Der Sound, der zum Shopping verführt
Von Susanne Kübler. Aktualisiert am 02.12.2010 7 Kommentare
Muzak ist am Ende: Die Geschichte der Warenhausmusik
In der Liste der Erfindungen, die den Alltag im vergangenen Jahrhundert geprägt haben, steht Muzak ziemlich weit oben. Zu verantworten hatte sie der US-General George Owen Squier, der bereits 1922 die Firma Wired Radio gründete mit dem Zweck, Musikprogramme für Warenhäuser und Hotels zu produzieren. Der grosse Erfolg kam 1934, als ihm der Name Kodak so gut gefiel, dass er seine Firma in Muzak umtaufte. Und Muzak bezeichnete fortan nicht nur eine Geschäftsidee, sondern einen musikalischen Stil oder genauer: einen Nichtstil.
Muzak ist sozusagen Musik ohne Musik. Also ohne dynamische Unterschiede, ohne extreme Frequenzen, ohne Dissonanzen, ohne Entwicklung. Das Tempo ist immer ungefähr gleich, nämlich dem menschlichen Puls entsprechend, und gesungen wird nie, weil Stimmen zu sehr ablenken würden. Muzak nervt nicht und gefällt nicht, es tönt einfach.
Ausgleichend sollte dieser Sound wirken, und er tat es auch, jahrzehntelang. Die Menschen kauften mehr dank Muzak, die Arbeiter in den Muzak-berieselten Fabriken murrten nicht, selbst das Vieh ging entspannt zur Schlachtbank, wie das firmeninterne Bulletin vermeldete. Der Berner Musiker und Schriftsteller Urs Frauchiger griff das 1985 in einem zornigen Aufsatz mit dem Titel «Die Hinrichtung der Sinne» auf.
Der Dirigent Leonard Bernstein hatte schon 1962 vor der Erziehung zum Weghören gewarnt. Und mit ihnen warfen viele andere den Erfindern von Muzak Zynismus und Menschenfeindlichkeit vor.
Aber es waren nicht diese Kritiker, die Muzak bodigten, sondern eine Veränderung der Jugendkultur. Spätestens ab den 70er-Jahren definierte man sich über musikalische Stile; da war diese Nichtmusik rasch out. Die Firma Muzak hat sich der Entwicklung angepasst, aber im Februar 2009 musste sie schliesslich Konkurs anmelden. Da war der Muzak-Sound längst aus den Warenhäusern verschwunden – und in etwas anderer Form in Lounges heimisch geworden.(suk)
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Die Jeans klemmt, aber der Sound sitzt im Jamarico am Zürcher Helvetiaplatz. Es läuft Gitarrenrock von Steve Wynn, die Stimme ist ziemlich stonewashed, und im Plattengeschäft im oberen Stock erhält man auf Nachfrage gleich noch eine Kurzfassung von Wynns Biografie erzählt. Musik ist hier mehr als Berieselung, schliesslich war sie zuerst da, noch vor den Kleidern. Was aus den Boxen kommt, ist ein Statement, Ausdruck einer persönlichen Liebhaberei – und damit eine absolute Ausnahme im Shopping-Zürich.
Denn immer mehr Geschäfte beziehen ihre Musikprogramme von Profis. Von Alexander Dal Farras 2004 im bernischen Kehrsatz gegründeter Firma DMD2 etwa, die mittlerweile rund 400 Läden und 80 Hotels über Internetstreams beschallt. Nicht mit «Düdeldü-Musik», wie Dal Farra sagt, «wir haben durchaus einen künstlerischen Anspruch». Manche Kunden schätzen das, für sie stellen die DMD2-Musikexperten massgeschneiderte Programme zusammen, die zum Brand passen.
Es funktioniert – vielleicht
Andere wiederum wollen einfach guten Sound und ansonsten nichts mit der Sache zu tun haben: nichts mit der Auswahl der Stücke, nichts mit der Abgeltung von Urheberrechten. Für sie mixt man Standardchannels in verschiedenen Stilrichtungen, die Aktualisierung des Repertoires geschieht automatisch.
So oder so, Musik ist (fast) überall, weil man nach wie vor davon ausgeht, dass sie die Leute länger in den Läden hält und zum Kaufen verleitet. Verschiedene Studien bestätigen das, andere widerlegen es allerdings auch. Eine Coop-Untersuchung hat zum Beispiel ergeben, dass von 612 befragten Personen 322 ein Hintergrund-Musikprogramm wahrgenommen haben. Ob das viel oder wenig ist, bleibt Interpretationssache.
Sicher ist, dass einst alle Kunden jenes Vogelgezwitscher wahrgenommen haben, mit dem Coop vor ein paar Jahren Nähe zur Natur markieren wollte. Es war ein kurzes Experiment, weil sich vor allem die Angestellten dagegen gewehrt haben, wie Denise Stadler vom Coop-Marketing sagt. Das Gezwitscher hat genervt, und das ist das Einzige, was ein Geräuschteppich nicht tun darf. Deshalb setzt Coop inzwischen auf ein von Radio Energy bereitgestelltes Instore-Radio, das vor allem eines soll: nicht stören.
