Blut und Tränen – wie Symbolbilder Regimes in Bedrängnis bringen
Von Michèle Binswanger. Aktualisiert am 24.06.2009 17 Kommentare
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Seit vergangenem Samstag hat die iranische Opposition ein Gesicht: Das blutverschmierte Antlitz einer jungen Frau namens Neda, die angeschossen wird und vor laufender Kamera stirbt. «Ich bin Neda», rufen seither die Demonstranten in Teheran. «Es brauchte nur eine Kugel, um Neda zu töten. Es braucht nur eine Neda, um die iranische Tyrannei zu stoppen», schreiben Twitterer aus Teheran.
Symbolbilder mit Sprengkraft
Ob das Video der sterbenden Neda das iranische Regime tatsächlich zu Fall bringt, ist zwar fraglich. Was es aber jetzt schon bewirkt hat, ist ein neues Level von Aufmerksamkeit. Nach der umstrittenen Wahl Ahmadinejads und den Demonstrationen beklagten sich viele iranische Demonstranten bei westlichen Journalisten, der Westen schaue weg. Spätestens seit dem Tod der iranischen Studentin kann man das nicht mehr behaupten. Die Zeitungen waren voll mit dem Bild ihres blutverströmten Gesichts, ihr Todeskampf auf zahlreichen Onlinemedien zu sehen. Jetzt schon ist Neda zur Symbolfigur geworden - nicht nur im Iran, sondern auch auch im Westen.
Daran kann das iranische Regime keine Freude haben. Denn die Geschichte lehrt, welche Sprengkraft Symbolbilder haben. Gerade die freien, westlichen Demokratien mit ihren mehr oder weniger frei zirkulierenden Bildern haben das immer wieder erfahren. Eines der bekanntesten Beispiele dürfte das Foto des Studenten Benno Ohnesorg sein. Er wurde am 2. Juni bei einer Demonstration gegen den Staatsbesuch der iranischen Königsfamilie in Deutschland erschossen. Das Foto, auf dem eine Studentin dem sterbenden Ohnesorg den Kopf stützt, wurde zur Ikone der Studentenbewegung, die sich in der Folge ausbreitete und radikalisierte. Heute ist es im Deutschen Historischen Museum in Berlin zu sehen.
Kim Phuc, My Lai
Symbole haben die Funktion, Kollektive zu einigen und ihnen eine Identität zu geben. Über Symbolbilder finden denn auch meist heterogene und inhaltlich diffuse Gruppen schnell zusammen. Und über die geschürten Emotionen lässt sich Widerstand gegen den politischen Gegner organisieren
Ikonisch für den Vietnamkrieg wurde das Bild des vietnamesischen Mädchens Kim Phuc, welches im Juni 1972 von Napalbomben getroffen wurde und schreiend und ohne Kleider die Strasse entlang rennt. Die Bilder besiegelten den Umschwung in der Meinung der US-Öffentlichkeit zum Krieg. Das Umdenken hatte 1969 begonnen, als Bilder über das Massaker in My Lai auftauchten. Weltweit verloren die USA ihren Ruf als demokratisches Vorbild und schliesslich auch den Krieg.
Damals dauerte es noch mehr als ein Jahr, bis das Life-Magazin erstmals über die Massaker an der vietnamesischen Zivilbevölkerung berichtete. Heute verbreiten sich solche Bilder sofort übers Internet, das zum zentralen Medium der Verbreitung und der Erinnerung geworden ist. Und zum Symbol der Freiheit, über das der Westen den emotionalen Anschluss an die Geschehnisse im Iran finden kann.
Hochdramatische Videosequenz
Die Videosequenz, an Dramatik kaum zu übertreffen, bietet jedenfalls alle Voraussetzungen dazu: Wir sehen eine hübsche junge Studentin in weissen Jeans und westlichen Turnschuhen. Sie wird angeschossen und innerhalb von Sekunden stirbt sie blutüberströmt in den Armen eines Mannes, der ihr Vater sein soll. Die westliche Kleidung bietet sich als Identifikationsmerkmal geradezu an, und der Friedfertigkeit der Demonstrantin steht die unbegreifliche Brutalität ihres gesichtslosen Mörders gegenüber.
Westliche Journalisten betonten zwar alle, es sei unmöglich, die Echtheit des Bildes zu verifizieren – aber letztlich spielt das auch keine Rolle, wie der Bildtheoretiker Boris Groys sagt: Nicht das Bild sei letztlich entscheidend, sondern die Frage, warum es überhaupt da ist. Die Art und Weise, wie es entstanden ist, macht es zum medienwirksamen, symbolischen Objekt.
Gut möglich, dass der Tod der Studentin Neda eine noch grössere Wirkung entfalten wird, als die Bilder von erschossenen Demonstranten beim Aufstand gegen den Schah vor dreissig Jahren. Damals starben im Januar 1978 zwei Menschen. Nach den Totengedenkfeiern entzündeten sich 40 Tage später neue Unruhen, welche sich schliesslich zur islamischen Revolution ausweiteten. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 24.06.2009, 08:32 Uhr
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17 Kommentare
Tragisch, wie hemmungslos (oder ahnungslos?) sich der Tagi einmal mehr instrumentalisieren lässt. Boulevard- und Kriegstreiberjournalismus, der bestraft und geächtet werden müsste!! Lesen Sie doch besser mal hier: http://alles-schallundrauch.blogspot.com/2009/06/wie-mit-lugen-der-offentlichkeit-kriege.html Antworten
Jeans und weissen westlichen Turnschuhen! Soviel Sorgfalt muss schon sein. Solche Bilder und was sie zeigen sind absolut. Jeder Mensch wird darob erschüttert, egal ob östlich, westlich, muslimisch oder sonstwas. Jeder muss sich fragen, ob es das ist, was man für richtig ansieht. Antworten
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