Die herbeigeschriebene Krisennation

Von Rico Bandle. Aktualisiert am 16.11.2009 69 Kommentare

In regelmässigen Abständen erscheinen in deutschen Medien Texte über die «Befindlichkeit der Schweiz». So jetzt wieder im «Spiegel». Die Autoren sind in der Regel Schweizer, die in der angeblichen Krise ihre grosse Chance wittern.

Schweizer Krise als Verkaufsargument: Ankündigung zum doppelseitigen Essay in der aktuellen «Spiegel»-Ausgabe.

Schweizer Krise als Verkaufsargument: Ankündigung zum doppelseitigen Essay in der aktuellen «Spiegel»-Ausgabe.

Dossier

«Das Selbstbildnis und das Fremdbild der Schweiz stimmen nicht mehr überein», meint der Schweizer «Spiegel»-Journalist Mathieu von Rohr in einem doppelseitigen Essay über die «Krise der Schweiz». Mit bedeutungsschweren Sätzen führt er aus, weshalb die Schweiz «ein Jahr der Erschütterung» und «ein Jahr des globalen Liebesentzugs» hinter sich habe: «Das Bild der Schweiz als eines Sonderfalls der Geschichte war getragen vom Glauben an die eigene Auserwähltheit.»

Wäre dieser Essay unter dem Namen «Das Prinzip Kuh» der erste seiner Art, könnte man ihn durchaus als interessanten Denkanstoss werten. Er ist aber nur einer von unzähligen Erzeugnissen von Schweizer Journalisten und Autoren, die in deutschen Medien eine Schweiz in der Identitätskrise herbeischreiben. Führt man sich diese Artikel einmal zu Gemüte, die in regelmässigen Abständen im «Spiegel», respektive «Spiegel online», in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» (FAZ), der «Welt» oder der «Zeit» erscheinen, könnte man meinen, die Schweiz sei vor lauter Selbstzweifel paralysiert. Sofern sie noch nicht durch den Aufstieg der SVP zu einem ausländerhassenden, nationalkonservativen Land mutiert sei.

Zuletzt erhielten Schweizer Autoren im Zusammenhang mit Peer Steinbrücks «Kavallerie»-Getöse grosses Gehör in den deutschen Elite-Medien. Der Konflikt wurde, wie könnte es anders sein, mit der Befindlichkeit der Schweizer erklärt. Schriftsteller Thomas Hürlimann nahm die Schweiz in einem grossen Aufsatz in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» (FAZ) in Schutz und erklärte die unterschiedlichen Mentalitäten der beiden Länder mit der Herkunft: Die Schweizer kämen von den Bergen, die Deutschen aus dem Wald. Sein Berufskollege Urs Widmer erwiderte ihm in derselben Zeitung, die Mentalität der «Kuhschweizer und Sauschwaben» sei gar nicht so verschieden, um dann doch einige eidgenössische Sonderheiten festzustellen.

Die Krise als Chance

Für Schweizer Autoren eröffnen sich mit dieser «Krise der Schweiz» neue Perspektiven, sofern sie nicht ohnehin fest angestellt sind, wie zum Beispiel Mathieu von Rohr beim «Spiegel». Haben es hiesige Schreiber sonst beim grossen Nachbarn eher schwer, Themen zu platzieren, erhalten sie bei dem Thema so viel Raum, wie sonst nie. Peer Teuwsen, Leiter des Schweizer Ausgabe der «Zeit», streitet dies nicht ab: «Das kann man nach der Häufung solcher Artikel durchaus so empfinden», sagt er. «Allerdings sollten wir auch darüber nachdenken, weshalb das Ausland die Schweiz so wahrnimmt.»

Der Schweizer Politjournalist Christof Moser schrieb vor der letzten Nationalratswahl auf «Spiegel online» von einer «Demokratie am Rande des Nervenzusammenbruchs» und einem «Land ausser Rand und Band». Und dies, weil die SVP in ihrer Kampagne voll auf den damaligen Bundesrat Christoph Blocher setzte. Ein weiterer Schweizer Journalist, der regelmässig über Schweizer Themen auf «Spiegel online» berichtet, ist «SonntagsZeitung»-Mitarbeiter Michael Soukup. Über die Libyen-Affäre schrieb er: «Nach dem Steuerstreit mit Deutschland, der Zerschlagung des Bankgeheimnisses durch die Amerikaner und nun die andauernde Demütigung im Streit mit Libyen ist die Stimmung auf dem Tiefpunkt.»

Das Stimmungsbild, das die Schweizer Autoren in Deutschland von der Schweiz transportieren, ist ziemlich düster. So gern gesehen diese Artikel in Deutschland sind, so richtig glauben möchten ihnen viele Deutsche offenbar doch nicht: Die Schweiz ist noch immer das beliebteste Auswanderungsziel der Deutschen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.11.2009, 21:03 Uhr

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69 Kommentare

Robert Marek

16.11.2009, 15:02 Uhr
Melden

Es sind nicht nur die Journalisten, sondern auch die sog. Intelektuellen (z.b. Herr Muschg), die immer wieder ins gleiche Horn stossen und dabei noch - vor allem von linker Seite - Applaus ernten. Mit dem alten Spruch, wonach "nichts so alt ist, wie die Zeitung von gestern", kann man solche Artikel getrost zur Seite (sprich: zum Altpapier) legen. Antworten


Peter Meier

16.11.2009, 14:58 Uhr
Melden

Auch eine Art, die Schweiz in die EU zu kriegen: steter Tropfen... Antworten



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