«Die Festung Europa muss errichtet werden»

Proteste verhinderten einen Auftritt des Rechtspopulisten Marc Jongen in der Zürcher Gessnerallee. Der AfD-Vordenker hält diese Reaktion für antidemokratisch.

«Ich suche keinen Krawall, sondern reagiere auf Vorkommnisse»: Der AfD-Intellektuelle Marc Jongen bei einem Auftritt in Deutschland. Foto: Gerhard Leber (Imago)

«Ich suche keinen Krawall, sondern reagiere auf Vorkommnisse»: Der AfD-Intellektuelle Marc Jongen bei einem Auftritt in Deutschland. Foto: Gerhard Leber (Imago)

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Sind Sie dankbar, dass Sie durch die Absage des Podiums Aufmerksamkeit erhalten haben?
Rein PR-technisch betrachtet könnte ich tatsächlich dankbar sein. Aber als Demokraten muss es uns doch alle besorgt stimmen, wenn eine Diskussion von legitimen Positionen wegen Erpressung abgesagt wird. Zur Demokratie gehört es, dass man den Gegner anhört. Das hat man in diesem Fall unterbunden. Und die Gegner meines Auftritts in Zürich haben sich als das demaskiert, was sie in mir sehen wollen: als Antidemokraten.

Sie sind ein Verteidiger der funktionierenden demokratischen Systeme, wie sie heute in Europa existieren?
Wie sie existieren sollten, aber es teils schon nicht mehr tun, wie die Erpressung nun gezeigt hat. Ähnliche Vorfälle gibt es in Deutschland zuhauf. Hoteliers werden unter Druck gesetzt, dass AfD-Veranstaltungen abgesagt werden müssen. Das zeigt, wie sich ein Meinungs- und Parteienkartell als Block gebildet hat, dem die AfD als einzige ernst zu nehmende Opposition gegenübersteht.

Das stimmt nicht. Das Podium in Zürich hatte auch linke Verteidiger.
Die konnten sich aber leider nicht durchsetzen. Ich habe nichts gegen Meinungsäusserungen gegen die AfD oder mich. Bei Gewaltandrohungen hört der Spass aber auf. Dafür habe ich absolut kein Verständnis. Die Ironie der Geschichte ist ja, dass die Proteste motiviert sind von einem Kampf gegen einen phantomartigen Rechtsradikalismus, dessen Bild man aus Deutschlands düsterer ­Vergangenheit zieht – und der nun auf gegenwärtige Bewegungen wie die AfD projiziert wird. Und dass unsere Gegner genau die Charakterzüge an den Tag legen, die während des Faschismus für Deutschland typisch waren. Wir erleben eine Art Wiederkehr des Verdrängten.

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Jetzt lenken Sie davon ab, dass gerade AfD-Mitglieder das NS-Regime wiederholt verharmlost haben. Björn Höcke sagte, es sei das «grosse Problem, dass man Hitler als das absolut Böse darstellt».
Herr Höcke hat diesen Satz unmittelbar danach dementiert. Ich möchte nicht kommentieren, worüber noch keine Klarheit besteht.

Höcke fällt zum wiederholten Male mit solchen Äusserungen auf. Und das als Geschichtslehrer.
Tatsächlich hat Herr Höcke unglückliche Äusserungen gemacht, die massgebliche AfD-Vertreter verurteilt haben. Auch ich habe ihn kritisiert, ich halte nur das Parteiausschlussverfahren für überzogen.

Höcke sprach bezüglich des Holocausts von einer «dämlichen Bewältigungspolitik». Deutschland sei das «einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat».
Ohne Frage waren diese Aussagen in ihrer Summe sehr unglücklich. Es fehlte in Herrn Höckes Rede nach meinem Empfinden ein sichtbares Zeichen der unmissverständlichen Verurteilung der dunkelsten Zeit deutscher Geschichte. Dadurch entsteht ein schiefes Bild, als ob die AfD daran etwas beschönigen wolle. Das ist überhaupt nicht der Fall. Das Programm der AfD besteht nicht darin, das Hässliche zu leugnen. Vielmehr wollen wir das Schöne deutlicher hervorheben, das es in anderen Perioden der deutschen Geschichte gegeben hat und das nicht überstrahlt werden darf von den berüchtigten zwölf Jahren. Es geht um eine andere Gewichtung in der Erinnerungspolitik, nicht um die Umschreibung der Geschichte.

