Interview

«Die Musikindustrie hat 1000 Probleme»

Die neue Musikwirtschaft ist digital, mobil und sozial orientiert. Wie kann man als Musiker da Geld verdienen? Zukunftsforscher Gerd Leonhard gibt Auskunft über seine Ideen und sein Modell einer öffentlichen Lizenz.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Gerd Leonhard, kann man als Musiker heute im freien Markt noch Geld verdienen?
Auf alle Fälle. Musiker haben bisher ja immer mit ganz verschiedenen Sachen Geld verdient, von CD-Verkauf über Filmspots bis zu Konzerten. Das kann auf dem Internet noch viel mehr Kraft entfalten, weil der Vertrieb und die Werbung da fast nichts kosten. Es gibt ja schon viele Künstler, die das Internet als Kanal nutzen, um ihre Marke aufzubauen, und mit allen möglichen Dingen Geld verdienen, nicht nur mit Musikverkauf – von Lady Gaga bis zur lokalen Jazzband. Sicherlich ist man als Musiker immer einem gewissen Darwinismus ausgesetzt, aber auch früher sind nur ganz wenige reich geworden. Wenn man das Geschäft demokratisiert, ist das sowieso besser für uns alle.

Was ist denn das grösste Problem der Musikindustrie heute?
Da könnte man ungefähr 1000 aufzählen! Ich denke, das grundlegende Problem ist schlicht und ergreifend, dass es jahrzehntelang möglich war, den Vertrieb zu kontrollieren. Das geht aber nicht mehr, weder legal noch technisch. Die Musikindustrie muss ihr Geschäftsmodell neu erfinden und weggehen von der Idee, Musik als Einheit zu verkaufen. Sie muss ein umfassendes Angebot entwickeln.

Sie haben einen Vorschlag zur Lösung – können Sie den kurz skizzieren?
Die einzige Lösung ist, zu sagen, dass die Musik wie das Radio oder das Fernsehen eine öffentliche Lizenz bekommt, die entweder zusammen festgelegt oder vom Staat bestimmt wird. Die neue Musikwirtschaft ist digital zentriert, auf mobile Geräte, auf soziale Netzwerke orientiert; da geht es nicht so sehr um Kopien, sondern um Aufmerksamkeit. Es geht also dahin zurück, wo es vor der CD war.

Gibt es bereits ähnliche Lösungen?
In Dänemark gibt es eine privat verhandelte Lösung der Telecomfirma TDC, die eine Flat Fee zahlt und Musik gratis abgibt an ihre Nutzer. Das läuft hervorragend, kam aber nur darum zustande, weil die dänische Regierung gesagt hat: Es liegt Geld auf dem Tisch, und wir haben ein Problem mit illegalen Downloads – ihr solltet das Geld nehmen und euch einig werden. Auch anderswo werden ähnliche Lösungen diskutiert, in Brasilien, Kanada, Indonesien, weil es de facto das Problem der Piraterie auflöst.

Würde das in der Schweiz auch funktionieren?
Ich glaube sogar, dass die Schweiz der ideale Platz dafür ist, denn wir haben ein soziales Bewusstsein – wir schauen, dass es immer für alle stimmt –, das Geld ist durchaus da, der Betrag wäre nicht so hoch, das Gesetz muss nicht geändert werden, es gäbe nur eine neue Lizenz. Ich glaube, dass wir damit auch zeigen könnten, wie man etwas kreativ lösen kann.

Was ist der Vorteil einer solchen Lizenz?
Der Vorteil einer öffentlichen Lizenz wäre, dass ein Standard besteht. Es wird gesagt, wenn jemand Musik anbieten will, kann er das für einen Franken pro Konsument und Woche tun. Diese Lizenz wird Anbietern wie Telekomfirmen oder Google gegeben, die können das Geld dann mit Werbung wieder reinholen, wie sie wollen; die Idee ist nicht, dass alle Konsumenten zahlen müssen für die Musik. Allerdings hat man in einem Markt wie der Schweiz nicht viel Wachstumspotenzial. Bei maximal fünf Millionen Usern hat man eben maximal 150 Millionen Franken. Es wird aber nicht irgendwann 50 Millionen User geben.

