«Blick» vs. Erdogan

Der «Blick» kontert Erdogan mit einem türkischen Text. Das ist eine originelle Variante von Boulevard-Journalismus.

Der türkische Präsident Erdogan präsentiert am TV den «Blick»-Artikel.

Der türkische Präsident Erdogan präsentiert am TV den «Blick»-Artikel. Bild: Screenshot: A Haber

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Agitprop an der Dufourstrasse: Anfang Woche richtete der «Blick» einen Aufruf an die 100'000 Türken in der Schweiz. Auf Türkisch und Deutsch war auf der Titelseite der Zeitung ein Appell zu lesen: «Stimmen Sie Nein zum Referendum und damit Nein zu einem autoritären System in der Türkei!»

Die Reaktion kam sofort. Präsident Recep Tayyip Erdogan, der im April das Referendum unbedingt gewinnen will, präsentierte den «Blick»-Artikel im türkischen Fernsehen. Über das Aussenministerium liess er ausrichten, dass der beleidigende Text in der Türkei aufs Schärfste verurteilt werde und eine Wiedergutmachung angebracht sei. Ein türkisches News-Portal machte derweil aus dem Schweizer Kreuz ein Hakenkreuz.

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Video: Tamedia/Reuters

Der Fall erinnert ein wenig an Jan Böhmermann und dessen Schmähgedicht, das die türkische Regierung ebenfalls in Rage gebracht hatte. Böhmermanns Instrument war die Satire gewesen, jene des «Blick» der Journalismus. Der Boulevardjournalismus, um genau zu sein. Was die beiden Interventionen eint, ist die Frage, die sie auslösen: Dürfen die das?

Der Dreck der anderen

Die Meinungen darüber, was guter Boulevardjournalismus ist, gehen auseinander; das hat viel mit seinen Methoden zu tun. Einige Chefredaktoren des Genres finden: Dieser Journalismus kann nur gut sein, also erfolgreich, wenn er schlecht ist, also niederträchtig. Der Leser möchte jedes dreckige Detail der Geri-Müller-Affäre erfahren. Und er will genau wissen, wie der Drittklässler vom Sex-Grüsel (wie solche Männer jeweils genannt werden) zu ihm heim gelockt wurde.

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Doch der Boulevard kann mehr. Die Geburtsstunde der Revolverblätter sagt viel über die enorme Wirkung des Genres aus. 1897 wurde in New York ein Torso aus dem East River geborgen. Zwei Zeitungsherausgeber bearbeiteten den Fall: William Hearst und Joseph Pulitzer. Beide wollten mehr Auflage und überboten sich in fragwürdigen Recherchemethoden. Die Schlacht der beiden Männer um die Aufmerksamkeit ihrer Leser steigerte sich zu einem nicht metaphorischen Krieg: dem spanisch-amerikanischen. Als das Kriegsschiff USS Maine explodierte, verkündete Hearst: «Die Spanier waren es – wir müssen den Krieg erklären». So kam es dann.

Ob Unhold oder Krieg, die Psychologie solcher Kampagnen bleibt dieselbe: Wir, die Rechtschaffenen, treten an gegen sie, die Andersartigen. Der «Blick» etwa setzte während der aufgeheizten Stimmung ums Fussball-Qualifikationsspiel Türkei - Schweiz ganz darauf: «Die Schande von Istanbul». Im Unterschied zu damals operiert der Aufruf an die Türken in der Schweiz mit Argumenten. Da fragt man sich etwas anderes: Ist das überhaupt noch Boulevard?

Für englische Verhältnisse sicher nicht. In Grossbritannien geht es viel brutaler zu als im deutschsprachigen Boulevardjournalismus. Da wird die Lust an den Schwächen anderer zelebriert und dem Hang zur Rache und zur Selbstjustiz gefrönt. Dass der «Blick» seit vielen Jahren auf solche Elemente weitgehend verzichtet, ist nicht selbstverständlich. Der ehemalige Chefredaktor Peter Uebersax, ein Vertreter des englischen Boulevardjournalismus, befand 2007: Es fehle dem «Blick» so ziemlich alles, was eine gut gemachte Boulevardzeitung auszeichne. Die Zeitung müsste dem Geschmack des Massenpublikums entsprechen. Das aber widersprach den Idealen ihres Verlegers.

Das Grauen ist im Netz

Dass die Boulevardpresse an Einfluss verliert, hat einen anderen Grund. Längst haben die sozialen Medien die Aufgabe übernommen, alle moralischen Standards zu unterbieten. Wer Sensationen und Schrecken sucht, wird dort schneller, unzensierter und ausgiebiger bedient als in einer Tageszeitung. Schon deshalb ist die jüngste «Blick»-Aktion eine kluge Weiterentwicklung der klassischen Boulevardstrategie: Man prangert einen Missstand an, aber ohne den Genuss der Niedertracht. Dafür nimmt der «Blick» auf überraschende Weise Partei und rüttelt Leser auf, um die sich sonst wenige kümmern. Ist das Boulevard? Es ist engagierter Journalismus.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 15.03.2017, 17:10 Uhr

«Blick» will sich nicht entschuldigen

Die Schweizer Tageszeitung «Blick» hat nicht vor, auf die Wiedergutmachungsforderung der Türkei zu reagieren und sich wegen ihrem Abstimmungsaufruf zu entschuldigen. Die Zeitung hatte die Türken in der Schweiz dazu aufgerufen, das Verfassungsreferendum des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan abzulehnen.

Für den Chefredaktor der Blick-Gruppe, Christian Dorer, kommt es nicht in Frage, den Forderungen des türkischen Aussenministeriums Folge zu leisten. «Nein, bei uns gilt im Vergleich zur Türkei die Meinungsfreiheit», sagte er dem Westschweizer Radio und Fernsehen RTS am Dienstag.
Bis am Dienstagabend waren beim «Blick» keine Klagen oder Strafanzeigen eingetroffen, wie Dorer auf Anfrage der sda mitteilte. Die Redaktion habe aber tausende Reaktionen erhalten. Die Türken in der Schweiz hätten mehrheitlich positiv reagiert. Über Social-Media seien aber auch sehr viele gehässige Rückmeldungen eingegangen, fast alle auf türkisch und aus der Türkei.
Unerwartet kam für den «Blick», dass Erdogan die «Blick»-Front live am staatlichen Fernsehen zeigte. Er sei erstaunt und sehr zufrieden, dass der Präsident persönlich den «Blick» gelesen habe, sagte Dorer gegenüber RTS. Es sei klar, dass Erdogan die Zeitung nun kritisiere und versuche, sich im eigenen Land als Opfer darzustellen. (SDA)

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