Ein Cüpli nützt mehr als gute Musik
Nun wird das, was nicht stört, immer weniger, je breiter die Kundschaft ist. Kaum zufällig klingen die grossen Warenhäuser deshalb alle ähnlich. Nicht mehr nach Muzak – die instrumentale Endlosschlaufe hat ausgedient. Für die Berieselung werden heute die aktuellen und vergangenen Hitparaden geplündert. Der Sound ist leise, Frauenstimmen überwiegen, an edleren Adressen wird der Mainstream-Pop ein bisschen in Richtung Mainstream-Jazz ergänzt.
Besonders mutig ist das nicht, und Andreas Brügger von Globus weiss das. Man könnte musikalisch weit mehr machen, sagt er, «aber bei uns läuft die Vermarktung halt eher über das Optische». Das Geld für ein individuelles Programm spart man sich, ein Standardkanal muss reichen: «Es bringt mehr, wenn wir den Kunden ein Cüpli ausschenken.»
Die Musik abzuschalten, ist dennoch keine Option. Zu hoch wäre der Geräuschpegel in einem grossen Haus, in dem Rolltreppen surren und viele Leute schwatzen. Das muss kaschiert werden, der Atmosphäre wegen.
Erst der Sound, dann die Ware
Die Musik hat hier eine Funktion, mehr nicht. Sie soll nicht auffallen, sie muss aber auch nicht gefallen. Das ist anderswo anders: In den Geschäften für die ganz Jungen gehört der Sound ebenso zum Angebot wie die Kleider. Deutlich lauter ist die Musik hier, und wenn man nicht zur Zielgruppe gehört, kann sie einen durchaus nerven. Was die Zielgruppe erst recht zu einer solchen macht: Man gehört dazu bei Tally Weijl oder eben nicht.
Der Sound ist für diese Art der Identifikation vielleicht fast wichtiger als das, was auf den Ständern hängt.So ist es nur konsequent, wenn es inzwischen Läden gibt, bei denen die Beschallung mehr zu reden gibt als die Bekleidung. Die amerikanische Kette Abercrombie & Fitch etwa hält sich mit ihrem 90-Dezibel-Techno in den Schlagzeilen – und mit den Model-Verkäufern, die für den Job eine Lärmbelastung auf sich nehmen, welche die gesetzlichen Limiten in den USA um 10 Dezibel überschreitet.
Die Minderheit, die das mag, scheint immerhin so gross zu sein, dass sich die Kette die allerluxuriösesten Adressen leisten kann (auch an der Zürcher Bahnhofstrasse soll sie auf Lokalsuche sein). Andere Minderheiten dagegen werden nicht bedient. Man kann in Zürich – Irrtum vorbehalten – keine Kleider kaufen zu klassischen Klängen oder Volksmusik, auch Country oder Reggae gibts höchstens in Minimaldosierungen.
25 Prozent Weihnachtsmusik
Alexander Dal Farra mag deshalb die Hotels als Kunden, «da kann man in den verschiedenen Bereichen die ganze stilistische Bandbreite ausreizen». In den Läden dagegen beschränken sich die Raffinessen auf Nuancen: Bei Feldpausch etwa läuft im Eingangsbereich etwas schnellere Musik als in den oberen Etagen (so sieht es wenigstens das Konzept vor, beim Besuch sang Tina Turner überall «Golden Eye»). Und natürlich werden die Programme bestimmten Aktualitäten angepasst.
Aber auch das ist längst Mainstream. Liebeslieder zum Valentinstag, Toto Cutugno zum Italienschwerpunkt – das gibts überall. Und Weihnachtsmusik vor Weihnachten sowieso: Ab einem gewissen Stichtag werde bei Globus 25 Prozent Weihnachtsmusik gespielt, sagt Andreas Brügger, später steigt der Anteil dann auf 50 Prozent, und man kann darauf wetten, dass «Last Christmas» auch dieses Jahr nicht fehlen wird.
Vielleicht müsste man noch mal bei Jamarico schauen, ob es dort nicht doch noch eine passende Jeans gibt.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 02.12.2010, 07:50 Uhr
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7 Kommentare
Unauffällige Hintergrundmusik, à la Muzak, hat für eine entspannte Athmosphäre gesorgt und somit zum kaufen angeregt. Die heutige, teilweise sehr agressive Beschallung in vielen Geschäftn erreicht zum teil das Gegenteil. Mir wurde es schon einige Male zuviel und ich habe das geschäft möglichts schnell wieder verlassen. Anderen Leuten ist das sicher auch schon passiert. Stress ist programmiert!... Antworten
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