«Der Mensch fällt unters Betäubungsmittelgesetz»

Markus Berger ist Chefredaktor des neuen Magazins «Lucy's Rausch». Ein Gespräch über LSD, Alkohol und pharmakologische Symphonien.

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Herr Berger, wann haben Sie zuletzt Drogen konsumiert?
Vor fünf Minuten, eine Zigarette zum heissen Kaffee. Mischkonsum also. Ausserdem bin ich glücklicherweise im Besitz einer Ausnahmegenehmigung zum Gebrauch von medizinischem Cannabis aus der Apotheke. Das nehme ich normalerweise jeden Tag zu mir.

Sie schreiben über x-verschiedene Drogen. Haben Sie alle ausprobiert?
Ja, soweit das möglich war.

Wieso nehmen Sie Drogen?
Das hängt von der Situation und der Substanz ab: um zu entspannen, um Spass zu haben, um leistungsfähiger zu sein oder um spirituelle Erweiterung zu erfahren.

Sie schreiben, dass man mit bewusstseinserweiternden Drogen die globalen Probleme besser versteht. Können Sie das mit einem Beispiel erläutern?
Menschen, die zum ersten Mal eine tief gehende psychedelische Erfahrung gemacht haben, hinterfragen typischerweise ihre Lebensumstände. Strukturen, die vorher als selbstverständlich angesehen wurden, erscheinen dann in einem anderen Licht. Wer einmal eine durch Psychedelika induzierte Alleinheitserfahrung gemacht hat, erkennt etwa, dass es töricht ist, gegen andere Lebewesen zu kämpfen.

Das könnte man auch mit Lesen oder Meditieren erreichen.
Lesen ist ein kognitiver Prozess, mit dem Zusammenhänge bloss theoretisch nachvollzogen werden können – es fehlt hier die Erfahrungsebene. Meditieren ist tatsächlich ein Ersatz für Drogen. Die Zusammenhänge und die Tatsache, dass alles eins ist, werden erfahrbar gemacht.

Kann man Erkenntnisse, die im Rausch gemacht wurden, wirklich in den Alltag mitnehmen?
Das ist von Mensch zu Mensch verschieden. Es wäre ja auch seltsam, wenn wir nach einem LSD-Trip alle auf die gleiche Weise denken und fühlen würden. Und natürlich gibt es auch Menschen, die keine tief greifenden Erfahrungen machen.

In der Schweiz, zumal in Zürich, ist Kokain sehr beliebt. Was hält der Psychonaut von dieser Droge?
Es gibt keine guten oder schlechten Drogen. Kokain ist der Inhaltsstoff der Blätter des südamerikanischen Kokastrauchs. Und dieser ist von besonderer psychonautischer Relevanz, es gibt ja zum Beispiel auch den Koka-Schamanismus – der mit dem Kokainmissbrauch der westlichen Staaten nichts zu tun hat.

Bedauern Sie den exzessiven Gebrauch von Drogen, etwa an einer Street-Parade?
Die Masse besteht aus Einzelnen. Jeder muss selber wissen, wie er Drogen einsetzt. Die Leute an der Street-Parade setzen sie offenbar zu rekreativen Zwecken ein. Wieso sollte ich etwas dagegen haben?

Im Grossen und Ganzen: Machen Drogen eher klug oder dumm?
Drogen können allenfalls das verstärken, was da ist. Die meisten Drogen machen weder aus einem Dummkopf einen Intellektuellen, noch auch Letzterem einen Deppen. Mit Ausnahme von anhaltendem, unreflektiertem, exzessivem Drogenkonsum – der kann in der Tat deppert machen. Letztlich läuft es auf Drogenkompetenz hinaus.

Sie fordern ein «Recht auf Rausch» – woraus leiten Sie das ab?
Aus der Selbstbestimmung des mündigen Bürgers. Wer nimmt sich das Recht heraus, uns zu sagen, welche Drogen wir nehmen dürfen und welche nicht? Offiziell heisst es, die Bevölkerung müsse vor gewissen Substanzen – oder gar: vor sich selbst geschützt werden. Aber natürlich geht es da ausschliesslich um wirtschaftliche Gründe. Wollte die Regierung uns schützen oder nur das Beste für alle Lebewesen wollen, müsste man auch Alkohol, Tabak und Unternehmen wie McDonald's und Co. verbieten.

Sie bestreiten, dass Drogen schädlich sind?
Was ist bitte schön nicht schädlich? Es kommt auf den richtigen Gebrauch einer Substanz an. Der falsche Umgang mit Wasser kann auch schädlich sein. Man kann darin ertrinken, man kann zu wenig oder zu viel davon trinken. Deshalb lernen schon Kinder den richtigen Umgang damit.

