«Boulevard ist ein überholter Kampfbegriff»
Interview Rico Bandle. Aktualisiert am 17.08.2010 22 Kommentare
Karl Lüönd, 65, gilt als Instanz in der Schweizer Medienszene. Er gehörte der Chefredaktion von «Blick», «Züri Leu» und «Züri Woche» an. Heute ist er Buchautor, Berater, Dozent und kritischer Beobachter der Branche. (Bild: Keystone )
Die Studie
Das «Jahrbuch» zur Qualität der Schweizer Medien wird herausgegeben vom Forschungsbereich Öffentlichkeit und Gesellschaft der Universität Zürich unter Professor Kurt Imhof. Die Studie zeichnet ein düsteres Bild der Zukunft der Branche und damit indirekt auch der schweizerischen Demokratie, die von qualitativ hochstehender Berichterstattung abhängig sei. Schuld an der Krise seien die schwächer gewordenen Ressourcen der klassischen Tageszeitungen sowie der Vormarsch der Gratiszeitungen und Online-Medien.
Das Jahrbuch ist für 98 Franken erhältlich oder unter folgendem Link abrufbar: jahrbuch.foeg.uzh.ch
Artikel zum Thema
Gemäss der Studie der Universität Zürich besteht Grund zur Sorge bezüglich der Qualität der hiesigen Medien. Ist die Qualität tatsächlich gesunken?
Man müsste Herrn Imhof fragen, ob er denn die alten Verhältnisse mit der Parteipresse wieder haben möchte. Damit stünde er ziemlich alleine. Als ich in den späten 1960er-Jahren im Journalismus begann, war der Aufwand, den man für eine Geschichte betreiben konnte, viel kleiner als heute. Beim «Luzerner Tagblatt» hätten wir Lokalreporter nie ins Ausland telefonieren dürfen, ohne zu fragen.
Wie sehen Sie die Situation verglichen mit vor 20 Jahren, als die Parteipresse schon fast verschwunden war?
Die unzähligen kleinen Blätter bestritten den Inland- und Auslandteil vorwiegend über Agenturmeldungen. Es gab damals die unsägliche SPK, die Schweizerische Politische Korrespondenz, eine bürgerliche Ideologiemaschine. Da wurde überall derselbe Text abgedruckt.
Die Studie stellt fest, dass die Gratispresse die Qualitätsmedien bedrohe. Wie sehen Sie das?
Ich kann mit der Gleichung ‹gratis gleich schlecht› nichts anfangen. Da müsste man erwidern, dass der «Tages-Anzeiger» oder die NZZ auch zu 70 bis 80 Prozent Gratiszeitungen sind, weil sie sich nur zu 20 bis 30 Prozent aus dem Verkaufserlös finanzieren, der Rest stammt von der Werbung. Das ist mir alles zu flach.
Dass die Gratisblätter und -Internetportale aber vermehrt personifizieren und Boulevardthemen aufnehmen, ist wohl unbestritten.
Was ist denn falsch daran? Boulevard ist für mich ohnehin ein überholter Kampfbegriff. Die vermeintlich Seriösen versuchen sich damit abzugrenzen. In Wirklichkeit kann mit Boulevardisierung nur gemeint sein, dass ich versuche, komplexe Zusammenhänge so zu erzählen, dass sie auch der Briefträger oder die Serviertochter versteht. Das ist doch hoch demokratisch in einem Land, in dem die Leute über Gentechnologie abstimmen müssen! Die Personalisierung halte ich für eine gute Technik, um Komplexität zu reduzieren. Eher problematisch ist Emotionalisierung. Dies führt zu einem Übergewicht an belanglosen Themen. Zum Beispiel der Abschuss des Wolfes im Wallis. Vom Artenschutz her ist dieser Abschuss bei 17'000 Wölfen in Europa völlig belanglos.
Kurt Imhof zieht den gegenteiligen Schluss: Die fortschreitende Personifizierung gefährde die Demokratie.
Ich habe die Studie nicht gelesen, ich kenne sie nur aus den Medien. Mich nimmt auch wunder, worauf Herr Imhof seine Erkenntnis stützt. Ich habe nicht den Eindruck, dass mich Zeitungen wie die NZZ, der «Tages-Anzeiger» oder die «Basler Zeitung» alleine lassen bei komplexeren Themen.
