Der Selbstverschwender ist nicht mehr
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Christoph Schlingensief ist tot. Unser Christoph Schlingensief ist tot. Und als er starb, vorgestern Samstag, da war der Himmel wolkenlos und blau und stand weit offen für den Mann, der niemals sterben wollte und der nach zweieinhalb Jahren doch aufgeben musste gegen den Lungenkrebs. Er hinterlässt seine Mutter und seine Frau Aino, die ihm Heimat war und Stütze in den schlimmen letzten Jahren. Die beiden haben vor einem Jahr geheiratet, auch im August, auf einem Schloss in der Mark Brandenburg. Immer wieder hat er sich Vorwürfe gemacht, dass seine Krankheit für sie eine zu grosse Zumutung sei, und im zweitletzten Eintrag seines Blogs vom 8. Juli heisst es: «Denn das Wichtigste ist eigentlich: Denke an die anderen, die dich ertragen müssen. Die haben mehr Hölle auf Erden, als erlaubt ist.»
Er hätte gerne noch mindestens ein Kind gezeugt, ein weiteres Buch geschrieben, im Herbst ein Stück für die Ruhrtriennale und eine Oper in Berlin inszeniert, den deutschen Pavillon an der Biennale in Venedig 2011 kuratiert und in Burkina Faso sein monumentales «Operndorf» aufgebaut. Zu all dem hat ihm die Krankheit nun keine Zeit mehr gelassen.
Die ständige Überforderung
In Zürich war er oft zu Gast, zum letzten Mal im vergangenen Dezember, seine Frau arbeitete am Schauspielhaus als Kostümbildnerin für René Polleschs «Calvinismus Klein». Er selbst inszenierte im Neumarkt für drei Abende den Sterbe-Essay «Sterben lernen! Herr Andersen stirbt in 60 Minuten». Er liess sich da, als sterbender König verkleidet, vom Neumarkt auf die Bühne des Schauspielhauses tragen, ins Finale von «Calvinismus Klein» hinein, und nahm dort Abschied von seinen Freunden auf der Bühne und von uns. Er wirkte sehr zerbrechlich damals und musste sich alle paar Schritte wieder setzen, aber er strahlte und war glücklich. Nur die Frage «Wie geht es dir?» ignorierte er mit einer leichten Verärgerung.
Christoph Schlingensief war ein Exhibitionist bis zuletzt, seine Krankheit wurde zu seinem letzten Bühnenritual, seinem Abschiedsgottesdienst. Am schönsten zelebrierte er dies in seiner Arbeit «Kirche der Angst vor dem Fremden in mir». Und mit einem zugleich kindlichen und okkulten Hang zum Katholizismus in seinem Krebstagebuch «So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein!» (2009). Doch er war in all seinem Ichtum und Siechtum nicht eitel, sondern einer, der sich immer selbst verschwendet hat ans Theater, ans Publikum, an seine Missionen und Visionen, der sich selbst auflöste und am liebsten alle und sich selbst einer ständigen intellektuellen Überforderung preisgab.
Die grossen Freundinnen
Und dabei wusste er wie kaum ein anderer um die magischen Möglichkeiten einer Theaterbühne, er konnte mitten in so einem Überforderungsprogramm rühren, bezaubern und verblüffen, er liess das Spektakel los, und alle kamen. Die Zürcher liebten 2001 seinen grossen «Hamlet», den er schamlos mit Neonazis und Rammstein-Ästhetik garnierte. Sein Versuch, die Neonazis über die Teilnahme an einem Kunstprojekt zu läutern, schlug fehl, und auch die SVP, zu deren Abschaffung er damals aufrief, gibt es immer noch. Aber er hat sie wenigstens versucht, die Einflussnahme der Kunst auf die Politik, und wer tut das heute noch? Er wollte ja auch einmal Helmut Kohl töten, er kämpfte 2000 in Wien gegen die Abschiebung von Asylbewerbern, er lobbyierte in Zürich für seine eigene Partei «Chance 2000».