Was heisst das für den Umgang mit Drogen?
Wie beim Alkohol sollte dieser für Jugendliche verboten sein. Erwachsene aber sollten konsumieren können, was sie wollen. Wenn also jemand aus freien Stücken zum Beispiel mit Heroin alt werden will – und das ist mit reinem Heroin durchaus möglich –, soll er das tun können, solange er damit niemand anderen schädigt oder beeinträchtigt.

Wo soll er das Heroin denn kaufen?
In spezialisierten Fachgeschäften zum Beispiel. Die Apotheke wäre so eines.

Wenn Drogen legal wären, hätten nicht gerade die Jungen das Gefühl, sie seien harmlos?
Das ist eine Frage der richtigen Aufklärung. Die Jungen suchen den Rausch, man muss ihnen also rechtzeitig Drogenkompetenz beibringen. Man sollte sich an der Realität und am Stand der Wissenschaft orientieren, an den Erfahrungen von Drogenkonsumenten – anstatt die Fakten totzuschweigen oder gar Lügen zu erzählen. Dann würden die Jungen nicht bloss das Konsumverhalten der Eltern oder der Freunde kopieren. Doch die Situation verbessert sich. Cannabis ist in verschiedenen Ländern auf dem Weg zur Legalisierung, weltweit werden wieder klinische LSD-Studien angestossen. Die Psychonautik wird allmählich gesellschaftsfähig.

Würden Sie Ihren Kindern wirklich beibringen, dass sauberes Heroin okay ist?
Ich habe meinen Kindern zumindest keine Märchen erzählt, die sie mithilfe einfacher Recherchen entlarvt und widerlegt hätten.

Viele Drogen weisen ein beträchtliches Suchtpotenzial auf.
Die allerwenigsten Menschen, die zum Beispiel Alkohol trinken, haben eine Suchtproblematik entwickelt. Es sind immer nur wenige Prozent, die damit Schwierigkeiten bekommen. Und die wird es immer geben. Das wäre auch bei einer Drogenliberalisierung der Fall. Doch was ist mit den anderen, die ihre bevorzugte Droge kontrolliert und in vernünftigem Rahmen einnehmen? Durch die Prohibition ist im Zusammenhang mit Drogen nur von Negativbeispielen zu hören.

Müsste denn nicht eine Gesellschaft ohne Drogen, auch ohne Alkohol, das Ziel sein?
Das ist absurd. Unser Körper und unser Geist funktionieren von Natur aus ausschliesslich mit psychoaktiven Substanzen: unsere Gefühle und Stimmungen, unser Schlafbedürfnis und Hungergefühl, unser Fortpflanzungstrieb und so weiter. Diese grundlegenden menschlichen Eigenschaften und Bedürfnisse basieren komplett auf dem Zusammenspiel unserer körpereigenen Drogen. Der Mensch drängt quasi dazu, diese von aussen zu einer pharmakologischen Symphonie zu perfektionieren. Oder aber, ein Ungleichgewicht auszugleichen. Zudem hat es noch keine Gesellschaft gegeben, die keine psychoaktiven Substanzen gebraucht hat.

Was ist mit Menschen, die keine Drogen nehmen? Haben die eine angeborene perfekte pharmakologische Symphonie?
Alle Menschen beeinflussen sich pharmakologisch. Ich kenne Leute, die sagen, dass sie nie im Leben Drogen nehmen würden. Dafür rennen sie Marathons oder radeln oder arbeiten wie verrückt – und produzieren so körpereigene Drogen, die notabene zu einem guten Teil auf dem Index stehen. Das muss man sich mal vorstellen: Im Grunde fällt der Mensch an sich unter das Betäubungsmittelgesetz. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 28.09.2015, 13:46 Uhr)

Der 1974 in Kassel geborene Markus Berger ist Ethnobotaniker und Drogenforscher sowie Chefredaktor des neuen Schweizer Magazins «Lucy’s Rausch». In Berlin hat er einen Fachkongress zur wissenschaftlichen Psychonautik gegründet. Den Psychonauten, zu denen sich auch der LSD-Erfinder Albert Hofmann oder der Schriftsteller Ernst Jünger zählten, geht es um das Erforschen der eigenen Psyche und des eigenen Unbewussten mit Hilfe von Meditation, Yoga oder psychotropen Substanzen. Berger hat zudem diverse Bücher herausgebracht – unter anderem «Psychoaktive Kakteen» und «Handbuch für den Drogennotfall».

«Lucy’s Rausch» erscheint zweimal pro Jahr im Solothurner Nachtschattenverlag. Das «Gesellschaftsmagazin für psychoaktive Zustände» versteht sich als Wegweiser auf dem Pfad der Psychonautik. Zum Thema bietet das Heft zum Preis von 18.50 Fr. Artikel, Interviews und Cartoons. Auch Hinweise auf Symposien, Neuerscheinungen oder Konzerte und Ausstellungen gehören zum Konzept. (phz)

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