Die AfD verurteilt alles Unrecht des Hitler-Regimes.
Selbstverständlich.

Sie sind kein gebürtiger Deutscher.
Das stimmt. Geboren bin ich in Südtirol. Der Staatsbürgerschaft nach war ich Holländer wie mein Vater, bis ich 2011 in Deutschland eingebürgert wurde.

Kann jeder ein Deutscher werden – auch ein syrischer Flüchtling?
Eine Nation kann Angehörige anderer Völker integrieren. Aber wie Charles de Gaulle gesagt hat: Man kann Individuen assimilieren, aber keine Völker. Als Individuum kann ich selbstverständlich Deutscher werden. Wie auch ein Türke oder ein Syrer. Das ist in der Geschichte immer wieder zehntausendfach geschehen. Wobei die kulturellen Hindernisse natürlich unterschiedlich gross sind. Ich möchte hier auch mit dem Vorurteil aufräumen, dass die AfD einen ethnischen oder gar rassisch definierten Volksbegriff hat. Das ist nicht der Fall. Die Deutschen sind eine Kulturgemeinschaft, keine klar umrissene ethnische Gruppe.

Im AfD-Programm heisst es, der Islam gehöre nicht zu Deutschland.
Das unterstütze ich voll und ganz. Damit ist nun nicht gemeint, die Muslime müssten Deutschland verlassen oder seien nicht willkommen. Aber der Islam als ein System des Glaubens und des alltäglichen Lebens gehört historisch gesehen nicht zur deutschen Kultur. Das muss man als Faktum akzeptieren. Der Islam und die Scharia sollen auch nicht Teil der deutschen Kultur werden. Das ist die Position der AfD, die ich teile.

Was heisst das, dürfen Muslime ihren Glauben nicht praktizieren?
Die Bekenntnisfreiheit ist im deutschen Grundgesetz festgeschrieben. In diesem Sinne steht es jedem Menschen zu, individuell das zu glauben, was er für richtig hält. Das wird auch von der AfD nicht angetastet, das wäre demokratiefeindlich.

Dürfen die Muslime praktizieren?
Da beginnt das Problem: Was heisst praktizieren? Wenn das bedeutet, die Scharia zur Anwendung zu bringen, kann man nicht tolerieren, dass der Islam umfassend praktiziert wird.

In Deutschland gibts keine Scharia.
Leider sind im Islam die Übergänge zwischen Traditionalisten und radikalen Fundamentalisten oft fliessend. Es muss daher beobachtet werden, ob radikale Kräfte die Moscheen als konspirative Versammlungsorte für ihre Machenschaften nutzen. Es ist völlig klar, dass es gutwillige Muslime gibt, die nichts anderes wollen, als in Deutschland friedlich zu leben, und die selbst Angst haben vor den radikalen Anhängern ihrer Religion. Gerade auch um derentwillen muss der deutsche Staat sehr scharf darauf achten, dass die Radikalen keinen Fuss in die Tür bekommen.

Sie stehen für eine Abschottung Europas gegenüber den Flüchtlingen.
Absolut. Die Festung Europa muss errichtet werden. Sonst sind wir einem Diktator wie Erdogan ausgeliefert, der für uns die Drecksarbeit erledigt, damit wir mit weisser Weste dastehen können. Das ist die Verlogenheit der Merkel-Regierung, dass sie sich mit diesem Despoten ins Boot setzt, der definitiv nicht zu Europa gehört. Europa muss seinen Grenzschutz selbst in die Hand nehmen.

Damit verschwindet die Not nicht aus der Welt. Gehört Humanität nicht zur deutschen Kultur?
Abschottung hat nichts mit einer Verbunkerung gegenüber der Not der Welt zu tun. Es muss zweigleisig vorgegangen werden: Zunächst muss der Grenzschutz funktionieren. Sodann muss alles getan werden, damit die Flüchtlinge dort bleiben und in Frieden leben können, wo sie eigentlich zu Hause sind.

