«Der Arme fungiert heute als sozialer Blitzableiter»
Von Barbara Achermann. Aktualisiert am 02.03.2009 3 Kommentare
Armut als Studienobjekt: Historiker Jakob Tanner. (Bild: Keystone)
Zur Person
Jakob Tanner ist ordentlicher Professor für Allgemeine und Schweizer Geschichte der neueren und der neuesten Zeit am Historischen Seminar und an der interfakultären Forschungsstelle für schweizerische Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Universität Zürich. Er war Mitglied der Unabhängigen Expertenkommission Schweiz – Zweiter Weltkrieg («Bergier-Kommission»). Forschungsschwerpunkte sind u. a. Finanz- und Sozialgeschichte des Zweiten Weltkriegs, Wissenschaftsgeschichte, Geschichte der Konsumkultur.
Jakob Tanner: «Der Kampf gegen die Armut: Erfahrungen und Deutungen aus historischer Sicht», in: Ursula Renz/Barbara Bleisch (Hg.), «Zu wenig. Dimensionen der Armut», Zürich 2007.
Arme und Reiche hat es immer gegeben. Heute genauso wie im Mittelalter. Das sagt der Volksmund. Was sagt der Historiker?
Tatsächlich gab es schon immer soziale Ungleichheiten. Die materiellen Ressourcen und Lebenschancen waren und sind ungleich verteilt. Doch die Bedeutung von Armut hat sich sehr stark verändert. Im Mittelalter und in den Ständegesellschaften der Frühen Neuzeit wurde die Sozialhierarchie als Ausdruck einer göttlichen Ordnung gewertet. Jeder Mensch – ob nun bodenbesitzender Adeliger oder armer Bauer – hatte hier seinen festen Platz. Zu den Armen gehörten alle, die arbeiten mussten. Die Reichen übten Herrscherfunktionen aus und arbeiteten nicht. Die Meinung, die Spaltung der Gesellschaft in Arme und Reiche sei unveränderbar, wird auch heute vertreten. Ich teile sie nicht.
Wann wurde diese Gesellschaftsordnung erstmals infrage gestellt? Wann begann die eigentliche Bekämpfung der Armut?
Mit der Aufklärung im 18. Jahrhundert. Wichtige Autoren wie Thomas Paine und Condorcet skandalisierten die Armut. Und die Französische Revolution, die aus dem aufklärerischen Impetus hervorging, proklamierte «Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit». Seither gibt es Bewegungen, die soziale Ungleichheit als Unrecht brandmarken. Dazu gehört die Arbeiterbewegung, aber auch die Frauenbewegung, die gegen die patriarchale «Brüderlichkeit» ankämpfte. Hier wird eine Haltung vertreten, welche die Aussage «Arme und Reiche hat es schon immer gegeben» als Legitimationsideologie zurückweist.
In Ihren Publikationen unterscheiden Sie zwei Typen Arme: Dem sich schämenden Armen steht der frech fordernde Faule gegenüber. Wie sind diese Stereotype entstanden?
Die Unterscheidung von moralisch einwandfreien Armen und frechen oder «starcken» Bettlern wurde durch die Herrschaftsträger der Frühen Neuzeit eingeführt. Der soziale Strukturwandel lief damals darauf hinaus, dass immer mehr Leute materiell notleidend wurden. So gab es auch mehr Arme. Die Herrschaftsträger sortierten die unverschämten Armen aus und veranstalteten regelrechte Bettlerjagden gegen diese Problempopulation. Auch heute gibt es die Tendenz, Arme auseinanderzudividieren und anständige «soziale Bedürftige» von «Sozialschmarotzern» sowie «Scheininvaliden» zu unterscheiden.
Auch beim Reichen unterscheiden Sie zwei gegensätzliche Stereotype: den obszön protzenden Neureichen und den grosszügigen Mäzen.
Reichtum ist ein ebenso schillernder Begriff wie Armut. Der Soziologe Max Weber beschreibt 1904 in «Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus» den Idealtyp eines vermögenden Bürgers, der aufgrund seiner asketischen Lebenseinstellung viel investiert und damit die Kapitalbildung vorantreibt. Diese These ist umstritten; es gibt auch Länder wie Belgien, wo es die Katholiken waren, welche die Industrialisierung finanzierten und dies als «gutes Werk» verstanden. Im 19. und 20. Jahrhundert gab es eine steigende Zahl von Schwerreichen, die wohltätige Stiftungen, Museen oder Forschungsförderungseinrichtungen gründeten. Die soziale Kontrastfigur zu diesem «guten Mäzen» bildet der obszöne Neureiche. Protzende Parvenüs, die ihr Selbstwertgefühl aus der unverhohlenen Zurschaustellung von konsumtiven Machtsymbolen beziehen, geben eine dankbare Zielscheibe für moralische Kritik ab.
