«Dieses Thema ist zu blöd, als dass ich mich ernsthaft dazu äussern kann»

Interview: Rico Bandle. Aktualisiert am 17.05.2010 130 Kommentare

Schriftsteller Charles Lewinsky schrieb nach der Minarett-Abstimmung den wohl meistbeachteten Text gegen das Verbot. Dass nun auch über Burkas diskutiert wird, macht ihn sprachlos.

«Bei einem künstlichen Thema wie Burka oder Nicht-Burka kann man nur versuchen zu zeigen, wie lächerlich das Ganze ist»: Charles Lewinsky.

«Bei einem künstlichen Thema wie Burka oder Nicht-Burka kann man nur versuchen zu zeigen, wie lächerlich das Ganze ist»: Charles Lewinsky.
Bild: Keystone

Lewinskys Essay zum Minarett-Verbot

In seinem für den «Tages Anzeiger» formulierten Essay schrieb Charles Lewinsky über seine Romanfigur Eidenbenz, ein Musterbild eines Politikers, der mit dem Appell an dumpfe Vorurteile Karriere macht. Bei der Erfindung als Satire gedacht, bemerkte Lewinsky nach dem Ja zur Minarett-Initiative: «Eidenbenz ist die Realität.» Er appelliert an die Initiativgegner, sich nicht herauszureden: «Nicht ‹die andern› haben das Minarettverbot angenommen, sondern wir. Wir, die Stimmbürger.»
Zum Essay: hier klicken.

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Einige Monate sind seit der Minarett-Abstimmung vergangen, mit den Burkas geht die Diskussion wieder von vorne los. Was geht Ihnen da durch den Kopf?
Die Diskussion geht nicht von vorne los, sie hat nie aufgehört. Die Minarett-Debatte hatte sich als volksbewegend erwiesen, jetzt wird das Spiel einfach weitergetrieben. Wobei die Burka-Debatte noch unsinniger ist als die Minarett-Debatte.

Können Sie das erläutern?
Wie viele Burkas haben Sie schon angetroffen in der Schweiz?

Kaum eine. Aber ist die Anzahl überhaupt entscheidend?
Es gibt den schönen deutschen Ausspruch «ein Scheingefecht». Die ganze Burka-Debatte ist eine Gugus-Debatte. Da kann man sich nicht einmal ernsthaft dazu äussern.

Eine Schweizer Burkaträgerin wird zurzeit durch alle Talk-Shows geschleust. Die Menschen scheint das Thema doch irgendwie zu bewegen.
Im Grunde genommen ist dies der Mechanismus von Reality-Shows: Man sucht möglichst schräge und kontroverse Typen und präsentiert sie als Vertreter einer ganzen Gruppe. Die Journalisten machen genau dieses Idioten-Spiel mit: Herr Illi und seine verschleierte Frau sind für die Schweizer Muslime etwa so repräsentativ wie ich für das Schweizer Pferd.

In Ihrem Essay über die Minarette schrieben Sie, man müsse sich gegen diesen Populismus wehren. «Stehen wir nicht hochmütig beiseite, sondern bringen wir uns ein!» Wie soll man sich denn einbringen?
Bei einem künstlichen Thema wie Burka oder Nicht-Burka kann man nur versuchen zu zeigen, wie lächerlich das Ganze ist. Die einzige interessante Frage lautet: Wer hat ein Interesse daran, dass diese Debatte weitergeht?

Selbst die Bischofskonferenz hat sich für ein Burkaverbot ausgesprochen. Sind auch das Populisten?
Die Bischofskonferenz ist für ein Verbot? Das wusste ich nicht. Ich hoffe, die sind konsequent und fordern gleichzeitig auch ein Verbot der Nonnentracht!

Dem Gegenüber sein Gesicht zu zeigen ist ein zentrales Element unserer Kultur, so die Begründung vieler Gegner. Ist dies nicht ein legitimer Vorwand?
Ich wusste gar nicht, dass in der Bundesverfassung steht: «Jede Frau ist verpflichtet, ihr Gesicht zu zeigen.» Nein, entschuldigen Sie, aber dieses Thema ist zu blöd, als dass ich mich ernsthaft dazu äussern kann. Ich kann das einfach nicht ernst nehmen.

Der Israelitische Gemeindebund hat sich gegen ein Burka-Verbot ausgesprochen, für Sie kommt ein solches Verbot auch nicht infrage. Fürchten jüdische Vertreter, dass auch die Kleidung der orthodoxen Juden plötzlich unter Beschuss geraten könnte?
Als Jude ist man eher bereit für die persönliche Freiheit zu kämpfen. Das hat historische Gründe. Es ist auch interessant, dass gerade jene Gruppierungen, die die individuelle Freiheit sonst gross schreiben, jetzt andern vorschreiben wollen, wie sie rumzulaufen haben. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 17.05.2010, 14:33 Uhr

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130 Kommentare

Jacques Mata

17.05.2010, 16:57 Uhr
Melden

Jeder soll seine Religion ausleben dürfen wie er will. Das ist unsere Religionsfreiheit. Nur muss der Staat die Regeln festlegen bis an welche Grenzen. Lehrerin die in der Burka unterrichtet? Steuerbeamtin in der Burka? Schalterbeamtin bei der Post/Bank u.s.w.? Wohl kaum. Also privat kein Problem. Beruflich geht halt manches nicht. Und wenn man deswegen keinen Job findet, auch kein Arbeitsloseng. Antworten


Meier Werner

17.05.2010, 16:54 Uhr
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Richtig, Marc Keller. Und weil's so ist, wiederhol ich's hier gleich nochmals: Burka-Verbot ist kein Thema, das überhaupt eine Diskussion wert ist, sondern nur ein Ablenkungsmanöver unfähiger PolitikerInnen von wesentlichen Themen, die dringend einer Lösung bedürfen, abzulenken. Antworten



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