Wie könnten Syrer Asyl beantragen, wenn es nach der AfD ginge?
Dafür müsste der Asylantrag in Auffangzentren ausserhalb Europas gestellt werden. Im Fall von Syrien sollte es in sicheren Ländern wie dem Libanon einen Anlaufpunkt geben, wo diese Asylanträge gestellt werden können. Wenn die Prüfung dort positiv erfolgt, dann können die Flüchtlinge legal nach Europa und damit auch nach Deutschland einreisen, wenn es dafür Kontingente gibt.

Die AfD will mit dem Euro-Ausstieg eine Spaltung der EU betreiben. Ihr Asylverfahren wäre unmöglich.
Wir sind nicht gegen Europa als Wertegemeinschaft. Und wir sind gerade in der Grenzsicherungsfrage, aber auch im Handelsaustausch für eine enge Kooperation zwischen den europäischen Ländern. Wir sind nur gegen eine Schleifung der nationalen Souveränität zugunsten einer technokratischen, hyperbürokratischen Behörde in Brüssel, die von den europäischen Völkern nie so richtig und nun immer weniger akzeptiert wird, weil sie zu vielen schädlichen Entwicklungen geführt hat. Allen voran zur Fehlkonstruktion des Euros, der Griechenland und andere südliche Ländern in Armut und Depression gestürzt hat.

Eine Rückkehr zum Nationalstaat löst nichts. Sie arbeiten nur auf Polarisierung und Verfeindung hin.
Dass wir in Europa gegenwärtig in eine Polarisierung hineinlaufen, ist unübersehbar. Ich suche aber keinen Krawall, sondern reagiere nur auf Vorkommnisse, die ich als sehr radikal empfinde. Was Angela Merkel mit ihrer Willkommenskultur propagiert hat, ist ja eine Kampfansage: Die Bundeskanzlerin wurde gewählt, das Wohl des deutschen Volkes zu mehren. Und nicht, um das Heil der ganzen Welt zu befördern auf Kosten Deutschlands. Darauf reagiere ich eigentlich sehr moderat.

Wenn Sie Merkel eine «irre Psychiaterin» nennen, die den Deutschen gut zuredend immer heftigere Stromstösse zufügt, sehe ich darin nur Diffamierung – und in Ihnen einen Wiedergänger von Carl Schmitt, der Feindschaft zur Essenz des Politischen erhob.
Mit dem Bild der «irren Psychiaterin» habe ich einer Stimmung Ausdruck gegeben, die ich wahrnehme. Ich empfinde das nicht als Diffamierung, sondern als Analyse. Natürlich können sich in einer Polarisierung die Vorgänge aufschaukeln und Eigendynamiken entwickeln. Aber bei aller rhetorischen Schärfe gehöre ich nicht zu jenen, die auf eine Spaltung oder einen Bruch der Gesellschaft hinarbeiten. Oder darauf, dass es gar zu Gewalt kommt. Deshalb war ich ja auch bereit, in Zürich zu diskutieren. Nur ist es dazu wegen Erpressung nicht gekommen. Und da frage ich dann, von welcher Seite die Spaltung ausgeht.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.03.2017, 07:36 Uhr

Parteiphilosoph der AfD

Marc Jongen, geboren 1968, gilt als Chefdenker der rechtspopulistischen Alternative für Deutschland (AfD). Der Schüler Peter Sloterdijks steht für einen nationalistischen Begriff von deutscher Kultur. Seit dieser Woche ist Jongen einer der beiden Sprecher der AfD Baden-Württemberg. Zudem kandidiert Jongen für die anstehenden Wahlen des Deutschen Bundestags. Sollte er ein Mandat erhalten, wird Jongen seine Assistenz für Philosophie an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe aufgeben. Seine Habilitation zur «Phänomenologie des Untoten» bei Jacques Derrida und Slavoj Žižek bleibt deshalb wohl unvollendet. (atob)

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