Der buddhistische Hassprediger

Der Mönch Wirathu ist das hässliche Gesicht des Buddhismus in Burma. Er hetzt gegen die Muslime im Land – mit beängstigendem Erfolg.

Wirathu ist heute der tonangebende Mönch im grössten Kloster Burmas.

Wirathu ist heute der tonangebende Mönch im grössten Kloster Burmas. Bild: Ye Aung Thu/AFP

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War es ein Anschlag? Eine Warnung? Oder eine billige Inszenierung? Die Polizei in Mandalay, dem spirituellen Zentrum Burmas, ermittelt. Eine Explosion hat die Ruhe in dieser Stadt zerstört, die geprägt ist von buddhistischen Tempeln und Klöstern. In Burma, das gut 55 Millionen Einwohner zählt, leben noch immer schätzungsweise 500'000 Männer und 75'000 Frauen in Askese – und von Almosen. Eine beeindruckende Zahl. Und über die Hälfte der kahl geschorenen Mönche und Nonnen betet, studiert und meditiert in Mandalay und Umgebung. Ein Überbleibsel aus jener vorkolonialen Zeit, als die burmesischen Könige hier regierten: als Verteidiger des buddhistischen Glaubens.

Ihrem Vorbild eifert der tonangebende Mönch des Masoeyein-Klosters nach, das mit rund 3000 Ordensbrüdern alle anderen im Land an Grösse übertrifft. Sein Name: Wirathu. Der selbst ernannte Vorkämpfer für buddhistische Reinheit und gegen alle Fremdeinflüsse, insbesondere den Islam, hatte Ende Juli gerade zu einem Sermon vor Hunderten von Anhängern angesetzt, als eine selbst gebastelte Bombe, gefüllt mit Nägeln und Drahtstücken, in der Nähe explodierte. «Das Attentat» machte Schlagzeilen landesweit. Berichtet wurde von fünf verletzten Gläubigen und vom Vorwurf des Predigers: «islamistische Terroristen» hätten es auf ihn abgesehen.

Als Hetzer verurteilt

Ein Mönch, der sich in der Nachfolge Buddhas der Gewaltlosigkeit und dem Mitgefühl für alle Kreaturen verschrieben hat, im Visier von Extremisten? Das tönt ungeheuerlich, gerade in einem tieffrommen Land wie Burma. Handyaufnahmen von Augenzeugen zeigen jedoch ein weniger dramatisches Bild. Der Sprengsatz explodierte unter einem parkierten Auto, Dutzende Meter von Wirathus Versammlung entfernt. Das Resultat waren geplatzte Pneus und Kratzer am Auto, einem Toyoto Corolla aus den 80er-Jahren und oberflächliche Schnittverletzungen bei ein paar Umstehenden. Der exilburmesischen Zeitschrift «Irrawaddy» zufolge sah Wirathu jedenfalls keinen Anlass, die Andacht abzubrechen.

Es wird vielleicht nie aufgeklärt werden, wer für das Bömbchen verantwortlich war. Fest steht: Der buddhistische Prediger hat den Zwischenfall benutzt, um Stimmung gegen die Muslime im Land zu machen. Mögen sie offiziellen Angaben zufolge auch nur knapp 5 Prozent der burmesischen Bevölkerung ausmachen und die Buddhisten 87 Prozent, so wird der 45-jährige Mönch doch nicht müde, die Gefahr eines Identitätsverlusts heraufzubeschwören. Neun von zehn Muslimen in Burma seien radikal und böse, behauptet er. Sie seien verantwortlich für fast alle Verbrechen im Land: Drogengeschäfte, Diebstähle, Vergewaltigungen. Aufrechte Buddhisten müssten sich dagegen wehren. Sonst sei Burma spätestens 2100 ein islamisches Land.

Unter dem Militärregime ist Wirathu wegen Volksverhetzung zu 25 Jahren Gefängnis verurteilt worden. Das war im Jahr 2003. Im Zuge der Reformen und der Amnestie für politische Gefangene kam er 2011 frei. Seither hat er sich einen zweifelhaften Ruf erworben als Anführer der Bewegung 969. Die drei Ziffern, die für die neun Tugenden Buddhas, die sechs Vorzüge seiner Morallehre und die neun Meriten der Mönchsgemeinschaft stehen, sind zu Symbolen eines fanatischen Nationalismus geworden. Der Buddhismus muss hier herhalten als Beweis für die angebliche Überlegenheit der Mehrheit. Und die Hinterlist der Muslime, womit primär Dunkelhäutige gemeint sind, deren Vorfahren aus dem benachbarten Bengalen eingewandert sind, zu Zeiten, als Burma zu British India gehörte. Der ungeschminkte Rassismus, der an Hitlers arischen Übermenschen erinnert, geht zurück auf die Propagandaschrift: «Wie man als guter Buddhist leben sollte». Sie wurde von der Militärjunta nach der blutigen Niederschlagung der Demokratiebewegung 1988 herausgegeben und propagiert, um die erhitzten Gemüter abzukühlen und die widerspenstigen Mönche unter die Kontrolle des Regimes zu bringen.