Aber die Gratisblätter und Online-Portale, so die Studie. Und viele Leute, gerade die Jungen, informierten sich nur noch über diese Kanäle.
Meine Beobachtungen im persönlichen Umfeld können dies nicht bestätigen. Die Jungen nutzen die verschiedenen Medien situativ. Im Tram die Gratiszeitung, am Computer und am Mobiltelefon die Online-Medien, im Auto das Radio, zu Hause oder im Café vielleicht auch eine Kauf-Zeitung. Auch ich nutze die Medien so. Und ich bin eigentlich meist ganz zufrieden mit dem, was mir die Gratiszeitungen und Online-Portale bieten. Aber vielleicht bin ich ein einfaches Gemüt.
Dass Online-Medien genau messen können, wie oft ein Artikel gelesen wird, hat den Journalismus verändert, insbesondere bei der Gewichtung der Themen. Glauben Sie nicht, dass dies auch negative Auswirkungen hat?
Dass es Kurt Imhof schlimm findet, dass die Leute keine Auslandsnachrichten mehr lesen, brachte mich zum Lachen. Ich erinnere mich an Studien aus dem Hause «Tages-Anzeiger» vor 15, 20 Jahren. Da kam heraus, dass der Ausland- und der Kulturteil nur von 15 Prozent der Leser regelmässig genutzt wurden. Das ist doch nichts Neues! Schon früher war es allen klar, dass, was näher ist, mehr interessiert. Was ist daran schlecht? (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 17.08.2010, 10:02 Uhr
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22 Kommentare
Herr Lüönd gibt zu, dass er die Studie nicht gelesen hat, und will trotzdem darüber urteilen. Dann wüsste er nämlich, was mit «Boulevard» gemeint ist: nicht die Vereinfachung von komplexen Themen, sondern die zunehmende Ersetzung wichtiger Themen aus Wirtschaft, Politik & Kultur durch Soft News. Wenn eben nur noch über Kachel- und Hirschmänner berichtet wird, dann nimmt die Demokratie Schaden. Antworten
Bestätigt Herr Lüönd indirekt die "Demokratie-Gefährung", indem er bei der entsprechenden Frage nur noch die "etablierten" Zeitungen, und nicht die von Herr Imhof explizit aufgeführten Werbe-Gratis-, Thesen-Sonntag-WeWo-Blätter und Online Medien erwähnt? Punkt ist ja gerade, das viele Mitbürger nur die oberflächlichen/einseitigen Medien konsumieren und dies für die ganze Faktenlage halten? Antworten
@Imhof & Co.: Weshalb muss Herr Lüönd das Machwerk von Kurt Imhof gelesen haben? Das Thema existiert auch ohne diesen ideologischen, beinahe verfassungsfeindlichen Krampf. Und Herrn Lüönd die Expertise bezüglich Medien abzusprechen ist schon ziemlich dreist. Als ehemaliges Mitglieder diverser Chefredaktionen hat er diese Expertise mit Sicherheit, auch wenn es Ihnen nicht in den Kram passt. Antworten
Gelesen, nicht gelesen. Wenn 13:55 ein 50000 seitiger Bericht veröffentlich wird können unsere Radio Journis dieses Werk bereits in den 14:00 Uhr Nachrichten "würdigen". Wer macht es denn heute noch so: Lesen, nachdenken, mindestens teilweise wieder lesen, studieren, nachdenken und dann reden! Antwort:: "Leute, die das Leben verpassen". Na ja, stammt nicht von mir, beeindruckt mich aber. Antworten
Fakt ist, dass man im Internet-Zeitalter auch bei den Printmedien immer vorsichtiger sein muss, was man glaubt und was nicht. Ohne Eigenrecherche kommt man meiner Meinung nach kaum mehr aus, jedenfalls bei komplexen Themenspektren. Das hat Vor-, & Nachteile. Im übrigen ist mir eine Agenturmeldung lieber als eine unseriös aufgemotzte selbige, die dann auch noch Sachverhalte verfälscht. Antworten
herr lüönd lebt halt in der vergangenheit. nach 1968 gab es viele gute kleine zeitungen die ihre infos von der sda oder aus eigener arbeit hatten. ich habe für solche zeitungen gearbeitet. heute ist jeder leser ein reporter. und wer was mit wem macht ist eine doppelseite wert. das nervt mich auch am tagi mit inhaltlosen leserfotos. schade eigentlich, dass qualität heute ein schimpfwort ist! Antworten
