Hintergrund

Die Angst vor dem grünen Terror

Umweltaktivisten geraten immer mehr unter Druck, seit sie als Öko-Terroristen eingestuft werden. US-Autor Will Potter, der diese Woche in Zürich gastiert, zeigt diese Entwicklung in einem Buch und Blog auf.

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Die Rote-Armee-Fraktion war gestern. Wovor Staatsschützer sich heute fürchten, ist die «Grüne-Armee-Fraktion», behauptet das Buch «Green Is the New Red» von US-Autor Will Potter. Tierrechtler, Umweltaktivisten, radikale Veganer – sie alle stehen in den Vereinigten Staaten und in manchen Ländern Europas seit einigen Jahren unter strenger Beobachtung des Staatsschutzes, schreibt der Journalist Will Potter darin. Dahinter stehe der systematische Versuch, Umwelt- und Tierrechtsaktivisten pauschal zu «Terroristen» zu stempeln, um Angst zu schüren. Die treibende Kraft dahinter seien Lobbygruppen der Fleisch- und Holzindustrie, die strengere Umwelt- und Tierschutzgesetze befürchten.

Besuch zu Hause

Potter weiss, wovon er schreibt. Im Jahr 2002 erhielt er, damals Journalist bei der «Chicago Tribune», Besuch von zwei FBI-Agenten. Der Grund: Er und seine Freundin hatten in einem Vorort an einer Demonstration gegen Tierversuche teilgenommen, Flugblätter verteilt und waren danach festgenommen worden. Jetzt verlangten die Staatsschützer von ihm, dass er Informationen über andere Tierrechtler preisgebe. Wenn nicht, würde er selber auf die Terrorliste gesetzt und könne seine Journalistenkarriere vergessen.

Potter liess sich von der Drohung nicht beeindrucken, im Gegenteil. Er machte sich selbstständig und begann, die staatliche Verfolgung von Umweltschützern und Tierrechtlern zu dokumentieren. Potter vergleicht die Verfolgung mit der antikommunistischen Hetze der Fünfziger- und Sechzigerjahre, und so gründete er im Jahr 2007 zu diesem Zweck seinen Blog «Green Is the New Red» und gab vergangenes Jahr das gleichnamige Buch heraus.

Ideologische Verschiebung

Das Buch benennt eine bemerkenswerte ideologische Verschiebung, die sich seit den Siebzigerjahren im Zuge der Globalisierung vollzogen hat. Während junge Menschen nach dem Zweiten Weltkrieg politisiert wurden, indem sie sich an staatlichen und geografisch klar lokalisierbaren Konzepten rieben, sind ideologische Konzepte heute weitgehend global geworden und fordern gleichzeitig auch radikal private Massnahmen. Klimaerwärmung betrifft uns alle, deshalb müssen entsprechende Massnahmen global wirksam werden – und erfordern ein radikales Umdenken nicht nur staatlicher Strukturen, sondern individueller Verhaltensweisen. Wer nachhaltig leben möchte, muss sich bewusst ernähren, am besten fleischlos beziehungsweise vegan, das heisst, er verzichtet ganz auf tierische Produkte.

Das sind die Grundlagen, aus denen ganz unterschiedliche soziale Bewegungen hervorgegangen sind, wie Potter schreibt. «Wie bei jeder sozialen Bewegung in der Geschichte, gibt es auch bei den Umwelt- und Tierrechtsaktivisten legale und illegale Elemente.» Es gebe Leute, die protestieren, andere üben sich in zivilem Ungehorsam. Und wieder andere brechen in Tierfarmen ein und befreien Tiere. Aber kann man daraus schliessen, dass die neue terroristische Gefahr in der Tierrechts- und Umweltschutzbewegung zu suchen ist? Genau dies, so sagt Potter, sei in den USA der Fall. 2006 wurde der frühere Animal Enterprise Protection Act in den USA zum Animal Enterprise Terrorism Act verschärft, welcher Aktivisten als Terroristen definiert. 2008 hat Europol die Ökologiebewegung in mehreren europäischen Ländern erstmals als «terroristische Gefahr» eingestuft. Auch in der Schweiz gibt es seit 2009 innerhalb der Bundespolizei eine Arbeitsgruppe «zur Unterstützung der Bekämpfung» des «Tierrechtsextremismus».

Splittergruppen

Tatsächlich gab es in den letzten Jahren wiederholt Zwischenfälle mit Tier- und Umweltschutzorganisationen. Doch das sind Splittergruppen, die Sachbeschädigungen vornehmen. Aber weder fliegen sie Flugzeuge in Hochhäuser, noch erschiessen sie Menschen auf offener Strasse. Und so sieht Potter in diesen drastischen Massnahmen gegen weitestgehend friedliche Bewegungen eine Neuauflage der Kommunisten-Hatz der Fünfzigerjahre. In seinem umfassend recherchierten Buch dokumentiert er die staatlichen Einschüchterungstaktiken auch gegen harmlose Tierschützer und Umweltschutzaktivisten. Er zeigt, wie der Staat gemeinsam mit privaten Firmen aus legalem politischem Protest ein Verbrechen macht.

Und das ist der eigentliche Skandal, meint Potter. Dass Firmen sich Politiker kaufen, welche wiederum zweifelhafte Gesetze im Parlament durchboxen, um Umweltaktivisten zu Terroristen zu stempeln. Dass sie kein Mittel scheuen, um friedliche Aktivisten zu diskreditieren und Angst zu schüren. Dass Gelder der Regierung darauf verwendet werden, eine Gefahr zu inszenieren, die es so nicht gibt. Viel mehr besteht die Gefahr, dass die Gruppen genau durch diese Massnahmen radikalisiert werden. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.06.2012, 12:49 Uhr

Will Potter: «Green Is the New Red: An Insider's Account of a Social Movement Under Siege». City Lights, ISBN 978-0-87286-538-9. Zurzeit erst in Englisch erhältlich.

Journalist, Umweltaktivist, Buchautor: Will Potter.

Infobox

Will Potter liest am Sonntag, 10. Juni im Volkshaus Zürich.

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