Schweizer Knochen

Das 500-Jahr-Jubiläum der Schlacht von Marignano naht, eine umstrittene konservative Stiftung plant eine grosse Zeremonie. Entspannt bleiben nur die italienischen Anwohner.

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Da ist es also! Da ist das Ossario Santa Maria della Neve, gefunden im Weiler Mezzano bei Melegnano bei Mailand. Es gibt ohne Zweifel besser gelegene Pilgerorte. Motorräder brausen auf der staubigen Landstrasse am Beinhaus vorbei, an der Via Marignano gibt es keine Trottoirs und öffentliche Verkehrsmittel sowieso nicht.

Während Jahrzehnten war das Ossario vernachlässigt und vor zwei Jahren auch noch demoliert worden: Offenbar war es aus Versehen von einem schlenkernden Lastwagen touchiert worden, der verbliebene Vorbau ist deswegen eingestürzt. Jetzt ist das Ossario eingezäunt, fünf Bauarbeiter sind mit Renovationen beschäftigt. Zwei kleine Säulen tragen das restliche Dach und rahmen ein Marienbild sowie zwei Plaketten, die auf Italienisch und Lateinisch dasselbe sagen: «Hier ruhen die Gebeine der Schweizer, die mit grosser Tapferkeit in der Schlacht der Giganten gekämpft haben.»

Das Ossario enthält gesammelte Knochen von Kriegern, die in der Schlacht von Marignano, das heute Melegnano heisst, gefallen sind. Am 13. und 14. September 1515 hatten die Franzosen und Venezianer der Eidgenossenschaft eine vernichtende Niederlage zugefügt. Rund 10 000 Eidgenossen kamen ums Leben.

Broschüre ist bereits gedruckt

Gleich hinter dem Ossario liegt das Ristorante Antico Borgo. Es ist bereits später Nachmittag, die beiden Banker Luigi und Robbie sitzen über dem Secondo Piatto. «Welche Knochen?», fragt Robbie. Nein, von diesem Ossario habe er noch nichts gehört, sagt er. Auch Luigi schüttelt den Kopf. Die «Battaglia dei Giganti» kenne man schon, ja – aber welche Knochen?

«Das Ossario interessiert eigentlich nur die Schweizer», meint Olivia, die Wirtin des Restaurants. Für diese habe sie allerdings seit neustem etwas Spezielles auf Lager, sagt sie und verschwindet in der Küche. Zurück kommt sie mit der Broschüre, die die Fondazione Pro Marignano für das anstehende 500-Jahr-Jubiläum bereits gedruckt hat.

Die Fondazione ist eine konservative Stiftung, die mit beträchtlichem Aufwand an Geld und Zeit das Andenken an die Schlacht bewahren will. Sie finanziert die 150?000 Franken teure Restaurierung des Ossario. «Das Beinhaus ist ein Kleinod der Schweiz», sagt Fulcieri Kistler, der von der Fondazione als Projektleiter für die Jubiläumsfeier eingesetzt worden ist. Pensionär Kistler war früher höchster UBS-Kader im Tessin, CVP-Politiker und Generalstabsoberst. Er und seine sieben Mitarbeiter, von denen er die meisten aus seiner Militärzeit kennt, kümmern sich um die Erneuerung des Ossario, aber auch um die Veranstaltung eines Historikerkongresses und eines Wettschiessens, um die Publikation mehrerer Jubiläumsbücher sowie um die eigentliche Schlachtfeier vor Ort im September 2015.

«Geplant sind Reden und eine Kranzniederlegung», sagt Kistler. «Es soll eine würdige Zeremonie werden.» Über eine halbe Million Franken wird die Federazione für diese Aktivitäten aufbringen, wobei die Stiftung noch auf Beiträge seitens der Kantone hofft. «Vor allem die Deutschschweizer Kantone halten sich bisher leider zurück», sagt Kistler.

Ursprung der Neutralität?

Gegründet wurde die Fondazione anlässlich des 450-Jahr-Jubiläums. Auch 50 Jahre später geht sie von derselben Deutung der Schlacht aus wie damals: «Ex Clade Salus» heisst die Überschrift der Broschüre, «Aus der Niederlage das Heil». So lautet bereits die Inschrift des 1965 von der Federazione gestifteten Denkmals in Zivido, einem Nachbarort von Melegnano. Für die Fondazione ist klar, dass auf dem spätmittelalterlichen Schlachtfeld die Schweizer Neutralität begründet wurde. Bis dahin hatten die Eidgenossen bis nach Norditalien hinein eine aggressive Expansionspolitik betrieben.