Gibt es gar keine zusätzlichen Möglichkeiten?
Gut, man kann diesen Topf von 150 Millionen Franken durchaus vergrössern, wenn Leute parallele Angebote nutzen, die einen Mehrwert erzeugen. Mit Premium-Angeboten kann man dann das wirkliche Geschäft machen, in dem man zum Beispiel grössere Volumen, High Definition oder Live-Concert-Recordings anbietet, eine Art Upselling wie bei Games.

Wie soll das eingenommene Geld dann verteilt werden?
Das Geld wird wie beim Radio so verteilt, dass wichtig ist, wie oft man gespielt wird, einerlei ob Stream oder Download. Das wird gezählt, anonymisiert natürlich, damit der User nicht überwacht wird. Wenn meine Band also ein Prozent der gesamten Streams und Downloads hat, kriege ich ein Prozent aus dem Topf. Das wäre für die unabhängigen Künstler ein grosser Vorteil, weil sie im Allgemeinen besser sind mit Marketing und ein aktiveres Publikum haben.

Als Sie im Juli Ihren ersten Vorschlag veröffentlicht haben, gab es von allen Seiten heftige Reaktionen…
…ach, das war ja nicht das erste Mal, ich bin seit zehn Jahren an diesem Thema.

Haben Sie denn das Gefühl, man sei in der Diskussion schon weitergekommen?
Ich verstehe, dass für Suisa oder Musikschaffende mein Vorschlag ein bisschen nach Ausverkauf klingt, weil er das bestehende Verhalten vollständig legalisiert. Es kann gut sein, dass der Preis für die Musik geringer ist als vorher – aber das ist die Realität, in der wir leben. Wir können nicht rückwärts gehen und die Musik teurer machen. Die grösste Mauer ist bei den Firmen, die den grossen Teil des bestehenden Marktes besitzen und ihn auch gerne behalten würden.

Was erwarten Sie von der Podiumsdiskussion vom kommenden Mittwoch?
Wir sollten klären, worum es geht und worum es nicht geht: Es geht nicht um eine Musiksteuer, sondern um eine öffentliche Lösung mit Mehrwert für alle. Wir sollten die Diskussion darüber führen, was möglich wäre, und die Fronten enthärten. Die Interessen der Urheber, nicht von deren Vertreter, und die Interessen der Konsumenten müssen unbedingt in den Vordergrund kommen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 27.11.2012, 12:40 Uhr

Veranstaltung zum Thema

Am Mittwoch, 28. November findet in der Roten Fabrik in Zürich eine Podiumsdiskussion über die Idee einer Musikflatrate statt. Gerd Leonhard wird sein Modell vorstellen und die verschiedenen Interessenvertreter werden dazu Stellung nehmen und diskutieren.

Details zum Anlass

Gerd Leonhard

Gerd Leonhard arbeitete zehn Jahre lang als professioneller Gitarrist, Komponist und Produzent, bevor er sich als Internet-Unternehmer in San Francisco selbständig machte. 2002 kehrte er nach Europa zurück und machte sich einen Namen als Buchautor, Berater und Zukunftsforscher.

Im Juli 2012 veröffentlichte er einen Vorschlag für eine Musikflatrate (PDF), was eine heftige Reaktion von SUISA, IFPI und Musikschaffenden (PDF) nach sich zog. Nach Leonhards Replik verlagerte sich die Diskussion vor allem auf eine dafür eingerichtete Facebook-Page.

Artikel zum Thema

«Der Staat darf nicht zensieren»

Interview Denis Simonet von der Piratenpartei über Filesharing, die Urheberrechtsdebatte – und wieso Musikschaffende das Internet nicht verstanden haben. Mehr...

«Wir wollen keine Subventionen, wir wollen einen funktionierenden Markt»

Ist die Schweiz ein «Urheberrechts-Guantánamo»? Das behauptet der Verein Musikschaffende Schweiz. Präsident Reto Burrell nimmt Stellung. Mehr...

«Die Schweiz ist das Urheberrechts-Guantánamo in Europa»

Das Urheberrecht im Internet ist ein umstrittenes Thema. Neben der altbekannten Download-Problematik werden auch Ideen wie die Kulturflatrate diskutiert. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Abo

Digitale Abos - Neu ab 18.- pro Monat

Tages-Anzeiger unbeschränkt lesen:
Jetzt neu ab 18.- CHF pro Monat.

Die Welt in Bildern

Sonnenschutz: Ein Feiernder am Glastonbury Festival versucht sich von der Sonne zu schützen (21. Juni 2017).
(Bild: Dylan Martinez) Mehr...