Kultur

«Bereits 1875 glaubte man, Schweizerdeutsch stürbe aus»

Interview: Rico Bandle. Aktualisiert am 23.03.2010 234 Kommentare

Ist Schweizerdeutsch gefährdet? Wie wichtig ist die Mundart für die Identität des Landes? Der Sprachwissenschafter und Dialekt-Experte Iwar Werlen zu den Eigenheiten unserer Sprache.

Wie identitätsstiftend ist der Dialekt tatsächlich?
Sehr. Schon im 16. Jahrhundert kann man feststellen, dass die Schweizer Mundart als Abgrenzungsmerkmal gegenüber Deutschland aufgefasst wurde. Worin sich die Schweiz von anderen deutschsprachigen Gebieten unterschied: Alle Bürger sprachen dieselbe Sprache, also Dialekt.

In Deutschland gibt und gab es doch auch viele Dialekte.
Ja. Aber schon im 18. oder 19. Jahrhundert waren dort die Dialekte Kennzeichen der dörflichen Unterschicht: die Sprache der Bauern, der Arbeiter, des Pöbels. Das galt für die Schweiz nicht. Auch die Gebildeten redeten Schweizerdeutsch. Es gab aber Ausnahmen: Die Berner Patrizier sprachen zum Beispiel Französisch, in Zürich sprachen um 1900 herum gebildete Bürger in den Familien Hochdeutsch. Doch die Vorstellung, dass alle (Deutsch-)Schweizer vor dem Gesetz gleich sind und die gleiche Sprache sprechen, war identitätsstiftend.

Weshalb konnte sich Schweizerdeutsch nicht zu einer eigenen Schriftsprache entwickeln, wie das Flämische?
Das Flämische oder Holländische hatte sich schon im 16. Jahrhundert als Schriftsprache etabliert. Hochdeutsch gab es damals noch nicht, sondern verschiedene Versionen des Deutschen, heute nennt man das «Frühneuhochdeutsch». Was wir heute als Schriftsprache verstehen, entstand erst richtig Ende 17., Anfang 18. Jahrhundert. Zur gesprochenen Sprache wurde dies erst im 19. Jahrhundert. Auch in der Schweiz gab es Bemühungen zur Vereinheitlichung, im 16. Jahrhundert redete man von einer «Schweizer Lantsprach». Die Zwingli-Bibel war in anderem Deutsch geschrieben als die Luthers. Es kam aber nie dazu, dass man ernsthaft forderte, wir brauchten jetzt eine eigene geschriebene Sprache (mit Ausnahme von Emil Baers «Alemannisch» in den späten 1930er-Jahren).

Heute spricht man von einer Mundartwelle. Wo hat die ihren Ursprung?
Das Schweizerdeutsche Wörterbuch wurde um 1875 mit dem Argument gegründet, die Dialekte gingen bald verloren wie in Deutschland. Man müsse sie jetzt noch sammeln. Das hat sich als falsch erwiesen. Gerade als Abgrenzung zu den Grossmachtansprüchen Deutschlands, als Teil der geistigen Landesverteidigung, erlebte das Schweizerdeutsche einen Boom. Die Medien erfasste die Mundartwelle in den späten 1960er-Jahren, also noch vor dem Aufkommen der Lokalradios. Damals begann sich das Radio umzudefinieren und verstand sich nicht mehr nur als Sprachrohr der offiziellen Politik.

Dient die Pflege der Mundart in den Medien dem Erhalt des Schweizerdeutschen?
Wenn sie die Mundart tatsächlich pflegen würden, wäre das schon so. Aber sie pflegen sie nicht, sie gebrauchen sie nur.

Das heisst, es wird zu schludrig gesprochen?
Als Sprachwissenschafter sage ich: Es gibt weder gute noch schlechte Sprache. Eine Sprachpflege würde aber bedeuten, dass man besonders achtgibt, wie man spricht. Das wird nicht gemacht. Medien erweitern andererseits den Dialekt für immer neue Anwendungsgebiete und übersetzen zum Beispiel hochdeutsche Fachwörter ins Schweizerdeutsche.

Oft wird beklagt, die Dialektvielfalt ginge verloren, werde von einem «Einheitsschweizerdeutsch» verdrängt. Sind die Medien dafür mitverantwortlich?
Sie sind ein Faktor unter vielen. Aber sie haben dazu beigetragen, dass die lokalen Dialekte stärker zum Ausdruck kommen. Noch in den 60er-Jahren hörte man am Radio ausschliesslich Bern-, Basel- und Zürichdeutsch, je nach Standort des Studios. Plötzlich hörte man auch unbekanntere Dialekte wie Walliser- oder Appenzellerdeutsch, die zuvor nur kleinräumig bekannt waren.

Aber wie ist das nun genau mit dem Verschwinden der Dialekte?
Vor allem regional spezifische Ausdrücke verschwinden, zum Beispiel «Anke» und «Hamme» für Butter und Schinken. Im Bereich des Wortschatzes verändert sich sehr viel. Hingegen konnte nachgewiesen werden, dass die lokalen lautlichen Unterscheidungen sehr gut erhalten bleiben. Die Daten des schweizerdeutschen Sprachatlasses, die den Stand Anfang des letzten Jahrhunderts dokumentieren, sind heute in diesem Bereich noch weitgehend gültig.

Um nochmals zur Schweizerdeutschdebatte beim Radio zu kommen: Was soll ein nationaler Sender Ihrer Meinung nach höher gewichten, den Gebrauch des Dialekts oder die Verständlichkeit für andere Sprachregionen?
Eine Aufgabe der SRG idée suisse ist die nationale Verständigung. Von dem her sollte Hochdeutsch gesprochen werden, wo dies für die Erfüllung dieses Auftrags sinnvoll ist. Andererseits handelt es sich auch um sprachregionale Sender, die den Bedürfnissen der entsprechenden Region nachkommen müssen. Die SRG-Sender sind also gut beraten, eine reflektierte Sprachwahl durchzuführen, je nach Aufgabe, die der Sender oder die Sendung zu erfüllen hat. Wie gut das bisher gemacht wird, möchte ich nicht beurteilen, ich denke aber, ein bisschen mehr Reflexion wäre angebracht. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 23.03.2010, 15:03 Uhr

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234 Kommentare

Thomas Lanz

22.03.2010, 11:22 Uhr
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Konsequent Hochdeutsch ? Boahh, da muss ich ja lachen. Lieber Schweizerdeutsch im Unterricht haben, als so ein komisches Mischmasch von Lehrern zu lernen, die selber mehr Schweizerdeutsch-Hochdeutsch als deutsch-hochdeutsch sprechen.... selbe gilt auch für alle anderen "öffentlichen Kanäle" Antworten


Jochen Baumann

22.03.2010, 11:24 Uhr
Melden

Ja, macht doch einfach alles auf Englisch? Oder wie sonst soll es denn die ganze, kulturelle Vielfalt in der Schweiz verstehen??? Macht euch nicht lächerlich. Wir leben in der Schweiz, also sprechen wir schwyzerdütsch. So was von Ursprungsverleumdung habe ich noch selten erlebt. Antworten




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