«Dieses Restrisiko ist der Preis der Freiheit»

Sind nun mehr Kontrollen gefragt – oder die Zivilgesellschaft? Bedrohungsexperte Jens Hoffmann über die Situation nach Brüssel.

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In Paris waren die Anschläge gegen den westlichen Lifestyle gerichtet, nun gegen öffentliche Verkehrsmittel. Was für ein Kalkül steckt dahinter?
Das Gesamtkalkül der Terroristen ist der Angriff auf unseren Lebensraum. Sie wollen Angst erzeugen, sodass sich niemand sicher fühlen kann. Die Logik hinter Anschlägen auf Transportmittel ist besonders fies: Viele Leute sind auf die öffentlichen Verkehrsmittel angewiesen. Ein Konzertlokal könnte man ja meiden, auch wenn Vermeidungsverhalten problematisch ist.

Wieso?
Weil man nun kühlen Kopf behalten sollte, ansonsten es zu einer permanenten Angstlage kommen könnte. Terroristische Bedrohungen sind Teil einer offenen Gesellschaft. Dieses Restrisiko ist der Preis der Freiheit.

Sehen Sie die Schweiz nach Brüssel stärker gefährdet?
Dadurch dass es ein Angriff auf die westliche Welt war, kann es in jedem westlichen Land zu Anschlägen kommen. Zumal die Gefahr meistens von Einzeltätern ausgeht, von Leuten in einer Krise, die glauben, durch die Tat etwas Grosses zu erreichen.

Werden wir strengere Kontrollen an Flughäfen sehen?
Ich denke nicht, dass dies das Problem lösen würde. Man kann den Punkt verschieben, wo es zur Eskalation kommen könnte, indem man die Kontrollen noch früher ansetzt. Doch dadurch erreicht man ja buchstäblich bloss eine Verschiebung der Grenzlinie, wo Anschläge passieren.

In Bahnhöfen gibt es keine Kontrollen, obwohl es immer wieder zu Anschlägen auf Züge kommt. Woher rührt die Fixierung auf Flughäfen?
Wahrscheinlich ist das Flugzeug seit den palästinensischen Anschlägen in den 70ern zu einem Symbol terroristischer Angriffe geworden. Fliegen ist ausserdem mit einem Gefühl des Kontrollverlusts verbunden. 9/11 hat diese Mechanismen dann natürlich verstärkt.

Nach 9/11 wurden die Sicherheitsmassnahmen weltweit verstärkt. War das aus Ihrer Sicht richtig?
Ich empfinde sie als angemessen, und den meisten Menschen verleihen sie ausserdem ein Gefühl der Sicherheit. Der Westen hat bei 9/11 allerdings militärisch überreagiert. Man ging den Tätern auf den Leim: Es kam zur Spaltung der Gesellschaft und so auch zu einem Gefühl der Unsicherheit. In England hat man während des IRA-Terrors gesehen, wie man es besser macht. Es bildete sich eine starke Zivilgesellschaft, man flüchtete sich nicht in eine «Krieg dem Terror»-Fantasie.

Lange sprach man von einem Spannungsfeld zwischen Sicherheit und Freiheit. Hat die Sicherheit inzwischen über die Freiheit gesiegt?
Das kann ich nicht abschliessend beurteilen. Wichtig ist, dass man Risiken und Freiheiten immer wieder abwägt. Vor allem sollte dies gesellschaftlich verhandelt werden: Welchen Preis ist man bereit zu bezahlen? Schnellschüsse, um Stärke zu markieren, bringen wenig. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 23.03.2016, 18:06 Uhr)

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Dr. Jens Hoffmann ist Leiter des Instituts Psychologie & Bedrohungsmanagement in Darmstadt. Der Kriminalpsychologe berät deutsche und Schweizerische Behörden und Unternehmen an der Schnittstelle zwischen Psychologie und Sicherheit.

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