Das Drama einer Internet-Teen-Queen

Wer im Internet Ruhm sucht, muss damit rechnen, mit niedrigsten menschlichen Instinkten konfrontiert zu werden. Gerade für Teenager kann das fatal sein, wie der Fall «Kiki Kannibal» zeigt.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Dass das Internet die moderne Version einer Goldgräberstadt ist, weiss man: Gewinnen kann man Ruhm und unter Umständen eine Karriere. Aber es ist auch ein gefährlicher Ort, an dem die Menschheit sich nicht unbedingt von ihrer gewinnendsten Seite zeigt.

Dafür steht der Fall der Kiki Kannibal, den das Magazin «Rolling Stone» in seiner neusten Ausgabe aufrollt. Ein minderjähriges Mädchen, das den schnellen Internet-Ruhm sucht und findet, aber einen hohen Preis dafür bezahlt: Beschimpfungen, Stalking, Morddrohungen. Dabei war es gerade diese Welt sozialer Grausamkeit, der Ostrenga eigentlich entfliehen wollte.

Der offensive Freak

Im Jahr 2006 hiess sie noch Kiki Ostrenga, ein dreizehnjähriges Mädchen, das mit seinen Eltern von Chicago ins kalifornische Sawgrass Springs gezogen war und gerade die Hölle der Pubertät entdeckte: Unsicherheit, Langeweile, Frustration prägten ihren Alltag, in der Schule wurde sie gehänselt und verfolgt. Kiki antwortete auf ihre Weise und legte es darauf an, erst recht ein Freak zu sein. Sie schnitt sich das Haar und färbte es pink und kleidete sich in ausgefallene Outfits. Mit der Erlaubnis ihrer Eltern eröffnete sie einen eigenen Myspace-Account. Dort zelebrierte sie als Kiki Kannibal die Frisuren, Make-ups und Outfits, für die ihre Klassenkameradinnen sie verlachten. Und sie hatte umgehend Erfolg.

Innerhalb von drei Monaten hatte sie 25'000 Freunde, ihr Name wurde im Internet zum Begriff. Doch bald musste sie lernen, dass der Terminus «Freunde» im Internet nicht dasselbe bedeutet, wie in der realen Welt. Mit dem Erfolg kam der Neid und viele «Freunde» waren Kiki alles andere als freundlich gesinnt. Es häuften sich Kommentare der Art: «Lasst uns einen Kiki-Hate-Club gründen, denn sie ist hässlich» oder: «Ich bin davon besessen, sie zu hassen, das ist ein höllischer Spass!» Nach den Beschimpfungen kamen die Morddrohungen und Kiki fand das plötzlich alles nicht mehr so lustig.

Wellen des Hasses

Besonders alarmierend an ihrem Fall ist, dass es sich hier nicht um eine von gleichgültigen Eltern vernachlässigte junge Frau handelt. Mutter und Vater waren von Anfang an im Bild, was ihre Tochter im Internet treibt, berieten und ermutigten sie. Doch sie unterschätzten die Dynamik des Netzes sträflich. Heute ist Kiki Kannibal achtzehn und sagt: «Im Internet bist du einfach ausgestellt und die Leute haben keinerlei Hemmungen.»

Allerdings. Je grösser Kikis Ruhm im Netz wurde, desto mehr nahmen auch die Anfeindungen zu. Bekannt ist, dass die Anonymität im Netz ganz neue Dimensionen der Aggressivität eröffnet – und gerade junge Mädchen tun sich in dieser Disziplin besonders hervor. Ein Phänomen, mit dem auch Justin-Bieber-Freundin Selena Gomez zu tun bekam. Nachdem bekannt geworden war, dass sie mit dem kanadischen Sänger liiert war, wurde sie ebenfalls mit Mord bedroht. Bei Ostrenga griffen die Anfeindungen auch ins wirkliche Leben über. Ihre Katze wurde gekillt und das Haus der Ottrengas mit obszönen Parolen verschmiert. Die Familie bekam Angst und zog für ein paar Wochen zur Grossmutter.

Netz-Diskussion

Doch Kiki wollte ihr Internet-Projekt nicht aufgeben. Nicht nur verdiente sie damit mittlerweile Geld, es bot ihr auch Halt, eine Identität. Das Mädchen war im Cyberspace sesshaft geworden. Auch wenn er nicht gemütlicher wurde. Mit vierzehn fand Kiki einen ersten Freund, den sie später der Vergewaltigung bezichtigte. Als die Polizei ihn deswegen festnehmen wollte, beging er Selbstmord. Dies machte der Blogger Christopher Stone der Web-Community «Stickydrama» publik. Stone hatte selber eine fatale Hassliebe zur Persona Kiki Kannibal entwickelt und versuchte sie für seine eigenen dubiosen Internet-Projekte einzuspannen, indem er gegen sie Stimmung machte. Was neue Wellen des Hasses gegen Ottrenga provozierte.

Kikis Eltern versuchten, gegen Stone vorzugehen, erreichten aber wenig. Erst später wurde er wegen Verdachts auf Pädophilie angeklagt und musste seine Site schliessen. Nachdem das Magazin «Rolling Stone» Kikis Geschichte aufgerollt hat, entzündete sich im Netz die Diskussion, ob Kiki Opfer eines extremen Cyber-Bullyings sei oder ob sie es nicht von Anfang an darauf angelegt habe, indem sie sich als Minderjährige in anrüchigen Glamour-Posen gezeigt und es offensichtlich auf den Ruhm abgesehen hatte. «Sie könnte alles stoppen, wenn sie sich aus dem Internet ausloggen würde. Sie hat es so gewollt.» Das ist reichlich zynisch. Welches junge Mädchen will beschimpft und mit Mord bedroht werden? Dennoch ist diese Reaktion bezeichnend für die Mentalität des Internets: Hier ist alles erlaubt und wer sich dem aussetzt, muss mit allem rechnen. (mcb)

(Erstellt: 19.04.2011, 15:53 Uhr)

Stichworte

Publireportage

The Theory of Everything

Eddie Redmayne verwandelt sich in Stephen Hawking.

Die Welt in Bildern

Einem geschenktem Gaul schaut man nicht ins Maul: Ein Besucher betrachtet ein geköpftes Pferd des chinesischen Künstlers Huang Yong Ping in der Ausstellung 'Bugarach' in Rom. (18. Dezember 2014)
(Bild: Gabriel Bouys) Mehr...