Radikalisierung nach 9/11

Den Generälen ging es um Ruhe im 135 Ethnien umfassenden Staat. Als Wirathus religiöse Unterweisungen – nach 9/11 und der Zerstörung der Buddha-Statuen im afghanischen Bamiyan – in brandgefährliche Hasspredigten umschlugen, wanderte er hinter Gitter. Die Verlockung ist gross, den nur eineinhalb Meter grossen Mönch als Halbgebildeten abzutun, der den Buddhismus schlicht falsch auslegt. Einen Verblendeten. Als zweites von acht Kindern in der Nähe von Mandalay geboren, trat er mit 14 bereits in ein Kloster – damit seine Eltern einen Mund weniger zu stopfen hatten. Wer ihn als Aussenseiter abqualifiziert, unterschätzt aber seine Ausstrahlung sträflich.

Nicht weniger gekonnt als amerikanische Fernsehprediger verbreitet Wirathu seine Botschaft salbungsvoll – auch via CD und Youtube, Facebook und Twitter. Eindrücklich zeigt er auf Asienkarten auf, wie der Buddhismus im Lauf der Jahrhunderte durch den Islam verdrängt wurde. Auf dem indischen Subkontinent und in Afghanistan ebenso wie in Indonesien. Nur 5,8 Prozent der Erdenbürger seien noch buddhistischen Glaubens. Und jetzt sei Burma in Gefahr, seine Seele zu verlieren. Damit spricht er all die Ängste angesichts der Umwälzungen an, die Präsident Thein Sein vor zwei Jahren in Gang gesetzt hat mit der Öffnung des Landes. Das Echo der Brandreden ist denn auch erschreckend gross. Was vor einem Jahr mit einem Gewaltausbruch an der Südwestküste begonnen hat – nach der Vergewaltigung und Ermordung einer jungen Buddhistin durch drei muslimische Burschen –, hat sich in anderen Landesteilen fortgesetzt. Ein Macheten-schwingender Mob machte wiederholt Jagd auf Muslime. Und fackelte ihre Moscheen, Geschäfte, Wohnviertel ab. Die Bilanz bislang: über 200 Tote und 150'000 Vertriebene.

Oft hätten die Sicherheitskräfte zugeschaut, kritisierte der für Burma zuständige UNO-Sonderberichterstatter für Menschenrechte, Tomas Ojea Quintana. Einiges deutete laut Human Rights Watch auf koordinierte Aktionen hin. Ex-Dissident Aung Zaw vermutete Hardliner im Militär, die das Land nicht aus ihrem Würgegriff entlassen wollten, als Drahtzieher im Hintergrund. Fakt ist, die sogenannten Bengalen haben wenig Freunde unter den Buddhisten. Sie sind Staatenlose, Illegale, weil die burmesische Verfassung nur Volksgruppen anerkennt, die vor 1823 bereits im Land lebten. Das macht sie zu Ausgegrenzten, kulturell und sprachlich kaum integriert, und zu idealen Sündenböcken. Nur so ist zu verstehen, dass Reformpräsident Thein Sein nach der ersten Gewaltwelle vorschlagen konnte, alle 800'000 Bengalen entweder in Flüchtlingslagern unterzubringen oder zu deportieren. Quasi zur Beruhigung der Lage.

Der Aufschrei der internationalen Gemeinschaft war gross. Inzwischen hat Burmas Präsident erkannt, dass die Hasswelle den Frieden und die Reformen bedroht. Er setzte nicht nur eine Untersuchungskommission ein, welche die Bewegung 969, aber auch fundamentalistische Imame als Unruhestifter qualifizierte und Massnahmen gegen die Radikalisierung auf beiden Seiten empfahl: von grösseren Schutzvorkehrungen bis hin zur besseren Integration der Bengalen. Während sich Friedensnobelpreisträgerin und Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi zu den Ausschreitungen ausschwieg, verurteilte Ex-General Thein Sein diese, machte «politische Opportunisten und religiöse Extremisten» für den militanten Nationalismus verantwortlich und erklärte an einem Friedenskonzert sogar, das Land gehöre allen Bewohnern.

