Das gnadenlose Gedächtnis

Im Internet entsteht ein Archiv unseres Lebens. Droht die totale Erinnerung? Gibt es ein Recht auf Vergessen? Was soll der Einzelne, was die Gesellschaft tun?

Bild: Karikatur Widmer

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Es ist ein Albtraum im Wachzustand, an dem die Amerikanerin Jill Price leidet. Diesen Albtraum nennen Gedächtnisforscher das hyperthymestische Syndrom – die Unfähigkeit, sich von eigenen Erfahrungen und Erlebnissen zu lösen, sie aus der Erinnerung zu löschen. Jill Price, Geschäftsführerin einer Schule in Los Angeles, kann seit ihrem achten Lebensjahr nichts mehr wirklich vergessen. Sie besitzt ein fast perfektes autobiografisches Gedächtnis.

Oft braucht es nur einen minimalen Anstoss, eine Farbe, ein Bild, ein Geräusch, und «pausenlos tauchen wahllos irgendwelche Erinnerungen auf», sagt sie. Es ist, «als hätte ich eine Leinwand in meinem Kopf, auf der zufällig zusammengefügte Szenen aus meinem Leben ablaufen – ein wirrer Film, der völlig unkontrollierbar zwischen verschiedenen Tagen und Jahren, zwischen guten und schlechten Erfahrungen, zwischen schmerzlichen, freudigen und vernichtenden Erlebnissen hin und her springt.»

Der Tod ihres Hundes, ein Abendessen mit Lachs und Bagel im Herbst des Jahres 1993 und die rührselige Schlussszene in einem Film, den sie irgendwann gesehen hat, sind ihr genauso gegenwärtig wie die Jahrzehnte zurückliegende Frage ihrer Mutter, was sie denn gegen ihr Übergewicht zu tun gedenke. Jill Price lebt in einer seltsam eingefroren wirkenden Gegenwart dauerhafter, ewiger Präsenz.

Ausser ihr leiden weltweit, soweit bekannt, nur noch vier weitere Menschen an einer derart grausam präzisen Erinnerungsfähigkeit. Aber ihre Geschichte lässt sich – aller Ungewöhnlichkeit zum Trotz – doch als eine Art Zukunftsbericht lesen, der schon bald für eine grössere Zahl von Menschen Realität werden könnte. Denn im Netz entsteht Tag für Tag, Stunde für Stunde ein immer umfassenderes, leicht durchsuchbares Archiv des eigenen Lebens, ein öffentliches Gedächtnis der individuellen Biografien, das sich aus Anekdoten und Banalitäten, relevanten Informationen, Peinlichkeiten und Ad-hoc-Mitteilungen speist. Mehr als eine Milliarde Facebook-Nutzer füttern das grösste soziale Netzwerk der Welt mit ihren Daten und laden täglich bis zu 250 Millionen Fotos hoch.

Die neuen Schrumpf-Biografien

48 Stunden Videomaterial kommen schon heute alle 60 Sekunden auf der Videoplattform Youtube hinzu. Millionen von E-Mails, SMS- und Twitter-Botschaften schwirren in jedem Augenblick im Datenuniversum umher. Und so entsteht allmählich ein gewaltiger Vorrat an Erinnerungen, ein gigantischer Materialberg aus Informationssplittern, die sich ohne Aufwand kopieren, kombinieren und vor einem Weltpublikum ausbreiten lassen.

Für die existenzielle Frage nach dem eigenen und dem fremden Ich sind heute Suchmaschinen zuständig. Wer ist Tiger Woods? Google erklärt uns: ein Golfsportler und ein Ehebrecher, dessen angebliche Sex-SMS man im Netz studieren kann. Wer ist Daniel Cohn-Bendit? Wir erfahren: ein Europapolitiker der Grünen, der im Paralleluniversum der Netzöffentlichkeit seit mehr als einem Jahrzehnt von seinen Gegnern mit Päderastievorwürfen verfolgt wird. Wer ist Vaclav Klaus? Google präsentiert uns einen tschechischen Präsidenten, der eines Tages eines Füller klaute, dabei gefilmt wurde und einen unfreiwilligen YouTube-Hit landete – das ist die Ultrakurzfassung eines politischen Lebens, das sich aus den ersten Treffern der Suchmaschine ergibt. Wer ist Daniel Rousta? Google weiss sofort: Es handelt sich um einen ehemaligen SPD-Netzwerker, der über ein paar vulgäre Sätze auf seiner Facebook-Präsenz («FDPisser») gestürzt ist. Seinen Job ist er nun schon ein paar Monate los. Das digitale Stigma aber bleibt.