Logisch, dass er selbst immer dabei war, Teil des Spektakels war, sich auf der Bühne alles abverlangte, in seinen Anfängen meist zu viel, in allzu langen Monologen und Rasereien. Dann wurde er immer präziser in seinem dramaturgischen Können, und seine Abende wurden immer noch populärer. Bis er schliesslich das Burgtheater rockte mit Elfriede Jelineks «Bambiland» (2003) und dann Bayreuth mit seinem «Parsifal» (2004), seiner ersten Oper und zugleich seinem Schicksal, wie er damals – Jahre vor der ersten Krebsdiagnose – überzeugt war. Ein Stück Arbeit so übermächtig, mit so viel bösem Ballast beladen, dass er sagte, wegen ihr würde er noch an Krebs erkranken. Es kann so gewesen sein.
Der «Parsifal» war es dann auch, der ihm, dem immer schon viele Frauen und immer schon viele Jünger und Jüngerinnen gefolgt waren, seine prominenteste Gefolgschaft brachte: «Die Zeit» hatte Patti Smith nach Bayreuth geschickt, um über den «Parsifal» zu berichten, Schlingensief begegnete der grossen Rocklegende, und sie beschloss, von nun an ihn anstatt den Dalai Lama als Guru zu adoptieren. Fortan zogen die beiden mit gemeinsamen Kunstaktionen und Podiumsauftritten durch die Welt.
Man hat sich sehr geliebt
Es hatte schon einmal so eine Begegnung zwischen Schlingensief und einer grossen Frau gegeben, es war Mitte der 80er-Jahre in Berlin, Christoph Schlingensief sah sich an der Berlinale einer weisshäutigen, rotblonden Schottin gegenüber und sagte sich: «Die will ich haben.» Sie hiess Tilda Swinton. Beide haben in den letzten Jahren die Frage, wie es denn miteinander war, unabhängig voneinander gleich beantwortet. Man habe sich «sehr geliebt», aber, sagte er, «dieses düstere, grosse Schloss in Schottland und diese Familie» sei für ihn, den Apothekersohn, Ministranten und Rebellen aus Oberhausen, einfach «zu viel gewesen».
Er, der damals noch kein überlebensgrosser Theaterregisseur, sondern Kunststudent und Experimentalfilmer war, entschied sich gegen das Schlossherrendasein und für einen schlichten Brotjob: Christoph Schlingensief wurde zum ersten Aufnahmeleiter der «Lindenstrasse». Aber immerhin kam es zu einem gemeinsamen Film, an der Seite von Udo Kier rannte Tilda Swinton durch das flammende Inferno von Schlingensiefs «Egomania» (1986). Und im eiskalten Februar 2010, als ganz Berlin eine Gletscherlandschaft war, da arbeiteten Tilda und Christoph ein letztes Mal zusammen – in der Jury der Berlinale.
Abschied vom «Stöffelchen»
Es gibt Menschen, die sagen, er sei der Grösste gewesen, den die deutschsprachige Theaterwelt seit langem und sicher noch für lange Zeit erlebt habe. Sie dürften recht haben. Er war der Mutigste, der Einfallsreichste und Bedingungsloseste. Er war zu Lebzeiten einzigartig und ist jetzt unersetzlich. Und es gibt Menschen, die sagen, er werde im Himmel – wenn es denn einen gibt – bei den ganz Grossen sitzen, vorzugsweise bei Shakespeare. Es wäre ein guter Platz für Christoph Schlingensief, der sich selbst so gerne «Stöffelchen» nannte und Vaterfiguren bewunderte. Und natürlich ist er mit 49 Jahren zu früh gestorben. Doch selbst mit 89 wärs für einen wie ihn noch viel zu früh gewesen. Die Trauer um ihn, die ist unermesslich. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 23.08.2010, 07:36 Uhr
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