Der Mann, der fünf Spitäler auf den Schultern trägt

Beat Richner tritt am Dienstag in Zürich auf, um Geld für sein Lebenswerk zu sammeln. Bald wird er 70, doch eine Entlastung ist nicht abzusehen.

25 Jahre Kambodscha habe seine Psyche verändert: Kinderarzt Richner.

25 Jahre Kambodscha habe seine Psyche verändert: Kinderarzt Richner. Bild: Dominique Meienberg

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Er sei kein Idealist, sagt Beat Richner, berühmtester Kinderarzt des Landes und «Schweizer des Jahres 2002». Jener Mann also, der seit 1992 in Kambodscha fünf Spitäler gebaut hat. Der sowohl seinen Cellisten-Platz im Orchestergraben der Oper Zürich als auch eine Praxis am Zürichberg aufgegeben hat. Der Luxus und Freizeit kaum kennt, der seine Freunde fast nie sieht, der keine Familie hat – dafür immer sehr viel Not mit unzuverlässigen Spendern und korrupten Beamten, mit unwissenden Westlern und armen Patienten, mit kaputten Geräten und schwülen Temperaturen.

Derzeit verbringt Richner wieder eine Woche in seiner Geburtsstadt Zürich; am Dienstagabend spielt er Cello im Circus Knie, um Geld für die Stiftung zu sammeln. Er stehe weder links noch rechts, sei kein Kommunist und kein Paternalist, kein Buddhist und auch kein Christ. Und eben, Idealismus brauche er gar nicht, sagt Richner. «Wenn man ein Kind retten kann, dann muss man es retten. Das ist eine simple Entscheidung. Darüber muss man nicht gross nachdenken, dafür brauchts keine Theorien.»

Die Frage, was ihn antreibt, erscheint ihm überflüssig – als Verschwendung der kostbaren Zeit, in der es Spenden zu sammeln gilt. Im Oktober will Richner eine zusätzliche Geburtsklinik eröffnen. «Heute müssen die Frauen auf Bodenmatten gebären. Das ist kein Zustand.»

Abhängig von der Hausfrau aus Rüschlikon

Doch Richners Budget ist wacklig wie eine Hängebrücke über den Mekong. 40 Millionen Franken kosten seine Spitäler heute jährlich; nur je 4 Millionen steuern das klamme Kambodscha und das vorsichtige eidgenössische Aussendepartement bei.

Der Rest ist Spendengeld: Über 30 Millionen werden jährlich von Schweizer Haushalten und Firmen überwiesen. Sie sind Richners wichtigste und treuste Klientel.

Es ist keine Sentimentalität, die Richner zurück in die Schweiz treibt, sondern das Postkonto 80-60699-1. Deshalb tourt er weiterhin als Cello spielender Wanderprediger namens Beatocello durchs Land, um den Schweizern die Bedeutung seines Lebenswerks einzutrichtern. Kantha Bopha I–IV und Javarman VII sind am Ende, wenn die Hausfrau aus Rüschlikon oder der Erbe aus Stäfa das Interesse verlieren.

Starr, stur, unelegant

Ob im persönlichen Gespräch oder in der gut gefüllten Kirche von Einsiedeln, wo er am letzten Sonntag aufgetreten ist: Unverdrossen repetiert Richner die immer gleichen Zahlen und Sätze. «Wir retten jährlich 100'000 kambodschanische Kinder vor dem Tod.» – «In unseren Geburtsabteilungen kommen täglich 60 Kinder zur Welt.» – «Die Mortalitätsrate in unseren Spitälern sank seit 1995 von 6,5 auf 0,3 Prozent.» Seine Rede ist starr, stur, unelegant. Während seiner Intermezzi auf dem Cello bläst er angestrengt die Backen auf.

Richners Schicksal erinnert an die Sage des antiken Titanen Atlas, den Zeus unerwartet mit der Stützung des Himmelsgewölbes beauftragt hatte. Atlas wollte den Himmel lieber nicht tragen, Beat Richner hat sich Kantha Bopha nicht ausgesucht. Aushalten müssen sie beide.

Es war ein grosser Zufall, der Beat Richner zur kambodschanischen Berühmtheit machte: 1991 hatte ihn in Paris ein Exil-Kambodschaner mit seinem König bekannt gemacht. Norodom Sihanouk war nach dem Leukämietod seiner Tochter Kantha Bopha beseelt davon, das Gesundheitssystem seines Landes zu verbessern. Kinderarzt Richner schien dafür der richtige Mann zu sein. Richner hatte bereits 1975 in Kambodscha gearbeitet, das Land dann aber wegen des Terrors der Roten Khmer verlassen müssen.

«Obligation», nicht «Verpflichtung»

«Wenn ich gewusst hätte, was alles auf mich zukommen würde, hätte ich es wohl nicht gemacht», sagt Richner. Wegen dieser «Obligation» müsse er nun halt in Kambodscha bleiben. Er sagt «Obligation», nicht «Verpflichtung»; vermeiden will Richner jeden Eindruck des Missionarischen, Ideologischen.

Der Kinderarzt wirkt beeindruckend robust, das Ende seiner Ära ist aber dennoch abzusehen. Bald wird Richner 70 Jahre alt. Wer ihm die Leitung der Spitäler abnehmen und das brillante Fundraising fortführen soll, ist unklar. Trotz Armut und Korruption denkt Richner an eine inländische Lösung. «Ich hoffe, dass Kambodscha die Finanzierung übernehmen kann.»

Vom reichen Westen erwartet er dagegen nichts Gutes. Die Vereinten Nationen kritisiert er scharf: «Die UNO schreibt vor, dass Patienten für die Behandlung selber zahlen müssen. Bei uns jedoch werden die Kinder gratis behandelt. Deshalb unterstützt sie uns nicht.» Bei Epidemien helfe sie nur dann, wenn die grossen Geberstaaten bedroht seien: «Die UNO betreibt eine faschistoide Gesundheitspolitik zum Schutz des Westens.» Und die offizielle Schweiz erscheint ihm lethargisch, ihr Engagement sei blosser Durchschnitt.

Die Oper erträgt er nicht mehr

Es ist zweifelhaft, ob Richner sich noch von seiner Verantwortung für Kantha Bopha lösen und, wie erhofft, den Lebensabend an der Limmat verbringen kann. Fraglich ist auch, ob er hier überhaupt zur Ruhe käme. Denn das Vierteljahrhundert in Kambodscha hat seine Weltsicht radikal verkehrt, seine Psyche umgepflügt. Einst als Lehrersohn und Medizinstudent ein musterhafter Spross des Bildungsbürgertums, fremdelt er heute mit Zürich. Die Oper erträgt er nicht mehr. Sie wirke verlogen auf ihn, als unnötiger Luxus. «Nicht einmal Mozart kann ich mehr hören.»

Auch die Uni, wo er 1968 ein bekannter Studentenpolitiker gewesen ist, kann er nicht mehr besuchen, ebenso wenig das Elternhaus oder seine alte Praxis. «Wenn ich mich in Zürich zu sehr umschaue, bekomme ich eine Ahnung davon, wie mein Leben auch noch hätte verlaufen können», sagt Richner. Solche Gedanken könne er nicht gebrauchen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 11.05.2015, 21:00 Uhr)

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