Es sind auf den blamablen Moment reduzierte Lebensläufe, die einem nach ein paar Klicks begegnen, kontextfrei präsentierte Schrumpf-Biografien, die doch ein Image prägen können. Dabei gilt: Es geht im Netz, in dieser riesenhaften Erinnerungs- und Kopiermaschine aus sozialen Netzwerken, Wikis, Weblogs, Websites, online verfügbaren Nachrichten, Filmen und Fotos, ein bisschen zu wie in der Wahrnehmungswelt der Amerikanerin Jill Price.

Manches verschwindet, taucht womöglich nie wieder auf, weil irgendein Anstoss fehlt, ein minimaler äusserer Reiz, der plötzliche Erinnerungsschübe auslöst (Gedächtnisforscher sprechen von Abrufhinweisen). Das meiste aber bleibt. Und einzelne Episoden und Realitätspartikel aus der Vergangenheit besetzen mit einem Mal, scheinbar aus dem Nichts kommend, unsere Vorstellungswelt.

Droht die totale Erinnerung? Wird überhaupt nichts mehr vergessen? Das nicht; denn jede Neuerung produziert nicht nur immer perfektere, immer billigere Möglichkeiten der Datenspeicherung, sondern gleichzeitig auch Grossfriedhöfe unbrauchbar gewordener Geräte: Hier gammeln dann – eingekapselt in nicht mehr benutzbaren Speichermedien – zahllose Materialien vor sich hin. Das Zeitalter der Informationsüberflutung ist gleichzeitig auch das Zeitalter der permanenten Informationsvernichtung durch technische Innovation.

Entscheidend ist aber, dass die Gesetze der digitalen Erinnerung den Einzelnen unvermeidlich in ein Objekt verwandeln, weil sie von ihm nicht mehr kontrollierbar sind. Das Internet ist, um ein kluges Wort des Medientheoretikers Roberto Simanowski aufzugreifen, ein Anarchiv – eine kaum beherrschbare Gedächtnismaschine, die dem permanenten Plebiszit allgemeiner Interessenbekundung und dem weitgehend verborgenen Geschäftsgebaren der Netzgiganten und Speicherfetischisten (Facebook, (FB 73.75 0.20%) Amazon, Google etc.) unterliegen.

Erinnert wird, was interessiert. Erinnert wird, was andere kombinieren und kopieren, verlinken und verschicken. Andauernde Auseinandersetzung ist ein Konservierungsmittel, eine Art Bestandsgarantie für Dokumente und Informationen. Im Extremfall kann das Dauer-Plebiszit der Amüsierten und Alarmierten jedoch bedeuten, dass man auf einen einzigen blöden Aussetzer, eine einzige Peinlichkeit ein Leben lang festgelegt wird und dass es ein paar zufällig entstandene, aber global verfügbare Informationsbruchstücke sind, welche die eigene Gegenwart und Zukunft vergiften.

Digitaler Radiergummi gesucht

In dieser Situation stellt sich die Frage, was man tun kann. Eric Schmidt, heute im Verwaltungsrat von Google, hat einmal locker vorgeschlagen, man solle doch, sei der Ruf schon in jungen Jahren ruiniert, noch einmal digital ein neues Leben beginnen. Sein Tipp: einfach mit 18 den Namen wechseln. Zahlreiche Reputationsmanager bieten inzwischen ihre Dienste an, versprechen die Verdrängung missliebiger Suchergebnisse und die Verbesserung des digitalen Rufes (Googlability) durch Jubelmeldungen.

Netzphilosophen wie Viktor Mayer-Schönberger fordern das Recht auf Vergessen und ein neues Bewusstsein für Datenrisiken; andere setzen schlicht darauf, dass man sich an die ewige Wiederkehr peinlicher Fotos und dummer Sprüche gewöhnt, sie irgendwann einfach ignoriert. Informatiker arbeiten fieberhaft an einem digitalen Radiergummi und Softwarelösungen (z. B. X-pire!), die einzelne Dokumente mit einem eingebauten Verfallsdatum versehen, also das Vergessen von Inhalten programmieren. Die Daten sind, so die Kernidee, grundsätzlich nach einem vom Benutzer fixierten Zeitpunkt nicht mehr abrufbar.

