Die ängstliche Kreatur

Düsterer und beglückender Ballettabend im Zürcher Opernhaus – «Notations» begeistert mit drei Uraufführungen von drei der angesagtesten Choreografen.

Perfektionierte Körpersprachen: Das Ensembles in Wayne McGregors «Kairos». Foto: Judith Schlosser

Perfektionierte Körpersprachen: Das Ensembles in Wayne McGregors «Kairos». Foto: Judith Schlosser

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Ein in mehrfacher Hinsicht ausser­gewöhnlicher Abend. Nicht nur, weil das zeitgenössische Tanzfestival Steps erstmals durch das Ballett des Zürcher Opernhauses eröffnet wurde. Sondern vor allem, weil in «Notations» drei Uraufführungen von drei der zurzeit an­gesagtesten Choreografen zu sehen sind. Eine Parforceleistung des Ensembles, das sich innert kurzer Zeit die völlig unterschiedlichen Körpersprachen aneignen musste. Wie befruchtend diese Anstrengung war, das war am Donnerstag den Tänzerinnen und Tänzern förmlich anzusehen: Selten hat man das Zürcher Ballett so offen, frei und zugleich präzise tanzen gesehen. Steps und das Zürcher Opernhaus haben einen glücklichen Zeitpunkt für ihre Zusammenarbeit gewählt.

Unentrinnbare Gefühle

Als günstigster Augenblick für ein weiteres Gelingen lässt sich auch das griechische «Kairos» übersetzen, das der ersten Premiere des Abends den Titel gibt. Eine weitere Bedeutung ist «Wetter». Dazu wählte der britische Choreograf Wayne McGregor die «Vier Jahreszeiten» von Antonio Vivaldi als Musik – allerdings in der Bearbeitung von Max Richter. McGregor verwandelt die Körper des ­Ensembles in schlangenartig sich um­zirkelnde Energiebündel. Zu Beginn sind die fünf Tänzerinnen und fünf Tänzer nur als im Stroboskoplicht zuckende Einzelgestalten hinter dem Gazevorhang sichtbar, auf den der britische Künstler Idris Khan die Partitur von Richter bis zur Unkenntlichkeit schichtet.

Diese Schichten und Wiederholungen finden sich ebenso in der Musik wieder wie in der Choreografie, in der die Tänzer die Bewegungen voneinander annehmen und weitergeben, sodass alles rund und so natürlich wirkt, dass man denken könnte, es wäre improvisiert – wäre es nicht gleichzeitig so deutlich strukturiert und von Wayne McGregors Handschrift geprägt. Diese basiert auf der Arbeit mit dem ureigenen – und in diesem Fall klassisch ausgebildeten – Bewegungsrepertoire, das ihm die einzelnen Tänzerinnen und Tänzer zur Ver­fügung stellen. So entsteht aus dem ­ballettösen Grundmaterial etwas ganz Neues, Einzigartiges und Unverkennbares. Das Premierenpublikum war schon vor der ersten Pause hingerissen.

Eine ganz andere Tanzsprache erklang in der zweiten Uraufführung «Sonett». Christian Spucks Interpretation von Shakespeares Sonetten wird zu einem grossen Teil von der kleinen Schauspielerin Mireille Mossé getragen, die aus den Texten rezitiert und dabei die Sprache zu einem tänzerischen ­Element erhebt. Doch nicht den Inhalt der 154 Sonette will der Zürcher Ballettdirektor in Tanz umsetzen, sondern ­deren Essenz. Düster und dunkel sind Bühnenbild und Kostüme, als gäbe es kein Entfliehen vor den Gefühlen, die den Dichter zum Schreiben zwangen.

Tanzen nach Versmass

Entsprechend kraftvoll und dynamisch ist die Musik (Philip Glass und W. A. ­Mozart), die die Tanzenden in wandelnden Paar- und Gruppenkonstellationen antreibt. Die Bewegungen orientieren sich am Versmass: 14 Zeilen umfasst ein  Sonett, 14 Phrasen tanzt auch die ­geheimnisvolle «Dark Lady» (Eva Dewaele), die Shakespeare in seinen Sonetten besingt, in ihrem gewaltigen Kleid. Die Tänzer des Ensembles nehmen ihre Struktur auf und variieren sie, bis am Ende die Verse verstummen und die Ratlosigkeit gegenüber der Liebe obsiegt.

Den atemraubenden Abschluss des Abends bildet «Deer Vision» von Marco Goecke. Sein Stück beginnt im Nebel, mit auf den Bühnenboden trommelnden Ästen und einem Solo, welches das Publikum schon mit dem ersten Zucken, dem ersten Schlag in seinen Bann zieht. Goeckes Bewegungssprache vermittelt in ihrer kantigen Schroffheit immer auch eine verzweifelte Suche nach zärtlicher Annäherung. Wie ängstliche Tiere im Wald beben die Tänzer auf der halb dunklen Bühne. Und gleichzeitig scheint jeder Ton aus dem Orchestergraben (Musik: Arnold Schönberg) in den Körpern seine Entsprechung zu finden. Die spürbare Verletzlichkeit der Kreatur wäre kaum auszuhalten, blitzte nicht immer wieder auch Witz auf.

Dann fauchen sich die Goecke-Geschöpfe an, und am Schluss schiebt sich ein dunkler Fels wie Unheil in den noch immer wabernden Nebel. Fast ist man froh, dieser unheilen und wahren Welt entkommen zu sein – aber gleichzeitig wünscht man sich, den Abend gleich noch ein zweites Mal zu erleben.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 26.04.2014, 08:15 Uhr)

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