 33, wünscht sich eine Familie – und muss jetzt wieder von vorne anfangen. Gleichzeitig ist es mir ein Rätsel, wie man acht Jahre lang eine solch entscheidende Frage ignorieren kann.

Diese Herangehensweise an eine Beziehung mag kopflastig und unromantisch erscheinen. Aber sie schützt ein Stück weit vor solch bösen Überraschungen. Wir haben alles besprochen, nicht nur die Kinderfrage, sondern auch, wo wir wohnen möchten – Daniel wollte aufs Land, ich nicht, also einigten wir uns auf eine Vorortsgemeinde.

Mit der Enthaltsamkeit verhält es sich ähnlich. Sie ist ein Schutz für Körper und Seele. Man gibt mit der Sexualität so viel von sich preis, dass es wehtut, wenn man sie an jemanden verschwendet, mit dem man keine Zukunft hat. Deshalb glaube ich daran, dass Sex nur im geschützten Rahmen der Ehe stattfinden soll. Es gäbe überhaupt viele Probleme weniger, wenn enthaltsamer gelebt würde: Aids, unerwünschte Schwangerschaften, Geschlechtskrankheiten.

Wir trafen natürlich Vorkehrungen, damit wir nicht in Versuchung gerieten. Es gibt dazu Anleitungen und Lehren der Kirche. Man muss, vereinfacht gesagt, die Risiken minimieren. Man übernachtet nicht beieinander. Und wenn man in die Ferien fährt, dann nur in einer Gruppe, wo sich dann im Hotel Frauen mit Frauen ein Zimmer teilen und Männer mit Männern. Es war manchmal schon schwer. Zum Beispiel am Sonntagabend, wenn wir das Wochenende nicht in kuschlig-wohliger Atmosphäre ausklingen lassen konnten, weil er aufbrechen musste.

Eine Art Dornröschenschlaf

Was genau Enthaltsamkeit bedeutet, definiert jedes Paar für sich. Wir küssten uns nur. Für meinen Mann war es vermutlich schwieriger; er hatte im Unterschied zu mir auch schon Freundinnen gehabt, aber mit keiner geschlafen. Ich vertraute ihm, weil er sehr solide ist. Und da ich ja nicht wusste, was mir fehlte, vermisste ich das Körperliche nicht, ich befand mich in einer Art Dornröschenschlaf. Zudem machte ich es freiwillig, weil ich Gott gefallen wollte. In der Bibel steht, dass es unmoralisch ist, ausserhalb der Ehe mit jemandem zu schlafen. Gott verurteilt das als Sünde, und weil er mich erlöst hat, halte ich mich daran. Wobei wichtig ist, dass das für beide Geschlechter gilt und nicht nur für die Frauen.

Dennoch sind wir pragmatisch, man sagt bei uns: Teilt die Zeit gut ein. Wenn man weiss, dass man heiraten möchte, muss man nicht noch unnötig Zeit verstreichen lassen. Bei uns dauerte es bis zur Hochzeit zweieinhalb Jahre – zweieinhalb Jahre ohne Sex sind machbar.

Ich hatte wegen des Wartens keine Angst vor dem ersten Mal. Und ich konnte es geniessen, weil da eine absolute Vertrautheit herrschte, weil ich meinen Mann kannte und liebte. Der Mensch besteht aus Körper, Geist und Seele. Geist und Seele meines Mannes gefielen mir sehr, also ging ich davon aus, dass mir sein Körper genauso gefallen würde.

Der Glaube im Hintergrund

Mit dieser Purity-Bewegung in den USA kann ich nicht viel anfangen, weil sie aus der Enthaltsamkeit einen Zirkus macht – so, wie es das Magazin ‹Bravo› mit seinem Tamtam um das erste Mal tut, bloss umgekehrt. Der Glaube gerät dabei in den Hintergrund.

Im Rückblick muss ich sagen, dass ich wirklich sehr konsequent war. Meine Schwester ist zwei Jahre jünger und möchte mit dem Sex ebenfalls warten, bis sie verheiratet ist. Wenn sie mich manchmal um Rat fragt, denke ich an mein Gefühlsdurcheinander von damals zurück – und mache ihr Mut.»


* Name geändert

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 22.04.2012, 11:55 Uhr)

Stichworte

Artikel zum Thema

«Die Kirchensteuer ist eine Zwangsabgabe»

Die Kirchensteuer für Unternehmen ist eine heilige Kuh. Aber was, wenn ein Firmenbesitzer jüdisch ist oder gar nicht an Gott glaubt? Mehr...

Ein Gott der Gottlosen

Der Jesus der Evangelien war anstössiger, als Kirche und Dogma es wollen: Zu diesem Schluss kommt der Theologe Hans Küng. Mehr...

«Sie verstehen absolut nicht, was sie tun»

Andrew Feinstein durchleuchtete zehn Jahre lang die Machenschaften des «zweitältesten Gewerbes» der Welt. Sein Fazit: Waffenhändler glauben, dass ihr Geschäft dem Wohle der Menschheit dient. Mehr...

«Virgin Tales», Trailer

Zelebrierte Jungfräulichkeit

Der Film zum Thema

Für den Film «Virgin Tales», der heute in Nyon am Festival Visions du Réel erstmals gezeigt wird, begleitete die Filmemacherin Mirjam von Arx zwei Jahre lang die Familie Wilson aus Colorado. Vater Randy Wilson ist Begründer der «Purity Balls», an denen Mädchen ab vier Jahren um ein Kreuz tanzen und geloben, keusch in die Ehe zu gehen. Die Wilsons gehören den evangelikalen Christen an, die in den USA bereits 20 Prozent der Bevölkerung ausmachen und mit ihrem ultrakonservativen Gedankengut auf dem Vormarsch sind.
Der Film beginnt damit, dass die Wilson-Kinder in einer Reihe vor ihrem Vater knien, um von ihm gesegnet zu werden, womit der Geist, der in dieser Familie herrscht, perfekt illustriert wird. Der Vater ist das Oberhaupt, die Töchter absolvieren keine Ausbildung, weil sie Hausfrau und Mutter werden wollen, und sie beten, möglichst bald einen Mann zu finden, der so untadelig ist wie ihr Vater.

Mirjam von Arx führt die Wilsons nicht vor, sondern porträtiert sie unvoreingenommen und respektvoll-zurückhaltend – wenngleich das Phänomen Enthaltsamkeit angesichts seiner zentralen Rolle im Film etwas genauer hätte beleuchtet werden dürfen. (bwe)

Virgin Tales, von Mirjam von Arx, 87 Minuten,
im Kino ab 7. Juni.

Promotion

Kostenlose Ebooks

Laden Sie in unserem Weiterbildungs-Channel kostenlos Ebooks herunter.

Die Welt in Bildern

Rekognoszieren für das Dakar Rallye 2015: Renndirektor Etienne Lavigne erkundet den Salar de Uyuni in Bolivien, den grössten Salzsee der Welt. Er liegt an der an der 9000 Kilometer langen Strecke von Argentinien über Bolivien nach Chile (18. September 2014).
(Bild: Franck Fife) Mehr...