«Die Download-Problematik wird auch die Literatur erfassen»

Wie kann man als Kulturschaffender heute Geld verdienen? Autorin und Suisseculture-Präsidentin Ruth Schweikert über die Gratismentalität im Internet und die Idee einer Kulturflatrate.

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Ruth Schweikert, ist das Internet für Sie als Kulturschaffende ein Fluch oder ein Segen?
Zuerst mal ist es ein Segen. Es bietet ungeheure Möglichkeiten, zum Beispiel bei der internationalen Vernetzung oder der Zugänglichkeit auf sonst vergriffene Texte. Man findet unglaublich viel – allerdings auch unglaublich viel weniger Relevantes. Das Auffinden von Texten oder anderen künstlerischen Produkten wird ermöglicht und gleichzeitig erschwert. Dazu schafft es die Illusion von allzeit verfügbarem Wissen und von allzeit verfügbaren intellektuellen und künstlerischen Produkten, und damit leider auch die Illusion, dass all dies unentgeltlich ist. Mit dieser Gewohnheit ist schon eine ganze Generation gross geworden.

Wie kann man diese Gewohnheit ändern?
Indem man Debatten führt, wie sie jetzt ja auch geführt werden. Die Unterscheidung zwischen professionellen Künstlern und Leuten, die ihre Privaterzeugnisse oder Bearbeitungen von Kunstwerken gratis zur Verfügung stellen, verwischt sich immer mehr. Es gibt auch Künstler, die sich beruflich als Künstler verstehen, aber das Bedürfnis haben, sich anderswie auf Blogs auszudrücken, und dafür nicht unbedingt Bezahlung für sich in Anspruch nehmen. Diese Kategorien sind dabei, sich zu verändern, und das schafft neue Gegebenheiten.

Was ist die Rolle des Verbandes Suisseculture in dieser Debatte?
Die Rolle von Suisseculture ist es, zu betonen, dass das Urheberrecht den Zugang zur Kultur nicht verhindert. Es geht darum, eine angemessene Entschädigung für künstlerische Arbeit zu erhalten, auch wenn sich die Rezeption von verschiedenen Kunstformen in Zeiten des Internets stark verändert. Es kann nicht angehen, dass der Bundesrat auf eine Motion von Ständerätin Géraldine Savary lapidar behauptet: «Na ja, die Musiker müssen jetzt halt mehr auftreten, dann kommen sie schon zu ihrem Geld.» Gleichzeitig ist es eine Tatsache, dass es zunehmend ein Bedürfnis gibt nach dem Einmaligen und Performativen, dem Ereignis, wo ein Künstler oder mehrere live da sind. Das ist eine problematische Verschiebung vom Produkt zum Hersteller. Doch das Zentrale bleibt das Werk, und das braucht Zeit, um erarbeitet zu werden. Es kann nicht sein, dass man als Künstler gratis arbeitet. Von einem Journalisten erwartet auch niemand, dass er gratis arbeitet, nur weil es jetzt Gratiszeitungen gibt. Die freien Journalistinnen und Journalisten sind ja genauso unter Druck wie andere Kulturschaffende.

Der Verband Suisseculture vereint Kulturschaffende aller Sparten. Ist es schwierig, die Anliegen der verschiedenen Gruppen unter einen Hut zu bringen?
Jein. Es gibt durchaus ein gemeinsames Anliegen, insofern alle als Urheberinnen und Urheber etwas schaffen. Es geht nicht darum, dass sich unsere Mitglieder zu Genies hochstilisieren möchten, sondern darum, ein Verständnis zu entwickeln, dass hier Arbeit geleistet wird und dass diese Arbeit vergütet werden muss. Die Vorstellung, man könne im Bereich Kultur den Kapitalismus abschaffen, hat etwas Verführerisches, trifft aber die falsche Klientel.

Inwiefern hängt das Urheberrecht mit der Kulturförderung zusammen? Es gibt ja Kulturschaffende, die viel stärker von einem Markt abhängig sind, und andere, die mehr von Subventionen leben.
Klar, wenn man grossen Erfolg hat, dann hat man auch mehr Einnahmen vom Urheberrecht. Hier spielt der Markt stärker. Dann stellt sich die Frage, wie weit Kulturförderung nur die experimentelle Kunst, die es schwerer hat, ein Publikum zu finden, fördern soll oder eben auch den Mainstream. Das sind kulturpolitische Fragen, die niemand einfach so beantworten kann. Das kann nur im Einzelfall entschieden werden. Generell sollte die Kulturpolitik die kulturelle Vielfalt fördern und Leuten mit unterschiedlichen Hintergründen kulturelle Aktivitäten ermöglichen. Sie soll Akzente setzen und eine Breite – nicht in der Beliebigkeit, sondern in der Unterschiedlichkeit – gewährleisten.

