«Deshalb kann ich als Frau*...»

Ist Sexismus gegenüber Männern okay – oder gar ein nützliches Mittel zum Zweck? Gibt es das überhaupt, «Sexismus gegenüber Männern»?

Frauen checken Männer ab: SBB-Clip.


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Man stelle sich vor: Ein älterer Herr linst im Zugabteil über die Schultern von zwei jüngeren Männern, die sich offenbar auf einer Datingplattform tummeln. Dann sagt er: «Die ist noch knackig.» Die Reaktionen dürften, gelinde gesagt, unfreundlich ausfallen. Zumindest gäbs Empörung in den sozialen Medien, vielleicht Boykottaufrufe. Ein klarer Fall von Sexismus eben.

Die SBB wirbt derzeit mit ebendiesem Werbespot für ihr elektronisches Billett – mit dem kleinen Unterschied, dass es eine Frau ist, die sagt: «Dä esch no knackig.» Sollte man sich aufregen? Eine Nachfrage bei drei Feministinnen.

Strukturell diskriminiert

Tamara Funiciello, Präsidentin der Juso, will gar nicht erst auf den SBB-Clip eingehen. Sie nerven die Fragen. «Es ist einfach schon bezeichnend. Da lancieren Frauen* (das Sternchen verdeutlicht für Funiciello die Vorstellung von der «Frau» als soziale Konstruktion, A.d.R.) eine Diskussion über die Art und Weise, wie sie unter der sexistischen Gesellschaft leben – und wir sprechen darüber, wie sich Männer dabei fühlen.» Das Problem sei, dass Männer individuell diskriminiert werden könnten, Frauen dagegen strukturell diskriminiert würden.

Mirjam Aggeler sieht das gleich, erklärt ihre Position aber en détail. Aggeler ist Geschäftsführerin des Vereins Feministische Wissenschaft Schweiz, der sich seit 1983 für feministische Positionen und Gender Studies an den Universitäten einsetzt. Der Begriff Sexismus bezeichne nicht nur die Reduktion auf das Geschlecht, führt Aggeler aus. «Sondern auch die damit einhergehende Diskriminierung. Voraussetzung dafür ist eine gesellschaftliche Struktur, mit der sie übereinstimmt. Die androzentrische, eurozentrische und heteronormative Gesellschaft, die von einem binären Geschlechterbegriff ausgeht – die Gesellschaft also, wie wir sie kennen – setzt weisse heterosexuelle Männlichkeit als Norm.» Alle, die in den hiesigen Breitengraden aufgewachsen seien, hätten diese sexistische und rassistische Struktur verinnerlicht.

«Deshalb kann ich als Frau* Männer nicht aufgrund ihres Geschlechts diskriminieren: Das männerfeindliche Bild, das ich im Falle eines Diskriminierungsversuchs produzieren würde, wird durch diese Struktur nicht gestützt. Als weisse Frau kann ich aber sehr wohl ‹people of color› diskriminieren.» Die Macht dieser sexistischen Struktur zeige sich sehr deutlich, wenn die Rollen vertauscht würden. Als gelungenes Beispiel dieses Phänomens nennt Aggeler die «Rollenrollen»-Kampagne von Terre des Femmes: Frauen spielen beispielsweise im Casino und werden von devoten Männern umschmeichelt. Aggeler: «Die Männer wirken auf den ersten Blick parodistisch, während im Original den wenigsten Menschen die Absurdität dieser Posen auffällt. Das ist entlarvend.»

Keine «Androhung von Macht»

Aggeler weiter: «Grundsätzlich sollte die Reproduktion von stereotypen Bildern wenn immer möglich vermieden werden. Und die SBB reproduziert in ihrem Clip keine stereotypen Bilder.» Er sei demzufolge nicht sexistisch. Fabienne Amlinger, Historikerin und Mitarbeiterin am Interdisziplinären Zentrum für Geschlechterforschung der Uni Bern, sieht das anders: «Man kann das Video sexistisch nennen.» Aber auch Amlinger betont, dass es nicht dasselbe sei, ob Frauen über Männer oder Männer über Frauen spotteten. Würden im Clip statt Frauen Männer auftreten, wäre ein Aufschrei also angebracht.

Im SBB-Clip gebe es hingegen keine sogenannte «Androhung von Macht». So habe die niederländische Feministin Anja Meulenbelt die Wirkung genannt, wenn eine Diskriminierung durch die gesamtgesellschaftliche Struktur gestützt wird. Amlinger sieht eine Analogie zu einem Beispiel Meulenbelts: «Wenn weisse Holländer schwarze Holländer beleidigen, geht davon eine weit grössere Bedrohlichkeit aus als im umgekehrten Fall – weil die Macht eben mit den weissen Männern ist.»

Der Fall Trede

Können Feministinnen ihrerseits sexistische Strategien gegen das Patriarchat anwenden? Falls ja: Ist das sinnvoll? Aggeler: «Aus meiner Perspektive machen männerfeindliche Mittel als feministische Agitation keinen Sinn: Sie kratzen nicht einmal an der Oberfläche der sexistischen Struktur und können deshalb schlimmstenfalls sogar dazu benutzt werden, Vergleichbarkeiten zu konstruieren, die de facto nicht gegeben sind.» Das Beispiel der Kampagne von Aline Trede, der früheren Nationalrätin der Grünen, zeige dies deutlich. Die Bernerin hatte ein Plakat veröffentlicht, das sie mit anderen Politikerinnen beim Grillieren zeigte. Bildunterschrift: «Würstchen gehören auf den Grill.» Auch für Amlinger ist die Kampagne misslungen: «Feminismus wehrt sich gegen Sexismus und Diskriminierung. Insofern erscheint eine sexistische Wahlkampagne nicht sonderlich feministisch. Wir haben es hier aber erneut mit dem Phänomen zu tun, dass eine machtlosere Gruppe ein als sexistisch interpretierbarer Slogan artikuliert. Denn in der eidgenössischen Politik sind Frauen ja noch immer klar untervertreten.»

Für Aggeler besteht die Gefahr überdies, dass ein Vorwurfskarussell in Gang gesetzt werde. «Später wurde Tredes Kampagne von SVP-Kantonsrat Claudio Schmid herangezogen, um ihre Vorwürfe wegen sexueller Belästigung gegen den damaligen Berner Stadtpräsidenten, Alexander Tschäppät, zu bagatellisieren. Das darf nicht passieren. Wie man ihre Kampagne wahrnimmt, spielt überhaupt keine Rolle. Wenn Frau Trede von Kollegen gegen ihren Willen angefasst wird, ist das ein Übergriff, der in keiner Weise gerechtfertigt werden kann.»

Fazit: Die drei Feministinnen erachten es als entscheidend, dass im SBB-Spot Frauen Männer bewerten und nicht umgekehrt. Ausserordentlich angetan sind sie deswegen aber nicht. «Offensichtlich eine ziemlich uninspirierte Sache» sei der Clip, sagt Amlinger nach der Begutachtung. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.04.2017, 14:45 Uhr

Stereotypen vertauscht: «Terre des Femmes»-Kampagne. (Bild: Terre des Femmes CH, Junge Grüne Zürich)

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