Zu dieser Gruppe gehören auch die medial präsenten Investment-Banker.
Ja. Es gibt all diese Geschichten von diesen smarten Herren, denen kein Champagner zu teuer ist.
Der aktuelle Fall UBS zeigt: Dieser Bankertyp hat inzwischen durch umstrittene Boni-Bezüge in der öffentlichen Wahrnehmung auch Ähnlichkeiten mit dem sozial schmarotzenden Armen. Beiden wird vorgeworfen, sich auf Kosten des Staates unrechtmässig zu bereichern.
Ich empfinde gegenüber solchen Wertungen ein Unbehagen. Ich halte es eher mit Adam Smith, der schon 1776 in seinem berühmten Werk über den «Wohlstand der Nationen» persönliche Schuldzuweisungen kritisierte. Das Problem – so Smith – sei das «Herrschaftssystem» und nicht der Charakter derjenigen, die darin handeln. Wenn man es zulässt, dass clevere Investment-Banker vor dem Crash mit einem goldenen Fallschirm abspringen können, darf man sich nicht wundern, wenn diese Sportart aufblüht. Mit dem Erklärungsmodell «böse Menschen, böse Taten» kommt man generell nicht weiter. Vielmehr ist die Politik verantwortlich. Sie muss akzeptable Regeln setzen, falsche Anreizsysteme kritisieren und kriminelle Praktiken effizient ahnden.
Die Kritik sollte sich also vielmehr ans System richten als an eine Gruppe von Menschen. Tatsache ist aber: Der öffentliche Diskurs macht sich vor allem an den Personen fest.
Komplexe Zusammenhänge sind schwer zu vermitteln. In den Massenmedien dominiert mehr denn je die Personalisierung. Man will Köpfe und diese allenfalls auch rollen sehen. Natürlich muss man an persönliche Verantwortung appellieren, aber die Psychologisierung der Probleme führt nicht weiter.
Nimmt die Politik ihre Verantwortung genügend wahr?
Heute ist ein viel ausgeprägterer Wille zur Krisenintervention und zur Zukunftsgestaltung da als in der grossen Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre. Damals war die Politik während Jahren unfähig zu koordinierten und angemessenen Massnahmen, sodass die globalen Märkte weitgehend zusammenbrachen. Heute fühlen sich Regierungen verantwortlich, doch gerade der Fall der Schweiz zeigt, welche Probleme dabei auftreten können. Man denke an das Notverordnungsrecht, das beim UBS-Rettungspaket zur Anwendung kam, oder an den jüngsten Salto mortale bei der Preisgabe des Bankgeheimnisses.
Im Gegensatz zum gierigen Banker ist der grosszügige Mäzen beliebt. Ganz besonders in Basel. Was für eine Rolle spielt er im gesellschaftlichen Gefüge?
Bevor der moderne Steuer- und Interventionsstaat die Kultur zu fördern begann, engagierten sich Einzelpersonen in diesem Feld. Der Prototyp des Mäzens ist der Amerikaner John D. Rockefeller, der im ausgehenden 19. Jahrhundert mit Standard Oil gigantisch reich wurde und der die University of Chicago, ein medizinisches Forschungsinstitut, die Rockefeller Foundation und ein Archäologiemuseum gründete. Sein Enkel Laurence Rockefeller setzte sein Vermögen für Naturschutz ein und glaubte an UFOs. Das sind Leute, die durchaus auch religiöse Motive haben und die noch im Diesseits was Gutes tun wollen.
Sind diese Mäzene rein positive Gestalten, haben sie nicht häufig auch eine Schattenseite?
Gerade der Fall Zürich macht deutlich, dass die edlen Spender auch zwiespältige Figuren sein können, wie Emil G. Bührle. Gegen heftige Widerstände gelang es ihm in den beginnenden 1950er-Jahren, mit seinen Kriegsgewinnen den Neubau des Kunsthauses zu stiften und später sein privates Museum zu gründen. Oder Baron von der Heydt, der Besitzer des «Monte Verità», der nicht nur aufgrund seiner Mitgliedschaft in der NSDAP und bei den Frontisten umstritten war. 1946 legte er mit der Schenkung eines Grossteils seiner ostasiatischen Sammlung den Grundstock fürs Zürcher Rietberg Museum.
Und wie verhält es sich mit dem modernen Sponsoring im Verhältnis zum Mäzenatentum?
Interessant zu beobachten ist auch, dass seit einigen Jahrzehnten ein schleichender Übergang vom Mäzenatentum zum Sponsoring stattfindet. Ein ökonomisches Kalkül tritt in den Vordergrund. Man sucht den kommerziellen Zusatznutzen durch die emotionale Aufrüstung der Corporate Identity oder der eigenen Marke.