Wenn sich häufende Rechtschreibe- und Grammatikfehler bei Journalisten eines (wenn auch kleines) von mehreren Indizien ist, dann hat die Qualität der schriftlichen Medien aber ganz sicher abgenommen und zwar deutlich - hier besteht Handlungsbedarf. Es gibt kaum einen Artikel, der keine Fehler aufweist. Und es erscheint schon logisch, dass fehlende Werbeeinnahmen irgendwo auffallen müssen... Antworten
Lüönd bringt auf den Punkt, woran Imhofs Studie (die ich gelesen habe) so arg krankt: Imhof meint vorgeben zu können, welche Texte wichtig und welche Staatstragend sein sollen. Mit Verlaub: Das geht nicht und ging noch nie! Noch nie haben in einer freien Demokratie alle Medien gleich über die gleichen Themen geschrieben. Die Vielfalt trifft die unterschiedlichen Interessen der Bürger. Antworten
Herrlich,das Problem gleich am anschaulichen Beispiel aufgezeig: Da wird ein "Medienexperte" über eine Studie befragt, welche er nicht gelesen hat,man plappert ein wenig was,das wird aufgeschrieben und dem Publikum in der Presse serviert,voilà,so funktioniert die Medienwelt. Und für die restlichen Meldungen hat die Zeitung ja ihr Abo bei einer Presseagentur. Blöd nur,ich habs auch gelesen,ÄRGER... Antworten
genau so, wie es herr karl lüönd treffend beschreibt, verhält sich die sache überall, man muss nur die richtigen fragen stellen und darauf erpicht sein, dass die gestellten fragen auch beantwortet werden. da aber keine antwort, auch eine antwort sein kann, soll der professor imhof selber sagen, ob er die alten verhältnisse mit der parteipresse wieder haben möchte..? Antworten
@Paul Müller. Die Frage ist doch, weshalb er zu einer Studie die er nicht gelesen hat befragt wird? Im Übrigen wird auch heute überall der selbe Text abgedruckt. Die Ideologie ist nicht mehr bürgerlich, dafür emotional. Fragen sie sich doch mal am Ende eines Artikels ob und was sie jetzt mehr wissen. Antworten
Achtung: gemäss der Studie sind die Gratisblätter per se nicht das alleinige Problem. Aber sie absorbieren Werbefranken, die dann bei den Qualitätszeitungen fehlen. Beim Tagi mag das nicht ganz so schlimm sein, weil TAmedia in beiden Bereichen präsent ist. Aber was ist z.B. mit einer NZZ? Und: sollen Qualitätstmedien nur noch durch (Quer-)Subventionierung überleben können? Antworten
Und plötzlich sind einfache Gemüter Koryphäen, ja sogar "Instanzen der Schweizer Medienszene"! Heute liest man auch überall dieselben Texte, sie entstammen einfach einer linken Ideologiemaschine. Viele Medienangestellte sind gar keine Journalisten, sondern Leute, die gegen Bezahlung ihre persönliche Meinung verbreiten. Antworten
Karl Lüonds persönliche Beobachtungen in Ehre, aber Imhofs Studie stützt sich wohl auf wissenschaftlichere Grundlagen. Dieser Artikel ist bereits wieder ein Beweis für die negativen Folgen der Personalisierung in den Medien. Kein Wunder erscheint er auf tagesanzeiger.ch, eines der Portale das mitverantwortlich ist für den Trend.... Antworten
Ich bin selten mit Lüönd einer Meinung, aber wo er recht hat, hat er recht. Ich nutze selber alle verfügbaren Medien: Radio, TV, Print, Gratis, Internet. Mein Vorteil: Gute Schuilbildung (Uni), und ein gute Selektionsfähigkeit (Weil ich selber lüge, glaube ich nichts mehr!). Ich meine: So laufen lassen! Antworten
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Franceso Manzoni
Wer einmal als Student Imhof gehört hat, wird beeindruckt sein. Eindringlich wie ein Prediger, eloquent wie ein Politiker aber für einen Wissenschaftler zu wenig kohärent. Er jumpt von einem Thema zum anderen und glaubt ein kleines Genie zu sein. Seine Fangemeinde - 20 jährige Studenten - geben ihm die Legitimation. Ohne die, wäre er schon lange wieder auf dem Bau, woher er ursprünglich auch kommt Antworten