Der Teufel im System

Kurt Imhof fuhr Motorrad, rauchte, war einer der wenigen echten Intellektuellen unter den Professoren und legte sich mit der gesamten Medienbranche an. Vergangenen Sonntag starb er.

«Rauchen ist Kampfgeist gegen den Tod»: Kurt Imhof (2011). Foto: Dominique Meienberg

«Rauchen ist Kampfgeist gegen den Tod»: Kurt Imhof (2011). Foto: Dominique Meienberg

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Er hatte das Lachen eines gut gelaunten Teufels. Es war frech, entwaffnend, ein perfektes Versteck und eine perfekte Waffe und sogar ohne Worte eine grossartige Show an sich. Es war ein Höllenlachen, das ohne Preis nicht zu haben war: ohne den Preis von Zigaretten und Denken und deren schwarzen Seiten – Teer und Verzweiflung. Es war eines, für das man seine Seele verkaufen musste.

Kurt Imhof vertrat die Aufklärung – kein Wunder, glich er dem Wappentier dieser Bewegung: Der Teufel war damals nicht nur das Böse, sondern der Rebell gegen die Autoritäten, der Verführer, ein Advokat der Gegenseite. Tatsächlich ärgerte niemand die Medienbranche so sehr wie er; Verleger wie Chefredaktoren (nicht zuletzt bei Tamedia) schrieben fast geschlossen gegen ihn: Kommentare, Polemiken, ganze Essays. Und das Fussvolk schloss sich mit Sperrfeuer an. Er konnte ein gutes Lachen brauchen.

Meistinterviewter Professor des Landes

Wie alle interessanten Köpfe sprach Imhof klar und war ein verwinkelter Mensch: Er war Republikaner in Zeiten des Aufstiegs des rechtsnationalen ­Patriotismus, Linker in der Zeit linker Ideenlosigkeit, Medienprofessor in der Zeit ihrer schärfsten Krise. Kurz: Imhof war ein Mann, der objektiv betrachtet nur Niederlagen kassieren konnte. Und er stürzte sich trotzdem kopfüber in die Debatte. Das war auch ein kleines Wunder wegen seines Lebenslaufes: Er hatte die Lehre als Bauzeichner gemacht, Matur mit 28, dann 15 karge Jahre in die akademische Karriere gesteckt. Normalerweise tötet diese Biografie, an deren Ende entweder eine Professur oder ein Dasein als menschlicher Kopierautomat steht, jeden Mut. Doch als Imhof 2000 in Zürich Soziologieprofessor für Medien wurde, stampfte er nicht nur das ökonomisch erfolgreichste Institut aus dem Boden, sondern wurde über Nacht zum meistinterviewten Professor des Landes.

Die Theorie zu diesem Aufstieg hatte er selber entwickelt: Durch zunehmendes Tempo, weniger Geld, schmalere Personaldecke suchten die Medien nach Orientierung: Imhof gab sie, schnell, grosszügig, gut gelaunt und «bis heute vor Angst sterbend, endlich als Hochstapler entlarvt zu werden». Die Ware, die er lieferte, war für die Medien wie Konfekt. Denn auch Imhofs Denkstil kam aus der jungen Aufklärung: aus einer Zeit, wo Analyse und Spott noch Geschwister waren. Imhof sprach den Imponierjargon eines Wissenschaftlers und dachte frech wie ein Kind. So hatte er das Talent, ellenlange Begriffe zu prägen, die Klarheit mit Angriff verbanden: etwa, wenn er den Medien Empörungsbewirtschaftung, Rudeljournalismus oder die Haltung von Redaktoren in Verrichtungsboxen vorwarf.

Kein Wunder, kippte die Stimmung. Sie tat es, als Imhof 2010 das Geschäft direkt angriff, mit ziegelsteindicken, trockenen Jahrbüchern zur «Qualität der Medien». Nicht nur, weil er die Qualitätsfrage stellte (und finster beantwortete), sondern weil er auch die politische Frage stellte: Wann wird ein Mediensystem, dass sich vor allem mit Nebendingen beschäftigt, gefährlich für die Demokratie? Das heisst: Wann wird es notwendig, durch Stiftungen oder den Staat die Öffentlichkeit mit Informationen zu versorgen? Also den Verlegern ihr Geschäft aus der Hand zu nehmen?

Spezialist für die öffentliche Sache

Es war diese Frage, die die Welle von Polemik und Boykotten erklärte. Und dass sich in den Redaktionen das Image von Imhof kehrte, vom gefragten Kopf zum berüchtigten «Experten für alles», den man besser nicht anrief.

Nur war das ein Irrtum. Mehr als ein Experte für alles war er ein Spezialist für die öffentliche Sache. Er war ein glühender Republikaner, einer der wenigen Leute, die nicht ihr Fachgebiet, sondern das Ganze dachten. Zwar basierte seine Karriere auf Fleissarbeit, dem endlosen Auszählen und Kategorisieren von Artikeln. Doch sein Denken nicht. Er dachte jeweils das ganze System: nicht nur die Personalisierung in der Presse, sondern auch in der Wirtschaft, wo die Manager ihre Karriere dem persönlichen Charisma zuschreiben. Nicht nur die Skandalisierung als Methode, Konsumenten zu ködern, sondern ihre Wirkungen auf die Politik: Holzhammerinitiativen, Angst der Machtträger vor Fehlern und zur Abwehr ein Wall aus Bürokratie.

Mit Imhof ein Interview zu machen, war ein Privileg. Denn wenn man sich darauf einliess, konnte man abheben. Und dort landen, wo man sonst fast nie landet: bei etwas komplett Neuem. Befragte man ihn etwa zu einem auf Facebook geplanten Massenbesäufnis, dann hörte man nicht Empörung, sondern machte eine ganze Tour zu der Geschichte der Besäufnisse, zur Drogengeschichte, zur Verunsicherung des Mittelstands in Zeiten von ausländischen Chefs, zur Gewohnheit, bei Unsicherheit Abweichler zu suchen, Jugend, Fremde oder Juden, zu den Medien als Moraltanten, zur Moral als Ersatz, über echte Ursachen nachzudenken, etwa die Wirtschaft – bis man endlich über das Lob der Gemeinschaft dazu kam, dass ein Massenbesäufnis nicht das Dümmste ist, was die Jugend tun kann.

Man kann diese Sorte Gespräch mögen oder nicht; aber Imhof war einer der wenigen Leute, die den Funken hatten. Den eines Denkens, das wirklich etwas riskiert.

Kurt Imhof fuhr Motorrad, trug Lederjacken und rauchte in der Universität trotz Rauchverbot. Er war – wie er selbst sagte – ein Macho, aber ein kluger, also ein melancholischer. Er kam fast immer zu spät. Und entschädigte mit dem Charme, den nur Leute entwickeln, die einen Grund dafür haben. Irgendwo in ihm brannte mit Sicherheit ein kleines Höllenfeuer. Sein Motor lief mit Unmengen Zigaretten, Alkohol und Arbeit, als Brennsprit wie als Betäubung.

Dazu sagte er: «Es gibt die Frage, macht man aus seinem Leben etwas Asketisches oder etwas Leidenschaftliches? In letzter Instanz bringt Askese weniger Erlebnisse.»

Er starb letzten Sonntag, mit 59.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 02.03.2015, 23:31 Uhr)

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