Bei Marignano, als die neuartige französische Artillerie die Lanzen schwingenden helvetischen Gewalthaufen zusammenkartätschte, seis zur radikalen Umkehr gekommen. Man habe das (fälschlicherweise) dem Mystiker Niklaus von Flüe zugeschriebene Zitat «Machet den Zuun nicht zu wiit» endlich beherzigt und sich auf seine quasinatürlichen Grenzen zurückgezogen, womit die Erfolgsgeschichte der neutralen Schweiz ihren Anfang genommen habe. Deshalb sei die Schlacht in Ehren zu halten.

Lenz versus Blocher

Prominentester Vertreter dieser Theorie ist SVP-Übervater Christoph Blocher. Bereits 1965 war Blocher als 24-jähriger Student der Fondazione beigetreten und als Sekretär der Stiftung nach Melegnano gepilgert. Ob Blocher nächstes Jahr auf dem Schlachtfeld reden wird, will die Fondazione Anfang 2015 entscheiden. Jedenfalls hat Blocher bereits über sein Hausfernsehen Tele-Blocher verlauten lassen, dass er durchaus Analogien sehe zwischen der Anmassung der Eidgenossen von 1515 und heutigen Bestrebungen, sich der EU anzunähern. Als Reaktion hat der linke Zürcher Verein «Kunst und Politik» vergangene Woche eine Textsammlung gegen die geplanten Feierlichkeiten veröffentlicht, unter anderen unterstützt von den Schriftstellern Guy Krneta, Pedro Lenz und Beat Sterchi.

Konnte die «Ex Clade Salus»-Theorie 1965 noch auf einigen Rückhalt unter Historikern zählen, so ist das heute nicht mehr der Fall. In neueren Publikationen wird darauf hingewiesen, dass die Eidgenossen nach Marignano keineswegs unabhängig, sondern vielmehr als Juniorpartner des französischen Königs agiert hätten. Dass sie aus dem Schaden durchaus nicht klug geworden und an weiteren Schlachten auf italienischem Boden beteiligt gewesen seien (so erlitten sie bei Bicocca 1522 die nächste schlimme Niederlage). Dass sie sich nach Marignano unvermindert und stärker noch als Söldner und Reisläufer in fremde Händel gemischt hätten. Dass die Vorstellung einer Schweizer Neutralität sich erst im 17. Jahrhundert langsam und erst nach dem Wiener Kongress 1815 vollends etabliert habe.

Auch fragen sich viele, ob die Niederlage der Eidgenossen bei Marignano nicht ganz anders gedeutet werden müsste: als Versagen einer föderalistischen Organisation im Ernstfall oder als ersten Triumph einer kalten Militärtechnologie über einen primitiv-rasenden Kriegergeist.

Exotisches Getümmel

Es mag gute Argumente geben, mit denen man eine strikte Schweizer Neutralität verteidigen kann – die Schlacht von Marignano gehört nicht mehr dazu. Die feierlichen Reden im kommenden Jahr dürften sich als akrobatische intellektuelle Gymnastik erweisen; umturnt werden die neuen Erkenntnisse der Geschichtswissenschaft und überdehnt die historischen Analogien. Wer sich nicht auf eine Mythisierung einlassen will, dem bleibt das Bild einer fernen Schlacht, die wohl im frühen 16. Jahrhundert ein schockierendes Ereignis darstellte, deren Nachwirkungen aber längst verebbt sind.

Es bleibt das Bild eines exotischen Getümmels mit Piken und Kanonen, wie es im Nachbarstädtchen von Melegnano, in San Giuilano Milanese, jeden Herbst aufs Neue als «La Battaglia dei Giganti» reinszeniert wird. Die Battaglia ist eine volkstümliche Mischung aus Rummelfest und Ritterspiel. «Eine grosse Party», sagt Banker Luigi. Ein guter Ort, wo sich Jungen und Mädchen besser kennen lernen könnten, wirft jemand vom Nebentisch ein.

Tatsächlich: Wenn sich zwei Teenager aus mailändischen Provinzstädtchen vor einer Kulisse aus Kartonpalisaden, stumpfen Hellebarden und ausgebleichten Uniformen näherkommen können, ist das eindeutig das Beste, was uns die alte Schlacht heute noch bringen kann.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.08.2014, 07:27 Uhr

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