Sie schreiben, dass die Reichen vor allem im 12. und 13. Jahrhundert gern und viel spendeten, weil sie sich dadurch eine Belohnung im Jenseits erhofften. Armut wurde als Nachahmung des Lebens Christi verehrt. Das Verhältnis zwischen Arm und Reich erscheint geradezu als harmonisch.
Diese Harmonie ergab sich aus den Mentalitäten. Im Mittelalter wurden die Begüterten mit einer starken Hypothek belastet, denn es geht ja nach der Bibel eher ein Kamel durch ein Nadelöhr als ein Reicher in den Himmel. Die Kirche macht sich dieses schlechte Gewissen zunutze, indem sie einen Vermögenstransfer anregte, der es den Reichen ermöglichte, sich bessere Perspektiven im Jenseits zu erkaufen. Gleichzeitig spendeten diese Reichen für die Armen, die diese Unterstützung bitter nötig hatten und die dafür im Gegenzug für die Spender beteten. Das ist ein symbolisch-materieller Tausch, in dem beide Seiten aufeinander angewiesen sind. Die Armut war in dieser Funktion völlig respektiert.
Weshalb wandelte sich die positive Einstellung gegenüber den Armen?
Für die katholische Kirche, die ihre Macht in sinnlicher Prunkentfaltung zelebrierte, wurden Bettelmönche, die durchs Land zogen und Besitzlosigkeit als absolutes Ideal pflegten, zum Problem. Es kommt zum sogenannten Armutsstreit, im Gefolge dessen Papst Johann XXII. im Jahre 1317 die Franziskaner-Spiritualen, die den Besitz eines Klosters ablehnen, verfolgte und einige von ihnen verbrannte. In dieser Zeit baute sich der breite Widerstand der Herrschaftsträger gegen die unverschämten Bettler auf, der dann in der Frühen Neuzeit zu einem umfassenden polizeilichen Dispositiv ausgebaut wurde.
Was damals die frechen Bettler waren, die sich scheinbar willentlich als Bedürftige verstellen, sind heute die sogenannten «Scheininvaliden» und «Sozialschmarotzer».
Man muss sich vor historischen Kurzschlüssen hüten, aber es gibt in diesem Rollenrepertoire durchaus Kontinuitäten. In der modernen Industriegesellschaft sind – im Gegensatz zu früheren Zeiten – jene arm, die keine Arbeit haben oder deren Arbeit nicht ausreichend entlöhnt wird, die Working Poor. Der unverschämte Arme fungiert aber auch heute als sozialer Blitzableiter. Er zieht enorme Abwehrenergien auf sich, bis hin zu Hassgefühlen. Diese medial verstärkten Emotionen werden dann von nationalistischen und programmschwachen Parteien bewirtschaftet. So fordern populistische Politiker bei Sozialversicherungsbetrügern eine Zero-Toleranz. Das Bankgeheimnis hingegen behindert, obwohl das rechtlich nicht sein dürfte, die Aufklärung von Steuerbetrug. Und wenn es um Steuerhinterziehung in Milliardenhöhe geht, wird der Schutz bürgerlicher Freiheitsrechte vor der Staatsgewalt bemüht.
Weshalb ist man Ihrer Meinung nach Steuerhinterziehern gegenüber so viel toleranter als Leuten, die bei der Sozialhilfe schummeln?
Das sind politische Strategien, welche die Reichen noch reicher machen. Die Lage ist aber nicht aussichtslos. Die Erfahrung und auch neue Forschungsergebnisse zeigen, dass die Annahme, der Mensch sei grundsätzlich egoistisch, nicht stimmt. In Zürich wurde gerade eine Initiative angenommen, welche die bisher praktizierte Pauschalbesteuerung reicher Ausländer verbietet. Darin drückt sich – wie auch schon in früheren Abstimmungsresultaten über Steuervorlagen – die Meinung aus, dass eine Gesellschaft auf ein Mindestmass an Gerechtigkeit angewiesen ist, um funktionieren zu können. (Basler Zeitung)
Erstellt: 02.03.2009, 10:18 Uhr
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3 Kommentare
Richtig, die Politik muss akzeptable Regeln setzen. Aber um die durchsetzten zu können muss dennoch der eint oder andere Kopf rollen. Leider nützt eine Regel erst dann, wenn einem anschaulich vor Augen geführt wird was für Konsequenzen deren Nichteinhaltung nach sich zeihen kann. Antworten
Ein sehr gutes Interview. Schöne Klarheit hat der Mann. Würde manchem gut tun, diese Zeilen zu lesen. Einmal mehr besticht die Basler Zeitung durch gute Artikel, als Ostschweizer wird man da fast neidisch... Kameras auf allen Plätzen und öffentlichen Orten, aber nur ja nicht auf dem Bankkonto, obwohl es da um Millionenbetrug geht, das ist doch moralische Schizophrenie Antworten
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