Kultur

Daheim im digitalen Durcheinander

Von Daniel Di Falco. Aktualisiert am 02.11.2010 3 Kommentare

Wie verändern die neuen Medien unser Leben? Macht das Internet klug oder dumm? Die Ausstellung «Home» in Lenzburg stellt die richtigen Fragen.

Dank Internet und Handy ist die vielseitige Vernetzung längst Alltag: Fadennetz «Home».

Dank Internet und Handy ist die vielseitige Vernetzung längst Alltag: Fadennetz «Home».
Bild: pd

Viele Interaktionsmöglichkeiten: Besucherin in der Ausstellung. (Bild: A. Affentranger)

Ausstellung

Die Ausstellung im Stapferhaus Lenzburg dauert bis am 27. 11. 2011. Katalog mit Beiträgen u. a. von Ludwig Hasler, Peter Schneider, Michèle Roten, 48 Fr.
www.home.stapferhaus.ch

Stichworte

Die Schuhe kommen gleich beim Eingang ins Schränkchen. Dafür bekommt man Überziehsocken, fabrikneu und zum Behalten. So bleibt der helle Flauschteppich in der Ausstellung sauber. Vor allem aber beginnt mit dem Gefühl in diesen Socken bereits die These: Wir sind hier zu Hause – in der digitalen Welt.

«Home» heisst die neue Ausstellung im Stapferhaus Lenzburg. Sie kommt im richtigen Moment mit der richtigen Frage: Wie verändern die digitalen Medien unser Leben? Immerhin sind Computer, Internet und Handy heute nicht nur Geräte – sie sind Alltag geworden. Mit den neuen Medien sind auch neue Existenzformen entstanden, und mittlerweile gibt es die erste Generation, die – geboren nach 1980 – die analoge Welt gar nicht mehr kennt.

Laura, Steve und Christian

Der Flauschteppich, dazu Sofas, Hocker, Salontische und Sideboards – die Idee des digitalen Daheims zieht sich durch die ganze Ausstellung und bleibt doch zurückhaltend abstrakt. Im Zentrum stehen auch nicht Facebook und Twitter, Smartphones und E-Books, sondern ihre Nutzer. Zum Auftakt macht man, in Filmporträts in verschiedenen Minikinos, Bekanntschaft mit sechs Bewohnern des Onlinezeitalters. Mit Laura, 14 Jahre, die 500 Freunde bei Facebook hat und sich ein Leben ohne Handy nicht vorstellen kann. Mit Steve, einem Familienvater, der täglich für zwei Stunden im Universum des Onlinespiels «World of Warcraft» verschwindet. Oder mit Christian, dem Gründer einer Ideenagentur mit 8000 Mitarbeitern, die keine Büros brauchen, sondern nur einen Internetanschluss.

Hat man noch Freunde ohne Handy und Facebook? Woher nimmt man die Zeit für den Kampf gegen Dämonen und Drachen, wenn der Tag weiterhin nur 24 Stunden hat? Und was sagt die Freundin, wenn ihr Freund stets sein ganzes Büro in der Tasche mitträgt?

Das sind die Fragen, die sich hier stellen, so konkret wie exemplarisch. (Und einmal mehr liegt dem Stapferhaus mehr an den offenen Fragen als an fertigen Antworten.) Tatsächlich hat das Nachdenken über die Digitalisierung keinen Sinn mehr, wenn es sich allein an technologische Möglichkeiten hält und deren reale Nutzung vergisst. Und genau darum lesen sich die Expertenaufsätze im Begleitbuch zu «Home» über weite Strecken wie Post von gestern. Es gibt sie noch, die Apokalyptiker und die Euphoriker, aber anders als vor 10, 15 Jahren fehlt ihren Szenarien heute der Boden.

Ein Schrank voller Ängste

Abschreckend ist etwa die Hymne auf die «Befreiung von den Fesseln des festen Arbeitsplatzes» durch die Onlinekommunikation, gesungen von einem Technikjournalisten, der vor lauter «Hot Desking» und «Cloud Computing» fast ganz unbeleckt bleibt von der Frage, wer wirklich profitiert von einer Entwicklung, dank der es letztlich nie mehr Feierabend wird. Umso nützlicher sind die Versuche, die öffentliche Aufregung um die neuen Medien kritisch zu röntgen. Oder auch jene, die die Digitalisierung in ihrer ganzen Ambivalenz sehen. «Macht das Internet klug oder dumm?», fragt der Medienphilosoph Stefan Münker im Buch. Antwort: «Es kommt darauf an.»

Die Ausstellung legt denn auch die spannenderen Spuren als das Buch. Man kann ihnen frei folgen und setzt sich so sein eigenes Puzzle des digitalen Universums zusammen. Die Teile dazu finden sich in einer Telefon-Lounge, wo man Stimmen aus dem familiären Umfeld der sechs Protagonisten abrufen kann. In einer Touchscreen-Theke steckt ein TVArchiv zur Geschichte der elektronischen Kommunikation, an Hörstationen streiten Experten; es gibt Tabletcomputer, mit denen man über Regeln für das digitale Miteinander abstimmen kann, und einen Besenschrank. Darin: die Untergang-des-Abendlands-Ängste, die sich einst am Fernsehen genauso entzündet haben wie an der Schrift (macht vergesslich, fand Sokrates).

Klare Idee von Privatsphäre

Überraschungen gibt es an vielen Ecken. Eine zum Beispiel zur Facebook-Jugend, die entgegen einer verbreiteten Befürchtung durchaus eine Idee von Privatsphäre im Internet hat – sie unterscheidet klar zwischen sensiblen Informationen (Telefonnummer) und weniger heiklen (Hobbys). Auch das zeigt, dass nicht die technischen Möglichkeiten allein das Leben in der Online-Ära bestimmen – es kommt darauf an, was man aus ihnen macht. So macht «Home» die Gesellschaft in einem Moment sichtbar, in dem sie die neuen Technologien in den Alltag integriert und Arrangements für ihre Nutzung aushandelt.

Was übrigens Christian angeht, den immer vernetzten und überall verfügbaren Ideenvermittler: Das Arrangement fiel zu seinen Ungunsten aus. Seine Freundin hat ihn inzwischen verlassen. (Der Bund)

Erstellt: 02.11.2010, 08:24 Uhr

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3 Kommentare

Peter Meyer

02.11.2010, 09:11 Uhr
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das internet hat seit seiner einführung einiges in der gesellschaft verändert. wie keine andere technologie je zuvor hat der computer und seine möglichkeiten die art und weise wie wir miteinander kommunizieren beeinflusst. was wir jetzt im moment sehen ist erst der anfang. die jungen heute sind am technologischen wandel gemessen in 10 jahren alt. facebook, twitter, wiki; alles erst der anfang. Antworten


Celia Hermann

11.11.2010, 16:15 Uhr
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Und dass man mit der beiliegenden DVD ein schönes Stück HOME mit nach Hause nehmen kann, sollten Sie auch nicht verschweigen. Antworten




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