Der Wille zum Mann

Eine Porträtreihe von SRF soll uns grosse Schweizer Männer nahebringen. Bedeutende Frauen gab es angeblich keine.

Aus der Sendung gekippt: Germaine de Staël, Genfer Gelehrte aus dem 18. Jahrhundert.

Aus der Sendung gekippt: Germaine de Staël, Genfer Gelehrte aus dem 18. Jahrhundert. Bild: Wikimedia

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Wir Schweizer bezeichnen uns gerne als Willensnation. Denn ein rechter Wille bahnt sich Wege auch in unwirtlichstem Gelände. Wer seinen Weg noch finden muss, schaut voraus und zurück. Letzteres tut das Schweizer Fernsehen (konvergent SRF geheissen) im November: Mit der Themenreihe «Die Schweizer» präsentiert es uns «eines der grössten Projekte in der Geschichte der SRG». So die Eigenwerbung. Das Herzstück dieser Sause sind vier Dokufiktionen, Kostenpunkt 5,2 Millionen Franken, die sechs Schweizer Helden gewidmet sind. Sie waren in den wirklich entscheidenden Momenten der Schweizer Geschichte zur Stelle – das zugehörige Werbeplakat zeigt sechs Haudegen, die ihre Bärte dramatisch gen Himmel recken. Und ich als Frau frage mich: Was will das Schweizer Fernsehen uns damit sagen?

Sicher ist: Die Verantwortlichen beweisen ihren Willen zum Mann. Fehlt da nicht etwas Wichtiges? Nein, sagt Daniel Steiner, Mediensprecher der Dachgesellschaft SRG, die Frauen waren halt zu lange bedeutungslos: «Wir haben uns auf das 14./15. und das 19. Jahrhundert konzentriert, weil diese Epochen für unsere Geschichte prägend waren. In dieser Phase gab es keine Frau, die belegbaren Einfluss auf die Schweizer Geschichte genommen hat.»

Tatsächlich? Keine Ehefrauen, Mätressen, Nonnen? Keine Schriftstellerinnen, Forscherinnen, barmherzigen Samariterinnen? Keine Mütter, die ihre Söhne dazu erzogen, in den Kampf zu ziehen? Wahrscheinlich schon, aber die zählen nicht. Und man kann ja Geschichte nicht einfach umschreiben.

Kostüme und Kunstblut

Was man hingegen problemlos zu können scheint, ist aus halb verbürgten Fakten fröhlich Dokufiktionen zu basteln, samt Kostümen, Kunstblut und falschen Bärten. Aber das ist ja etwas ganz anderes. Die Anmerkung aus Leutschenbach, es habe damals nun mal keine bedeutenden Frauen gegeben, erinnert an die Aussage des amerikanischen Fernsehmoderators und Fundamentalchristen Bill O’Reilly. In einem Interview zu seinem neusten Buch «Killing Jesus» wurde er gefragt, warum sein Buch unerwähnt lasse, dass der gepeinigte Jesus am Kreuz gesagt habe: «Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.» O’Reilly antwortete: «Bei einer Kreuzigung tritt der Tod durch Ersticken ein. Es war also physikalisch unmöglich, dass Jesus, am Kreuz hängend, diese Worte geäussert hat.» Wahrscheinlich hat er zur Auferstehung ja auch eine Hebebühne benutzt.

Der Punkt ist: Auch behauptete Objektivität ist ein Konstrukt und Geschichtsschreibung ein selektiver Prozess, der mehr oder weniger zufälligen Kriterien folgt. Hier werden Figuren ausgewählt, man legt ihnen Aussagen in den Mund, gibt ihnen eine bestimmte Bedeutung. Natürlich kann man sich konzeptionell so einschränken, dass am Schluss nur Männer übrig bleiben. Aber als Frau finde ich das billig und langweilig.

Was ist wichtig?

Statt die immer gleichen alten Gamellen aufzufahren, hätte man sich in Leutschenbach getrost einmal fragen können, was denn die Schweizer Frauen im Verlauf der Jahrhunderte so getrieben haben – ausser den Herren die von den Schlachten blutgetränkten Gewänder zu waschen. Sicher gab es Frauen, deren Biografien einen guten Erzählstoff hergegeben hätten – selbst wenn das vielleicht einen etwas anderen Zugang zur Frage erfordert hätte, was und wer denn nun für das Selbstverständnis der Schweiz wirklich bedeutend war.

Es gibt nicht wenige Historikerinnen, die sofort eine ganze Reihe von Frauen nennen können, deren Taten und Entscheidungen wichtig genug waren, überliefert zu werden, und die man aus heutiger Sicht neu bewerten könnte. Tatsächlich war in einer früheren Phase des Projekts «Die Schweizer» auch das Porträt von Germaine de Staël geplant gewesen, einer Genfer Gelehrten aus dem 18. Jahrhundert. Aus Spargründen wurde sie aus dem Programm gestrichen. Was zeigt, dass es den Herren Entscheidungsträgern am Willen fehlte, über den eigenen beschränkten Horizont hinauszudenken.

Bleibt zum Trost, dass sich wenigstens die Sendung «Sternstunden» der Frauen angenommen hat und eine ganze Reihe von ihnen vorstellt und porträtiert. Denn wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 14.10.2013, 09:01 Uhr)

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Welche dieser Schweizerinnen hätte einen Dok-Beitrag verdient?

Marie Goegg-Pouchoulin

 
3.3%

Gertrud Kurz

 
16.1%

Emilie Kempin-Spyri

 
14.1%

Heilige Wiborada

 
10.1%

Katharina von Zimmern

 
6.3%

Meret Oppenheim

 
33.9%

Susanna Rinderknecht-Orelli

 
6.9%

Isabelle Eberhardt

 
9.3%

1157 Stimmen


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