Kultur

Die Kurve schweigt

Interview: Philippe Zweifel. Aktualisiert am 14.11.2011 24 Kommentare

Auch nach den jüngsten Vorkommnissen schweigen die eingefleischten Fussballfans. Hooligan-Experte Thomas Busset über den Ehrenkodex und die Selbstregulierung innerhalb von Fankurven.

1/10 Vor dem Meistertitel 2006 dümpelte der FCZ jahrelang im Mittelmass herum. Bei Derbys waren die Ränge trotzdem gut gefüllt: Fans des FC Zürich freuen sich am Sonntag, 26. September 2004, über den Sieg gegen den Erzrivalen GC.
Bild: Steffen Schmidt/Keystone

   

Der Historiker Thomas Busset war Assistent und Mitarbeiter in verschiedenen Instituten - an der Uni Lausanne, der ETH Zürich, der unabhängigen Experten-Kommission der Schweiz im 2. Weltkrieg. Zurzeit forscht er im Umfeld des Hooliganismus und der Geschichte des Schweizer Wintersports. Seit 2004 arbeitet Busset im Centre international d'étude du sport (CIES), das der Uni Neuenburg angeschlossen ist.

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Der Mann, der in Rom am FCZ-Spiel drei Finger verlor, will sich nicht zum Vorfall äussern. Warum?
Das überrascht kaum. Dass solche Vorkommnisse intern geregelt werden, dass man gegen aussen schweigt, gehört zum Selbstverständnis dieser Gruppierungen. Allerdings steht die Aufarbeitung noch bevor, bei den Betroffenen und in der Fanszene.

Was sind die Konsequenzen, wenn man gegen diese Schweigepflicht verstösst?
Wenn jemand die Regeln bricht, kommt es im Prinzip zum Ausschluss aus der Gruppe. Wie weit einzelne Gruppierungen sonst gehen, kann ich nicht sagen. Ich weiss aber von einem Fall eines Informanten, der massiv unter Druck gesetzt wurde.

Ist die Schweigepflicht Teil eines bestimmten Ehrenkodex?
Ja, wobei Ehrenkodex ein Begriff ist, der eher der Hooligan-Szene zugeschrieben wird: Wenn in einer Schlägerei etwa jemand zu Boden geht, darf man nicht weiterschlagen. Bei den Ultras gibt es Verhaltensregeln, die auf Werten wie Freundschaft, Treue zum Verein und Lokalpatriotismus basieren. Darüber hinaus bestehen zwischen Gruppierungen Differenzen zum Beispiel im Hinblick auf die Formulierung von Fananliegen oder gesellschaftlichen Anliegen. Die Fanszene ist weit heterogener als in der Öffentlichkeit angenommen. In der Fankurve gibt es auch Leute, die sich über das Verhalten anderer masslos ärgern. Von aussen gesehen hat man sogar das Gefühl, dass sich die Fankurven heute selbst zerstören.

Wie verbreiten sich solche Regeln?
Innerhalb der Kurve gibt es Identifikationsfiguren, die Verhaltensregeln verinnerlicht und vielleicht auch mitgestaltet haben. Es gibt einzelne Exponenten, die über die lokale Fankurve hinaus vernetzt und informiert sind. Zudem gibt es viel Literatur zum Thema, im Internet, aber auch als Bücher. Solche Schriften werden gelesen und in Foren ausführlich diskutiert. Die Leader innerhalb der Szene schauen, dass die Regeln respektiert werden, wobei man oft hört, dass es immer schwieriger sei, den Nachwuchs und sein Verlangen nach Action zu bändigen.