Technisch sind die verfügbaren Lösungen bislang äusserst unbefriedigend, aber das ist gar nicht einmal entscheidend. Viel wichtiger erscheint: Sie sensibilisieren dafür, dass im digitalen Zeitalter jeder eine Medienstrategie braucht und dass er – bloggend, postend, twitternd oder weitgehend Social-Media-abstinent – Fragen beantworten können muss, die da lauten: Welches Bild soll bleiben? Wie viel Macht darf die Vergangenheit bekommen? Wie löst man sich eines Tages von öffentlich dokumentierten Fehlern, um wieder frei zu sein für die Neuerfindung des eigenen Selbst?

Die zweite Aufklärung

Das sind grosse, monströse Fragen. Aber es fehlt bislang die Plattform und die Institution, um sie zu debattieren. Es fehlt das gesellschaftliche Labor, um sich mit ihnen auseinanderzusetzen, nach stimmigen, unvermeidlich individuellen Antworten zu suchen. Miriam Meckel hat sich kürzlich öffentlich gewundert, warum es noch kein Schulfach «Leben im digitalen Zeitalter» gibt. Sie hat recht. Lange schon ist ein neues, breites Verständnis von Medienkompetenz nötig, eine zweite Aufklärung, die eben in den Schulen und Universitäten des Landes ihren Ort haben müsste.

Hier könnte man experimentieren, Fallgeschichten studieren, aktuelle Technologien dem Praxistest unterziehen, die moralische Fantasie trainieren. Und hier liesse sich über das gnadenlose Gedächtnis reflektieren, das inzwischen zur medialen Realität geworden ist. Es wäre eine dringend benötigte Bildung und Ausbildung auf der Höhe der Zeit. Denn fast alle sind heute im Netz. Entscheidend ist aber, ob sie von den Möglichkeiten und Chancen profitieren, sie zu nutzen verstehen. Oder ob man sie nur verspottet, ausbeutet und benutzt. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 19.10.2012, 08:27 Uhr)

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An den Chef oder die Mutter denken

Was immer wir in der digitalen Welt anstellen: Es hinterlässt Spuren. Am radikalsten wäre es, auf die Nutzung von PCs, Smartphones oder Bezahlkarten ganz zu verzichten – allerdings führt dies direkt ins gesellschaftliche Abseits. Vielmehr gilt es, einen bewussten und proaktiven Umgang damit zu pflegen.

Im Webbrowser lassen sich Spuren vermeiden, indem man den Privat- oder Do-Not-Track-Modus aktiviert. Das gilt auch für das Smartphone. Ausserdem sollte man Cookies (kleine Dateien, die Websites auf unseren PCs hinterlegen, um uns beim nächsten Besuch wieder zu erkennen) stets nur sehr zurückhaltend akzeptieren und dies in den Einstellungen des Webbrowsers entsprechend festlegen.

Wer es Google nicht unnötig erleichtern möchte, ein individuelles Benutzerprofil zu erstellen, sollte sich nicht dort mit seiner Google-ID einloggen. Völlig anonym googeln kann man beispielsweise via www.ixquick.com.

Bei sozialen Netzwerken wie Facebook hilft folgende Faustregel: Fragen Sie sich stets, ob es okay wäre, wenn Ihre Mutter oder Ihr Chef sehen und lesen könnten, was Sie gerade im Begriff sind, dort hineinzustellen. In den Einstellungen zur Privatsphäre lässt sich u. a. einschränken, wer was sehen darf. Gruppieren Sie ausserdem Ihre Freunde, und posten Sie anschliessend jeweils für bestimmte Gruppen statt für alle.

Auf dem Smartphone lassen sich Lokalisierungsdienste (GPS) vorübergehend ausschalten – dann laufen allerdings auch die praktischen Kartendienste nicht mehr. Ihr Telecomunternehmen weiss zudem immer noch ungefähr, wo Sie sich aufhalten, solange das Handy eingeschaltet ist. (Roger Zedi)

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