«Das ist, wie mit einer Granate zu verhandeln»

Von Ruedi Baumann und Guido Kalberer. Aktualisiert am 05.02.2010

Peter Sloterdijk, der bekannte deutsche Philosoph, zündete am «Tages-Anzeiger»-Meeting ein rhetorisches Feuerwerk. Die versammelte Prominenz war begeistert.

Frisur wild, Lesebrille tief – Peter Sloterdijk formulierte und fabulierte meistens frei.

Sloterdijks Vortrag

«Dasein bedeutet Wiederholung, und Wiederholen heisst Üben», schärfte der Philosoph seinen Zuhörern während seines Vortrags ein. Die Menschen bewohnten Gewohnheiten, das Originelle und Subjektive nehme wenig Raum ein. Mit solch düsteren Aussagen, verpackt in brillante Wortkaskaden, sorgte Peter Sloterdijk für Heiterkeit in der Halle des Schiffbaus. Seine freie Rede schwang sich immer wieder zu rhetorischen Höhenflügen auf, um sich dann in einer suchenden Denk-Bewegung wieder zu sammeln. Der Karlsruher Philosoph machte vor dem aufmerksamen Publikum, das sich in die Rolle des gelehrigen Zöglings schickte, den nicht leichten Versuch, sein letztes Buch «Du musst dein Leben ändern» zu erklären.

Es war eine richtige philosophische Lehrstunde, in der Sloterdijk Begriffe wie Askese, Meditation und Trainer in einem neuen Licht vorführte. In einer Zeit, in der eine Aversion gegen jedes Müssen und jede Autorität herrsche, gelte es, bewusst zu wollen, was man ohnehin müsse: «Der Mensch ist ein Wesen, das nicht nicht-üben kann, nur weiss er das nicht immer.» Was früher das Kloster war, ist heute die Schule, was früher der Heilige war, ist heute der Künstler. Und der Künstler Sloterdijk gab bei seinem Zürcher Vortrag einen Einblick in seine Werkstatt: Das Lesen und Schreiben, aber auch das Reden sind «Formen übenden Lebens», deren Ziel es ist, ein Noch-Nicht zu erreichen. Da menschliches Leben nicht festgelegt ist (Nietzsche sprach vom Menschen als dem «nicht festgestellten Tier»), ist es immer steigerungsfähig – und damit ergebnisoffen.

Peter Sloterdijk, dessen rhetorische Improvisationsgabe hörbarer Ausdruck dieser Offenheit für neue, noch nicht gedachte Gedanken ist, liess sich beim Verfertigen seiner unideologischen Ideen über die Schultern schauen. Für einige Zuhörer war dieser Suchprozess ebenso faszinierend wie das Resultat. Dies entspricht seiner philosophischen Seele: Neben dem Systematiker, der die ganze europäische Kulturgeschichte im Blick hat, pflegt er seine reizende Liebe zur Anekdote. Am Beispiel gewinnt der Begriff Kontur – und da lässt sich Peter Sloterdijk nicht zweimal bitten.

Guido Kalberer

Er formt gewaltige Sätze – meist aus dem Stegreif – er schwingt sich von Aristoteles und Seneca über Nietzsche und Freud zum Umweltgipfel in Kopenhagen. Und sagt nach einer guten Stunde unbescheiden: «Ich könnte Ihnen versprechen, dass ich Sie nicht gelangweilt haben würde, wenn ich hier noch etwas verweilt haben dürfte.» 300 Manager, Politiker, Kultur- und Medienschaffende waren gestern Morgen zum 30. Dolder-Meeting gekommen, das nun «Tages-Anzeiger»-Meeting heisst und im Schiffbau stattfindet.

Edipresse und Tamedia hätten den Rat Sloterdijks ignoriert, wonach nichts besser geeignet sei, um Frieden zu stiften, als einander zu ignorieren, sagte Tamedia-Verleger Pietro Supino in seiner Begrüssungsrede. Der Zusammenschluss zwischen deutscher und welscher Schweiz, zwischen Tamedia und Edipresse, werde dem Landfrieden nicht schaden – im Gegenteil.

Hervorragende Eloquenz und Spontaneität

Die knalligste Antwort gab Sloterdijk auf die Frage von TA-Co-Chefredaktor Res Strehle, ob sich nach dem Klimagipfel in Kopenhagen etwas ändere. «Das ist, wie wenn man eine Granate, die soeben das Geschützrohr verlassen hat, auf blossem Verhandlungsweg wieder ins Rohr befehlen würde.» Und zum Bankgeheimnis sagte Sloterdijk – vor UBS-Chef Oswald Grübel in der ersten Reihe: «Die Schweiz hat das monetäre Unbewusste der Menschheit gehütet.»

Schauspielhausdirektorin Barbara Frey war mit den elf Schauspielern ihres nächsten Stücks «Was ihr wollt» zum Anschauungsunterricht gekommen. «Sloterdijk schwingt den Bogen von Philosophie zu Kunst und von der Antike zur Moderne mit seiner wahnsinnigen Eleganz – und mit seiner Grundkulinarik bringt er die Leute zum Lachen.» NZZ-CEO Albert P. Stäheli lobte: «Er ist kein Ideologe, hat Humor, eine hervorragende Eloquenz und Spontaneität.»

Problematisches Steuersystem

Diskussionsstoff bot Sloterdijks Idee, der Steuerzahler solle sich nicht als Untertan, sondern als stolzer, freiwilliger Geldgeber begreifen. Zürichs Finanzchef Martin Vollenwyder machte die Probe aufs Exempel mit Flughafenchef Andreas Schmid. «Lass mal springen», forderte er ihn auf – und Schmid klaubte bloss etwas Münz aus der Tasche. Auch Stadtpräsidentin Corine Mauch findet dieses Steuersystem «höchst problematisch». Schulvorsteher Gerold Lauber gestand, der Vortrag sei sehr anspruchsvoll für ihn gewesen. «Länger als zwei Minuten kann sich kein Mensch voll konzentrieren.» Wenn das seine Schüler lesen...Ganz anders sein Widersacher von der SVP, Stadtratskandidat und Chirurg Karl Zweifel: «Sloterdijk hat gezeigt, dass der Co-Immunismus nichts anderes ist als die personifizierte Konkretisierung der Weltgesellschaft.»

Da war der grüne Nationalrat Daniel Vischer volkstümlicher: «Die Idee der Gebergesellschaft ist absurd, da glaubt Sloterdijk wohl selber nicht daran, das wäre die Abschaffung des Sozialstaats.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.02.2010, 13:35 Uhr

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