Die «Stinkefinger-Affäre» erklärt

Hat Varoufakis den Mittelfinger ausgefahren? Spielt das eine Rolle? Wer ist der grosse Verlierer? Sieben Fragen, sieben Antworten.

Kleine Geste, grosse Wirkung: Giannis Varoufakis während seines umstrittenen Auftritts.

Kleine Geste, grosse Wirkung: Giannis Varoufakis während seines umstrittenen Auftritts.

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1. Was ist passiert?
Am Sonntag war der griechische Finanzminister Giannis Varoufakis bei Günther Jauchs ARD-Talkshow zugeschaltet. Der Titel der Sendung lautete: «Der Euro-Schreck stellt sich – Finanzminister Varoufakis». Jauch spielte ein Youtube-Video von einem Auftritt Varoufakis' bei einer Konferenz in Zagreb 2013 ein. Darin ist zusammen geschnitten zu sehen, wie Varoufakis über die Eurokrise referiert und den Mittelfinger ausstreckt und sagt: «Griechenland sollte einfach verkünden, dass es nicht zahlen kann...und Deutschland den Finger zeigen: ‹Jetzt könnt ihr dieses Problem allein lösen.›»

Noch während der Sendung brach Unsicherheit aus: Ist der Videoausschnitt echt? Varoufakis bestritt dies und warf der Redaktion vor, einer Fälschung auf den Leim gegangen zu sein. Jauch und seine Redakteure konterten am nächsten Tag mit einer technischen Analyse des Videos, Befund: Es sei zu 99,9 Prozent authentisch.

2. Was hat Satiriker Jan Böhmermann damit zu tun?
Gestern Abend sprang Jan Böhmermann von der ZDF-Satiresendung «Neo Magazin Royale» Varoufakis überraschend zur Hilfe. Er sagte, seine Leute hätten das Video gefälscht und Jauch untergejubelt. Heute Morgen hat er dies dann dementiert. Auch sein Sender, das ZDF, meldete heute Mittag, dass Böhmermanns Aussage, das Video gefälscht zu haben, «Satire» sei – also falsch war.

3. Hat Varoufakis den Mittelfinger nun gezeigt?
Es sieht ganz danach aus. Hier die Ereignisse in der Timeline:

  • Mai 2013: Varoufakis echauffiert sich an einem Auftritt in Zagreb über die Anschuldigungen an Griechenland und zeigt dabei den Finger. Niemand nimmt Notiz davon.
  • Februar 2015: Jan Böhmermann produziert einen Musikclip über die Deutschen und Varoufakis. Dabei stösst er auf das Mittelfinger-Video und verwendet es für seinen Clip. Wieder nimmt niemand davon Notiz.
  • Sonntag: Jauch verwendet den Ausschnitt in seiner Sendung. Es folgen Diskussionen, ob Varoufakis den Finger gezeigt habe beziehungsweise ob das Video eine Fälschung sei.
  • Montag: Jauchs Team analysiert das Video und kommt zum Schluss: Der Mittelfinger wurde nicht reinmontiert.
  • Mittwochabend: ZDF-Satiriker Böhmermann behauptet, das Mittelfinger-Video gefälscht zu haben und legt dafür eine vermeintlich echte Doku vor (siehe Video unten).
  • Am Donnerstagmittag räumt das ZDF offiziell ein: Mitarbeiter Böhmermann habe das Video nicht gefälscht.

4. Wer geht als Verlierer aus der Angelegenheit heraus?
Günther Jauch. Denn Varoufakis' Äusserungen in dem eingespielten Video bezogen sich auf die Vergangenheit und nicht auf die aktuelle Entwicklung in Griechenland: Varoufakis hatte in Zagreb 2013 bloss gesagt, Griechenland hätte schon im Januar 2010 nach dem Vorbild Argentiniens seine Zahlungsunfähigkeit erklären, «Deutschland den Finger zeigen und sagen können: ‹Jetzt könnt ihr dieses Problem allein lösen›». Varoufakis sagte also, dass es für ihn gerade keine Option war, Deutschland den Stinkefinger zu zeigen. Kurz, Jauch hat Varoufakis' Aussage aus dem Kontext gerissen und so Stimmung gegen Griechenland gemacht.

5. Und Giannis Varoufakis?
Seine Beteuerungen, das Video sei gefälscht, sind offenbar nicht richtig. Auch wenn er sich tatsächlich nicht an die Geste erinnern konnte: Seine Beteuerungen waren ein Fehler, er hätte sagen müssen, dass er einen so kurzen Ausschnitt nicht kommentieren könne. Doch der Schaden für Varoufakis ist gering, denn eigentlich ist die Geste nebensächlich: Seine mündliche Aussage, dass man «Deutschland den Finger zeigen soll», ist ja unbestritten – aber eben auch aus dem Kontext gerissen. Jan Böhmermann bringt es am Ende seiner Erklärung so auf den Punkt:

«Liebe Redaktion von Günther Jauch. Giannis Varoufakis hat Unrecht. Ihr habt das Video nicht gefälscht. Ihr habt einfach das Video nur aus dem Zusammenhang gerissen und nen griechischen Politiker am Stinkefinger durchs Studio gezogen. Damit sich Muddi und Vaddi abends nach dem ‹Tatort› nochmal schön aufregen können. ‹Der Ausländer! Raus aus Europa mit dem! Er ist arm und nimmt uns Deutschen das Geld weg. Das gibt’s ja wohl gar nicht. Wir sind hier die Chefs! So!› Das habt ihr gemacht. Und der Rest ist von uns».

6. Wie steht Jan Böhmermann da?
Ihm ist ein satirischer Coup gelungen. Mit seiner Fälschung, die keine war, sorgte er nicht nur für Aufmerksamkeit für seine Sendung, sondern entlarvte die unsorgfältigen Recherchemethoden und die Stimmungsmache der Jauch-Sendung. Aber auch die Empörungsgesellschaft und Wirkungsweisen öffentlicher Debatten im Zeitalter von Social Media auf (Hashtag #varoufake) entblösste er - genauso wie die Unzuverlässigkeit von Videobeweisen. Einige Stimmen fordern allerdings, dass Böhmermann «gefälschte Nachrichten» wie obiger Youtube-Clip als Satire kennzeichnen müsse.

7. Wer ist überhaupt dieser Böhmermann?
Seine TV-Karriere startete Jan Böhmermann als Harald-Schmidt-Sidekick. Es folgte vor zwei Jahren die Retro-Talkshow «Roche & Böhmermann» auf ZDF Kultur. Aktuell leitet er die Satiresendung «Neo Magazin Royale». In der Vergangenheit hatte Böhmermann bereits den «TV Total»-Moderator Stefan Raab mit einem manipulierten Video hereingelegt. 2014 produzierte er in einem Studio aufwendig Szenen einer angeblich chinesischen TV-Show, deren Idee offensichtlich von Raab übernommen war. Dieser hatte das manipulierte Video für echt gehalten und sich über die nicht abgesprochene Kopie aufgeregt.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 19.03.2015, 04:00 Uhr)

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