«Das scheint mir kriminell»
Interview: Vincenzo Capodici. Aktualisiert am 21.10.2010 18 Kommentare
«Ich habe von Hagens einmal persönlich getroffen. Wir haben uns begrüsst, mehr nicht»: Christoph Mörgeli. (Bild: Keystone )
Zur Person
Der Historiker Christoph Mörgeli leitet das Medizinhistorische Museum der Universität Zürich. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehört die Geschichte des Totentanzes. Der 50-jährige SVP-Politiker ist seit 1999 Mitglied des Nationalrats. (vin)
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Der deutsche Anatom und Plastinator Gunther von Hagens eröffnet einen Online-Shop, der Leichen und Leichenteile anbietet. Was denken Sie als Medizinhistoriker über von Hagen und von seiner neusten Idee?
Christoph Mörgeli: Von Hagens ist ein grenzgängerischer Provokateur, der durchaus Erfolg hat. Er vertritt eine gewisse Wissenschaftsfeindlichkeit: «Seht her, das haben Euch die Mediziner stets vorenthalten.» Und dies trifft offenbar den Zeitgeist. Die Ausstellung «Körperwelten» war bereits grenzwertig. Mit der Idee, Leichenteile im Internet zu verkaufen, geht er aber zu weit. Von Hagens überschreitet die Grenzen von Legalität und der Ethik. Das scheint mir jetzt kriminell. In der Schweiz würde von Hagen jedenfalls strafrechtlich verfolgt. Ich gehe davon aus, dass die Justiz auch in Deutschland aktiv wird. Die rechtliche Situation ist durchaus vergleichbar. Ausserdem muss betont werden: Personen, die in der Schweiz wohnen und im Online-Shop von Hagens' Leichenteile einkaufen, machen sich unter Umständen strafbar.
Sie leiten das Medizinhistorische Museum der Universität Zürich, das unter anderem Leichenteile ausstellt. Wie ist denn die Verwendung von Leichen und Leichenteilen in der Schweiz geregelt?
Körper verstorbener Personen dürfen in der Schweiz grundsätzlich nur dann zu Forschungs- und Ausbildungszwecken verwendet werden, wenn die Personen zu Lebzeiten erklärt haben, dass sie damit einverstanden sind. Die Herkunft der Leichen und die Lieferanten müssen zweifelsfrei klar sein. Die Bundesverfassung schützt die Leiche, insbesondere durch den Artikel zur Menschenwürde. Ausserdem gibt es grundsätzlich ein Handelsverbot von Leichen und Leichenteilen. Obwohl neben nationalen auch europäische und internationale Normen gelten, ist der Umgang mit Leichen allerdings nicht abschliessend geregelt. Offen ist insbesondere die juristische Frage nach der Eigentumsfähigkeit und Herrenlosigkeit von Leichen - also die Frage, wer über eine Leiche, vor allem aus vergangenen Jahrhunderten, verfügen kann.
Wie ist die Situation im Medizinhistorischen Museum der Universität Zürich?
Bei historischen Leichenteilen ist eine Einverständniserklärung natürlich nicht möglich, zwingend aber die Anonymisierung. Wir besitzen einen beachtlichen Bestand an Leichen und Leichenteilen, zum Beispiel Ganzkörper-Präparate oder auch in Formalin eingelegte Gewebeteile, die aber sehr zurückhaltend in der ständigen Ausstellung gezeigt werden. Die Präparate aus dem 20. Jahrhundert stammen aus den Beständen von anatomischen und pathologischen Abteilungen von Schweizer Kliniken. Problematische Leichenteile - etwa aus dem Ausland – dürfte es bei uns kaum geben.
Hierzulande gibt es Privatpersonen, die zwar keine Leichenteile à la von Hagens, aber stattdessen Schrumpfköpfe zu Hause haben. Was ist davon zu halten?
Diese Leute haben wohl Freude am Makabren, aber der Erwerb solcher Schrumpfköpfe ist illegal. Im Medizinhistorischen Museum besitzen wir keine Schrumpfköpfe. Der Museumsgründer war Arzt und wollte so etwas nicht.
Zurück zu Gunther von Hagens: Was halten Sie als Medizinhistoriker von seiner Ausstellung «Körperwelten»?
Interessant ist, dass von Hagens in seinen Leichenschauen teilweise an medizinhistorische Vorbilder anknüpft. Gerade hier wird es aber wieder fragwürdig, weil der medizinhistorische Kontext nicht ausreichend thematisiert wird. Ich habe von Hagens einmal persönlich getroffen. Wir haben uns begrüsst, mehr nicht. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 21.10.2010, 10:17 Uhr
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18 Kommentare
Die Ausstellung in Basel vor ein paar Jahren war interessant und lehrreich, aber die letzjährliche Ausstellung in Zürich war eine Enttäuschung, Auf alle Fälle werde ich nicht mehr an eine seiner Ausstellungen gehen, denn ich finde er hat die Grenze des guten Geschmacks überschritten ( z.B. das kopulierende Paar mit den komischen Kleidern und Schmuck) Antworten
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