Wie stehen Sie zur Idee einer Kulturflatrate, die eine Pauschalabgabe auf Internetanschlüsse zugunsten der Urheber fordert?
Das ist eine komplizierte Frage mit vielen Unklarheiten. Was genau würde eine sogenannte Kulturflatrate abdecken? Wie wäre der Verteilschlüssel? Wer bezahlt dafür? Was geschieht mit Leuten, die ihren Anschluss nicht dazu nutzen, künstlerische Werke herunterzuladen? Andererseits würde eine Kulturflatrate andere Geschäftsmodelle ermöglichen. Es sind sowieso viele Dinge in Bewegung. Die Rolle von Verlagen und Lektoren zum Beispiel verändert sich, die ja traditionell eine Auswahl treffen und sehr mithelfen, ein Werk zu verbessern. Es ist zunehmend so, dass es Leute gibt, die keinen Verlag mehr finden und sich dann anders behelfen. Jeder kann etwas ins Netz stellen. Das ist eine Demokratisierung, aber gleichzeitig sind die Konsumenten darauf angewiesen, dass jemand ein verlässliches Label bietet, damit man überhaupt diese Werke finden kann.

Was halten Sie von Crowdfunding?
Crowdfunding finde ich sehr spannend. Ich habe selber ein paar Mal gespendet, habe es für mich selber aber noch nicht in Erwägung gezogen. Es schafft auf jeden Fall neue Anbindungsmodelle zwischen Konsumenten und Produzenten; ich bin dann beteiligt, ich kriege was, ich werde zur Veranstaltung eingeladen, ich leiste meinen Beitrag. Das entspricht der Aufweichung der Grenzen zwischen Konsument und Produzent und kann unter Umständen dazu führen, wieder ein Verständnis herzustellen, wie viel Arbeit und Zeit in Kultur steckt.

Ist das aktuelle Urheberrechtsgesetz noch zeitgemäss, oder müsste es schon wieder revidiert werden?
Die Schwierigkeit ist ja offenbar die Durchsetzung des Urheberrechts. Niemand möchte den Endnutzer kriminalisieren oder eine totale Kontrolle im Internet etablieren. Doch gleichzeitig erodiert das Verständnis dafür, dass kulturelle Leistungen eben Leistungen sind und dass sie irgendwie quersubventioniert werden, wenn sie gratis sind. Da gilt es Aufklärungsarbeit zu leisten.

Das Problem kann also nicht einfach juristisch-politisch, sondern nur auf einer breiten gesellschaftlichen Ebene gelöst werden.
Sowohl als auch. Eine Kulturflatrate wäre eine Art Pauschale, wie sie in anderen Bereichen geleistet wird. Wenn ich nicht Auto fahre und keine Autobahn benutze, finanziere ich sie über die Steuern trotzdem mit, weil sie zur Infrastruktur dieses Landes gehört. Zur Infrastruktur einer Demokratie sollten auch Meinungs- und Informationsvielfalt gehören. Die Leute wollen ja auch ins Tram steigen und sind froh, wenn es pünktlich fährt – genauso wollen sie künstlerische Produkte lesen, anschauen, anhören. Und wie fürs Tram müssen sie auch dafür bezahlen – je stärker sie das Angebot nutzen, desto mehr. Diese Nutzung kann also nicht nur pauschal gelöst werden, sondern auch, indem das bestehende Urheberrechtsgesetz durchgesetzt wird.

Wie ist die Situation in der Literatur? Wird die zunehmende Beliebtheit von E-Books zu einer ähnlichen Download-Problematik wie in der Musik führen?
Das wird kommen. Die Literatur hinkt da der Musik noch weit hinterher. Natürlich werden auch Bücher im Internet zur Verfügung gestellt und können da dann gefunden werden. Wir wollen gelesen werden, aber gleichzeitig ist damit Arbeit verbunden. Es kann nicht sein, dass das nicht mehr respektiert wird. Dazu haben alle ihren Teil beizutragen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 13.06.2012, 13:20 Uhr)

Suisseculture

Suisseculture ist der Dachverband der Organisationen der professionellen Kulturschaffenden und der Urheberrechtsgesellschaften. Er engagiert sich hauptsächlich in der Medien- und Kulturpolitik und im Urheberrecht.

Ruth Schweikert

Ruth Schweikert ist Schriftstellerin und Präsidentin des Verbandes Suisseculture. Als Autorin ist sie mit Büchern wie «Erdnüsse. Totschlagen» und «Ohio» in Erscheinung getreten. Sie lebt in Zürich.

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