Nicht nur gegenüber Polizei oder Verein halten sich die Ultras bedeckt. Insbesondere gegenüber den Medien gibt man sich verschwiegen. Wenn mal jemand spricht, dann anonymisiert als «Szenekenner». Warum?
Früher gab es Leute aus der Szene, die willentlich Auskunft gegeben haben, weil sie so bestimmte Vorurteile korrigieren wollten. Denn grundsätzlich wollen sie mit ihren Anliegen ernst genommen werden, sie verstehen sich ja als Teil des Vereins. Heute ist dieses Mitteilungsbedürfnis stark gesunken. Die Fans haben das Gefühl, von den Medien in ein schlechtes Licht gerückt zu werden. Sie empfinden die Berichterstattung generell als Empörungsjournalismus ohne objektive Distanz. Auch die Pauschalisierung der verschiedenen Fangruppen kreidet man den Medien an.

Ist das Schweigen klug? Führt das nicht zu weiterem Unverständnis in der Öffentlichkeit?
Die Haltung ist diesbezüglich tatsächlich ambivalent und teilweise widersprüchlich. Man will Akteur sein – aber verweigert die Kommunikation. Wobei die Fans mit ihrer Medienkritik auch einen wunden Punkt treffen. Es ist tatsächlich so, dass es keine kontinuierliche Berichterstattung über das Thema gibt und leider nur sehr wenige Journalisten, die Dossierkompetenz besitzen. Man reagiert vor allem auf dramatische Ereignisse.

Wie kann man den Kontakt zu den Gruppen herstellen?
Ein Informationskanal kann über die Fan-Arbeit laufen. Diese übernimmt somit eine Vermittlerfunktion. Allerdings braucht es Zeit, um ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. Zudem ist die sogenannte Pyrodiskussion in eine Sackgasse geraten. Der Verband und die Behörden pochen auf das Gesetz, die Fans auf ihre Kultur.

Werden die Fan-Arbeiter von den Ultras ernst genommen?
Die Wahrnehmung solcher Fanprojekte ist unterschiedlich. In Basel beispielsweise hat man eine Vertrauensbasis zwischen Verein, Fanprojekt und Fanszene aufbauen können. Beim FCZ weigern sich meines Wissens gewisse Gruppierungen weiterhin, professionelle Fan-Arbeit zu akzeptieren. Sie wollen die Probleme stattdessen selber lösen.

Die vielbeschworene Selbstregulierung.
Genau. Die Selbstregulierung ist im Prinzip der beste Weg, um negativen Kräften innerhalb der Szene entgegenzutreten. Wobei die Selbstregulierung nicht darin besteht, die Schweizer Gesetzgebung durchzusetzen. Es geht um die internen Regeln.

Wie muss man sich das konkret vorstellen?
Vor zwei Jahren beispielsweise gab es bei einem Spiel zwischen dem FCZ und dem FC Basel einen Fackelwurf von FCZ-Fans auf Basler Zuschauer. Danach kam es zwischen Gruppierungen aus der Zürcher Kurve zu einer Schlägerei, weil man den Fackelwurf nicht goutierte. Im jüngsten Fall in Rom aber waren die Betroffenen Leute aus der Fanszene. Wie Selbstregulierung in einem solch dramatischen Fall funktioniert, wird sich noch zeigen. In einer kürzlich erschienenen Studie aus Deutschland bezeichnen sich Ultras auch als Sozialarbeiter, die sich im Alltag um Leute aus der Gruppe kümmern. Es wird interessant zu sehen sein, wie dies im Fall des Petardenopfers ist. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.11.2011, 10:22 Uhr

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24 Kommentare

marcel finn

10.11.2011, 10:39 Uhr
Melden 59 Empfehlung

Den Medien würde es gut anstehen ebenfalls zu schweigen... Antworten


Siimon Schmuki

10.11.2011, 13:06 Uhr
Melden 54 Empfehlung

schon witzig, dass zu solchen themen immer diejenigen was dazu schreiben, die am wenigsten eine Ahnung haben. Wer noch nie regelmässig in der Kurve stand, versteht rein gar nichts. Einfach mal ein denkanstoss: kommentar von Hüppi 1990, als das Stadion brannte, "wow, was für eine Stimmung, die Fans geben alles, ......." Heute sind es nur noch Chaoten und Hools. Lächerlich von A-Z! Antworten



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