Kultur
Die Live-Gesellschaft
Interview: Olivia Müller. Aktualisiert am 31.03.2012 11 Kommentare
Prof. Dr. Peter Kruse ist geschäftsführender Gesellschafter der Nextpractice GmbH und Honorarprofessor für Allgemeine und Organisationspsychologie an der Universität Bremen. Er beschäftigte sich während über 15 Jahren als Wissenschaftler auf der Schnittfläche von Neurophysiologie und Experimentalpsychologie mit der
Komplexitätsverarbeitung in intelligenten Netzwerken. (Bild: ZVG)
Unfall-Videos schockieren Öffentlichkeit
Vergangenes Wochenende ereignete sich ein tragischer Autounfall unter der Europabrücke, zwei Tage später sprang ein Mädchen vom Dach des Jelmoli-Gebäudes in Zürich. Beide Male kursierten Bilder und Videos der tragischen Ereignisse im Internet.
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Woher rührt der Wunsch, Live-Time-Momente zu kommunizieren?
Es ist eines der tief verankerten Bedürfnisse des Menschen, in seinem Leben Spuren zu hinterlassen, die von anderen wahrgenommen werden. Das Internet wirkt diesbezüglich wie ein gigantisches Versprechen. Die berühmten, von Andy Warhol zitierten «15 Minuten Ruhm» des Medientheoretikers Marshall McLuhan erscheinen in den neuen Medien so einfach erreichbar wie niemals zuvor. Netzwerke können sich schnell zu enormen Massenbewegungen aufschaukeln, wenn etwas attraktiv genug ist, um eine virale Verbreitung auszulösen. Das Beispiel Wikileaks hat gezeigt, dass es sogar möglich ist, quasi aus dem Stand die Weltöffentlichkeit zu bewegen.
Wieso setzen wir dafür auf Social Media?
Das ist ein direkter Effekt der Architektur der sozialen Netzwerke: Maximale Vernetzungsdichte, eine unglaubliche grosse Zahl spontan aktiver Teilnehmer und schnelle Rückkoppelungseffekte über Re-Tweet bei Twitter, I-Like bei Facebook oder +1 bei Google begünstigen die Resonanzbildung. Ein kleiner Impuls ist da jederzeit in der Lage, eine kommunikative Lawine auszulösen. Ein einzelner Schnappschuss oder ein Videofilmchen können in kürzester Zeit zum Massenphänomen werden. Kleine Ursache, grosse Wirkung. Dieses Prinzip ist den Menschen heute sehr bewusst.
Wieso wird auch das negative Ereignis wie ein Unfall oder dergleichen dokumentiert? Ist das die nächste Stufe des Gaffer-Reflexes?
Den Gaffer-Reflex gab es schon immer: Sobald etwas Unerwartetes passiert, kommt es zu einer unbewussten Orientierungsreaktion. Wegschauen ist dann fast nicht möglich. Dem Aussergewöhnlichen zollt unser Gehirn grundsätzlich mehr Aufmerksamkeit als dem Alltäglichen. Aber heute geht es primär darum, das Geschehen festzuhalten und weiterzuverbreiten.
Wieso dieser Eifer?
Mit dem Internet ist jeder ein potenzieller Reporter oder Berichterstatter geworden. Im überfordernden Strom medial aufbereiteter Informationen, der heute ununterbrochen auf uns einwirkt, hat das authentisch Erlebte einen besonderen Stellenwert. Die Glaubwürdigkeit des zufälligen Zeugen wird aufgewertet. Da berichtet jemand, der einfach dabei war und der kein anderes Interesse hat oder zu haben scheint, als das Erlebte mitzuteilen.
Verkommt da nicht alles zu einer Fiktionalisierung der Realität?
Im Gegenteil, die Fiktionalisierung der Realität wird über das Internet wahrscheinlich wieder etwas zurückgenommen. Verglichen mit der inszenierten Alltagsnähe von Dokusoaps spiegeln Facebook-Statusmeldungen und Kurzmitteilungen bei Twitter wohl zumeist eher die pralle Wirklichkeit wider.
Sehen Sie das nun positiv oder negativ?
Das Internet ist eine Kulturtechnik, die das gesellschaftliche Leben mindestens so dramatisch beeinflusst wie der Buchdruck. In diesen Dimensionen der Veränderung ist es wenig hilfreich, auf der Ebene von Meinungen oder Vorlieben zu argumentieren. Ob ich etwas positiv oder negativ finde, hat also wenig Bedeutung. Das Internet ist ein machtvoller Eingriff in unser Leben und solange wir es nicht abschalten, stehen wir alle in der Verantwortung, das Beste daraus zu machen. Sicher ist, dass das Internet den Zugang zu Informationen revolutioniert, Wissen demokratisiert und die Macht immer mehr vom Anbieter zum Nachfrager verschiebt. Das Internet ist ein Experiment. Ausgang ungewiss.
Risiken inbegriffen?
Tatsächlich glaube ich, dass die Chancen gegenwärtig die Risiken überwiegen. Beim Experiment Internet gibt es kein Mehr oder Weniger, sondern nur ganz oder gar nicht. Unstrittig ist, dass das Internet die Transparenz in Wirtschaft und Politik erhöht. Ausserdem eröffnet es den Nutzern eine Welt der Kreativität. Der Preis, den wir bezahlen, ist der Verlust der Vertraulichkeit sowie die Verwässerung des Urheberrechts. Es geht nicht darum, ob wir das Internet gut oder schlecht finden, sondern darum, wie sich das gesellschaftliche Kosten-Nutzen-Verhältnis in Zukunft entwickelt.
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 30.03.2012, 13:30 Uhr
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