Kultur

Die «teuflische Serviertochter Cosima» liess Merz nie los

Von Rico Bandle. Aktualisiert am 06.08.2010 7 Kommentare

Die literarischen Versuche von Hans-Rudolf Merz ernteten in den Medien nur Hohn und Spott. Der Bundesrat litt darunter, seine ganze Amtszeit über.

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Die Erzählung des Bundesrats als Fortsetzungsroman: Blick vom 3. Mai 2004.

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Mit Hans-Rudolf Merz und Moritz Leuenberger verlassen zwei Politiker den Bundesrat, die literarische Ambitionen hegen. Leuenberger erntete für seine zwischen Buchdeckeln gebundenen Reden durchaus Anerkennung, Hans-Rudolf Merz für seine «Erzählungen aus dem Appenzellerland» bestenfalls ein verschämtes Lächeln, schlimmstenfalls wurde deswegen gar seine Fähigkeit als Bundesrat in Zweifel gezogen. Das Buch unter dem Titel «Der Landammann» erschien 1992 im Appenzeller Verlag und war bei Merz Amtsantritt als Bundesrat längst vergriffen. Die höhnische Rezeption dieser Kurzgeschichtensammlung belastete Merz aber eine ganze Amtszeit lang.

Bei der Wahl von Merz im Oktober 2003 waren die literarischen Texte noch kein Thema. Den Stein ins Rollen brachte Anfang 2004 das St. Galler Kulturmagazin «Saiten». Es bat drei prominente Frauen, einen Text von Merz zu beurteilen ohne ihnen zu verraten, wer der Verfasser ist. Die Schriftstellerin Theres Roth-Hunkeler meinte nach der Lektüre: «Schlicht und einfach Kitsch. Oder es macht sich jemand lustig und verulkt das Genre Groschenroman – aber ich finde nicht die leiseste Ironie im Text.» Sie brachte damit die Schreibe Merz' perfekt auf den Punkt.

Gegenstand der Belustigung

Daraufhin wurden verschiedene andere Medien auf das Werk aufmerksam. Genüsslich wurden die erotischen Stellen zitiert. Zum Beispiel den Beschrieb der «teuflischen Serviertochter Cosima» aus «Der Landammann»:

«Sie besass einen wohlgeformten molligen Körper mit einem elegant aus der Hüfte schwingenden Gang, dessen Schritte leicht federten, süsse, maronenbraune Augen, eine gerundete Nase mit zum Geniessen geweiteten Flügeln sowie wulstige, weiche Lippen, dazu pechschwarzes Lockenhaar auf das sie sonntags oft eine Brokatkappe mit Reiherfedern legte, als gehörte sie zu den Damen der hohen Gesellschaft. Sie trug oft ein enganliegendes Kostüm, welches schlanke Schenkel andeutete und das den prallen, strotzenden Busen nur notdürftig verbarg.»

Dem «Blick» erlaubte Merz, den gesamten Landammann als Fortsetzungsgeschichte zu publizieren – ohne zu ahnen, dass das Buch auf der Redaktion an der Zürcher Dufourstrasse über Tage hinweg Gegenstand der Belustigung war.

Zitierung untersagt

Seither hat Merz nie mehr einen Text veröffentlicht, auch wollte er sich nicht mehr dazu äussern. «Die Phase des ‹Schriftstellers› Merz ist abgeschlossen», liess er verlauten. Geschrieben hat er aber immer noch. Zu seinen Hobbys gehört, «Plagiate» von bekannten Schriftstellern wie Max Frisch oder Friedrich Dürrenmatt zu schreiben, in denen er eigene Geschichten im Stil des jeweiligen Autors verfasst. Dumm nur, dass ein solcher Text plötzlich wieder in die Hände eines Journalisten geriet. «Die Wochenzeitung» (WoZ) veröffentlichte vor einem Jahr Auszüge aus einem «Plagiat nach Urs Widmer». In der Folge fragte der Tages-Anzeiger-Autor Constantin Seibt in einem Kommentar: «Kann man jemandem als Politiker trauen, der solchen Quark schreibt?»

Merz war über die neuerliche Berichterstattung über seine Schreibkunst dermassen erzürnt, dass er sowohl von der «WoZ» wie auch vom Tages-Anzeiger erfolgreich die Zusicherung verlangte, nicht mehr aus dem unveröffentlichten Text zu zitieren.

Trotz all dem: Die nächste Veröffentlichung eines Werks Merz steht kurz bevor. Der abtretende Bundesrat hat das Libretto zum Musikwerk «Henry Dunant – ein dramatisches Menschenleben» geschrieben (Komposition: Gion Antoni Derungs). Es kommt am 30. Oktober 2010 in der Evangelischen Kirche Heiden AR zur Uraufführung, wenige Tage nach seinem Abtritt in Bern. Ein Schelm, wer denkt, der Rücktrittszeitpunkt sei so gewählt, damit er die Kritiken nicht mehr als Bundesrat ertragen müsse. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.08.2010, 16:05 Uhr

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7 Kommentare

Vinzenz Rösli

06.08.2010, 16:52 Uhr
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Medienschaffend schreiben, was die potentiellen Leser erhoffen, damit die Zeitungen gekauft werden und der Zeitungsherausgeber Geld verdient. BR Merz ist daher nicht am Urteil der Medien zu beurteilen, sondern ob er keine Staatsverschuldung verursacht hat. Hat er - als einziger Finanzminister der EU, danke. Antworten


Stefan Frei

06.08.2010, 16:55 Uhr
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Ich bin auch kein guter Schriftsteller, kann aber trotzdem meinen Beruf gut ausführen. Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Herrn Merz' wegen seinem Hobby so ins Lächerliche zu ziehen, ist nicht richtig. Antworten



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