Vor dem letzten Schritt, einen buddhistischen Mönch als militanten Extremisten zu entlarven, schreckte er jedoch zurück. Es käme in Burma einem Sakrileg gleich und widerspräche der gängigen Vorstellung, dass der Buddhismus als einzige der Weltreligionen wirklich der Gewaltlosigkeit und dem Frieden verpflichtet ist. So wie der Dalai Lama.

Eine Religion wird verklärt

Es sei ein Mythos, eine Verklärung westlicher Sinnsucher, wie der burmesische Demokratieaktivist Maung Zarni moniert. In Wirklichkeit gibt es eine lange Geschichte von Selbstzerstörung, Folter und Krieg mit religiösen Vorzeichen. Aber ironischerweise war es die westliche Idealisierung des Buddhismus im späten 19. Jahrhundert, die von den nationalistischen Bewegungen aufgenommen und gegen die Kolonialherren ins Feld geführt wurde: als Beweis moralischer Überlegenheit.

In Japan rechtfertigten Zen-Priester den Militarismus im Zweiten Weltkrieg. Bhutan verwies in den 90er-Jahren 100'000 nepalischsprachige Hindus des Landes, die der als Bruttonationalglück verkauften Gleichschaltung entgegenstanden. In Sri Lanka hetzten singhalesische Mönche erst gegen die mehrheitlich hinduistischen Tamilen und seit dem Ende des Bürgerkriegs gegen die Muslime. Und auch die Selbstverbrennungen tibetischer Mönche in China sind keine friedlichen Akte. Diese Wahrheit wird gern ausgeblendet. Als Ende Juni die US-Zeitschrift «Time» über «den selbst ernannten Bin Laden Burmas» berichtete und Wirathu aufs Titelblatt rückte unter dem Titel «Das Gesicht des buddhistischen Terrors», provozierte dies heftige Reaktionen. Der Angeprangerte selbst wies alles als bösartige Unterstellung zurück, als Rufmordkampagne einer westlichen Publikation, hinter der arabische Petrodollars stünden. Hunderte Mönche zogen aus Protest dagegen durch Rangun. Präsident Thein Sein beeilte sich darauf, Wirathu als «Sohn Buddhas» zu verteidigen und die «Time»-Ausgabe zu verbieten, weil sie zu «Missverständnissen» und «Spannungen» beitrage. Ein Persilschein für den chauvinistischen Brandredner.

Und Islamisten reagieren

Dabei ist der islamistische Backlash nicht mehr zu übersehen und eine weitere Radikalisierung auf beiden Seiten zu befürchten, grenzüberschreitend. In Indonesien, dem bevölkerungsreichsten muslimischen Land, hat Abu Bakar Bashir, der Führer der Jemaah Islamiyah, aus dem Gefängnis zum Jihad gegen Burmesen aufgerufen. Im Mai flog ein geplanter Bombenanschlag auf die burmesische Botschaft in Jakarta auf. In Malaysia attackierten wütende Mengen wiederholt burmesische Migranten, mehrere von ihnen kamen dabei ums Leben. Und in Indien ging im Juni eine Serie kleinerer Bomben in einer der heiligsten Stätten des Buddhismus hoch: Bodhgaya, wo Siddhartha Gautama, der historische Buddha, vor gut 2500 Jahren die Erleuchtung erlangt haben soll.

In Burma breitet sich der buddhistische Fundamentalismus derweil ungebremst aus. Die gelben Aufkleber mit der Aufschrift 969 prangen mittlerweile an Läden, Restaurants und Taxis in unzähligen Städten. Sie sind Teil der Kampagne, nur Geschäfte mit Buddhisten zu machen und die Muslime zu boykottieren. 2,5 Millionen Burmesen haben angeblich eine Petition unterschrieben, die ein Heiratsverbot zwischen Muslimen und Buddhisten verlangt. Es sind «reine Schutzmassnahmen gegen den Feind», wie Wirathu den buddhistischen Gläubigen in seinen Predigten einschärft. «Buddha hat Güte und Mitgefühl gelehrt, aber er hat doch nicht verboten, die buddhistischen Werte zu verteidigen.» Einen tollwütigen Hund könne man nicht einfach machen lassen. Zum Abschluss wird jeweils der poppige Themensong der 969-Bewegung eingespielt. Der Refrain lautet: «Wenn nötig, werden wir einen Zaun mit unseren Knochen bauen.» (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 22.08.2013, 17:23 Uhr)

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(Bild: TA-Grafik mt)

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